Biathlon-Saison geht in Kontiolahti auf die Zielgerade

Biathlon-Saison geht in Kontiolahti auf die Zielgerade

Die lange Zielgerade der BMW IBU Weltcup-Saison mit den Kristallkugeln als krönendem Abschluss beginnt an diesem Donnerstag in den ostfinnischen Wäldern um das Stadion von Kontiolahti. Im Fokus steht natürlich der Kampf um die gelben Trikots, vor allem bei den Damen, bei denen die Lokalmatadorin darum bemüht sein wird, nach enttäuschenden Winterspielen ihre Führung zu zementieren oder auszubauen. Bei den Herren ist das Ganze weiterhin eher ein Zweikampf.

Die spannendste Frage in dieser und den kommenden Wochen dürfte aber wohl sein, wie viel Sprit nach den langen Reisen, dem Stress und der Euphorie der Olympischen Winterspiele mental und körperlich bei den Athleten noch im Tank ist. Einige werden voller Energie und Kampfgeist in Finnland eintreffen, andere befinden sich schon eher auf dem absteigenden Ast ihrer Saison-Form. All das dürfte diese Woche wie auch die Wettkämpfe in Oslo und Tyumen später im Monat noch einmal spannend Machen.

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Heimspiel für Kaisa in Gelb
Fast alle haben in dieser Woche einen Tag mit der Anreise nach Joensuu verbracht - mit Ausnahme von Kaisa Mäkäräinen. Sie hat sich länger ausruhen können, musste nicht ihr Gepäck durch Flughäfen schleppen, tritt auf bekannten Strecken an, die sie wohl besser kennt als irgendjemand sonst und wird vor allem die ganze Woche lang in ihrem eigenen Bett schlafen. Der finnische Star wird auf jeden noch so kleinen Vorteil angewiesen sein, um den ersten Platz in der Weltcup-Gesamtwertung und das gelbe Trikot verteidigen zu können. Derzeit hat sie 592 Punkte, Anastasiya Kuzmina 577, Dorothea Wierer 525, Laura Dahlmeier 490 und Darya Domracheva 436. Theoretisch gesehen könnten sie allesamt in dieser Saison mit einer Siegesserie und einigen Aussetzern bei der Konkurrenz noch den Titel holen. Sie alle werden Mäkäräinen unter Druck setzen, insbesondere Kuzmina, die die große Kristallkugel als erklärtes Ziel für die restliche Saison ausgegeben hat.

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Mäkäräinen hat den Heimvorteil und will sicher beweisen, dass sie nach ihrem Medaillenpech bei den Winterspielen umso härter um die dritte große Kristallkugel kämpfen wird. Auch wenn sie nicht in Kontiolahti trainiert, sind die Strecken dort seit über einem Jahrzehnt ein Teil ihres Biathlon-Lebens. Die harten Strecken liegen ihr, und sie ist bei post-olympischen Weltcups in Kontiolahti immer sehr erfolgreich gewesen. 2014 erfreute sie die finnischen Fans mit einem Hattrick: Sie gewann zwei Sprints und die Verfolgung. Ein Doppelsieg in Sprint und Massenstart wird in dieser Woche nicht leicht, aber dank der kleinen Vorteile könnte sie es tatsächlich schaffen.

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Nastya und Doro
Kuzmina war bei den Winterspielen mit Goldmedaille Nummer 3 und zwei Silbermedaillen sehr erfolgreich. Die Saison läuft für sie fantastisch; sie ist bärenstark auf der Strecke und hat nur am Schießstand manchmal noch Aussetzer. Der slowakische Star führt die Sprintwertung mit zwei Siegen und einem zweiten Platz an und ist eine der wenigen Frauen, die mit ihrem rasanten Tempo ein oder zwei Strafrunden wieder herauslaufen können. Dieses Tempo hat sie ihrer körperlichen Stärke zu verdanken, die ihr beim Streckenprofil von Kontiolahti zugutekommt. Wenn sie an ihr Leistungsniveau von Pyeongchang heranreicht, wird sie mindestens einmal auf dem Podest stehen.

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Wierer hat wie ihre finnische Rivalin in Pyeongchang keine Einzelmedaille gewinnen können, holte sich aber die zweite Bronzemedaille mit der gemischten Staffel.  Im 15 km Einzel und im Massenstart schaffte sie es mit zwei respektive einem Fehler auf respektable Plätze 7 und 6. Diese starken Leistungen könnten ihr den richtigen Antrieb geben, um auf die beiden führenden Damen im Weltcup aufzuholen.

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Laura und Dasha

Dahlmeier war zu Beginn der Winterspiele mit Doppelgold in Sprint/Verfolgung der unangefochtene Star. Nachdem der Olympia-Druck nun weg ist, könnte sie sich mit einem Sprintsieg am Freitag noch um das gelbe Trikot bewerben. Trifft sie alles, hat sie beste Chancen und könnte die Staffel-Enttäuschung von den Winterspielen wiedergutmachen.

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Domracheva hatte anders als Kuzmina und Dahlmeier keinen guten Start in Pyeongchang. Im Massenstart und mit der Gold-Staffel wirkte sie dann aber entspannt und konzentrierter. Wie bei Dahlmeier ist auch bei ihr jetzt der Olympia-Druck weg, sie hat also durchaus Chancen auf zwei Podestplätze in dieser Woche. Die Weißrussin kann auf einige Erfolge in Kontiolahti zurückblicken. 2005 holte sie zwei IBU JWM-Titel und schaffte auch ihre ersten zwei Weltcupsiege an diesem Austragungsort, wenige Wochen nach ihrer ersten olympischen Medaille (15 km Bronze) 2010.

Natürlich werden noch eine Reihe anderer Damen um Podestplätze mitlaufen, aber vor allem diese fünf werden sich mit Elan in die Rennen werfen und alles geben, um noch mehr Preise zu gewinnen.

Biathlon-Saison geht in Kontiolahti auf die Zielgerade
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Entscheidungswoche im ewigen Zweikampf?
Da sind wir wieder bei der bekannten Geschichte angekommen: Bei den Herren ist es am Ende immer ein Zweikampf zwischen Martin Fourcade und Johannes Thingnes Boe. Kommt es vielleicht in dieser Woche zu einer Vorentscheidung?

Fourcade konnte in Pyeongchang am Ende mehr Edelmetall gewinnen; er holte zweimal Einzelgold sowie Gold mit der gemischten Staffel. Aber auch Johannes‘ Korea-Reise war keine völlige Katastrophe: Gold im 20 km Einzel sowie Silber mit der gemischten und mit der Herrenstaffel. Mit vier und sechs Strafrunden in Sprint und Verfolgung und den Plätzen 21 und 31 ist er an der Katastrophe auch nur sehr knapp vorbeigeschrammt, aber das liegt ja inzwischen auch schon wieder weit zurück.

Biathlon-Saison geht in Kontiolahti auf die Zielgerade

Vorteile
Der französische Star ist nach Korea mental im Vorteil und trägt Gelb. Er wird sich schwer ins Zeug legen, um den Gesamtweltcup zum siebten, ja, richtig, siebten Mal in Folge zu gewinnen. Dafür braucht es nur die üblichen Fourcade-Stahlnerven am Schießstand und die gewohnt solide Laufleistung.

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Aber ähnlich wie Mäkäräinen hat auch Johannes da noch eine gute Erinnerung im Ärmel: einen post-olympischen Hattrick mit zwei Sprintsiegen und einem Verfolgungssieg aus dem Jahr 2014. Und dann hat er hier 2015 auch noch seine erste Goldmedaille bei einer IBU WM gewonnen, damals im Sprint.

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Bereit zum Angriff

Ohne zu wissen, wie gut sich die beiden vom Korea-Ausflug erholt haben, liegt doch die Vermutung nahe, dass sich in dieser Woche nicht viel ändern wird. Trotzdem werden viele der anderen Herren versuchen, zu gewinnen oder zumindest aufs Podest zu kommen. Es wäre keine Überraschung, wenn Anton Shipulin die Chance ergreifen würde, Olympiasieger wie Fourcade, Johannes oder Arnd Peiffer zu entthronen. Wie so oft sind auch die Athleten gute Kandidaten, die in Pyeongchang leer ausgegangen sind, wie Julian Eberhard oder Tarjei.

Biathlon-Saison geht in Kontiolahti auf die Zielgerade
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Gemischte Staffeln

Bei den beiden gemischten Staffeln am Samstag geht es um den Saisontitel in dieser Disziplin. Deutschland führt diese Wertung derzeit mit 10 und 12 Punkten Vorsprung vor Norwegen und Italien an. Die Olympiasieger in der gemischten Staffel aus Frankreich könnten hier ein Wörtchen mitzureden haben, wenn sie zwei Siege zustande bringen. Das ist allerdings keine kleine Herausforderung. Deutschland wird vermutlich nach dem haarscharfen 4. Platz in Pyeongchang auf Rache sinnen. Norwegen ist durch den Ausfall des erkrankten Emil Hegle Svendsen geschwächt. Bei den post-olympischen gemischten Staffeln in Kontiolahti 2010 stand Norwegen mit Tarjei Boe als Schlussläufer, Deutschland mit Simon Schempp als Schlussläufer und Italien mit Lukas Hofer auf dem Podest. In den letzten Jahren hat sich nicht viel verändert: Die Mannschaften sind die Gleichen geblieben, auch an der Besetzung hat sich nicht zu viel geändert. Simon Eder und Lisa Theresa Hauser werden versuchen, ihren Sieg in der einfachen gemischten Staffel aus Östersund zu wiederholen. Eine weitere mögliche Paarung ist Fourcade mit der ausscheidenden Marie Dorin Habert, die noch einmal siegen will. Wie immer versprechen diese zwei Staffeln viel Spaß.

Biathlon-Saison geht in Kontiolahti auf die Zielgerade
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Bereit für den Sprint... oder den Strand

Kontiolahti wird ähnlich laufen wie die Saisoneröffnung in Östersund. Viele Athleten werden bereit sein für die lange Zielgerade zum Saisonende, einige werden ihr olympisches Leistungshoch aber schon hinter sich haben und mit den Gedanken schon am Strand sein. Am Sonntagabend wird auch die Frage nach dem gelben Trikot klarer sein, und eine weitere kleine Kristallkugel wird vergeben sein. Es wird sich zeigen, wer noch genug Reserven hat, um die letzten Saisonwochen zu überstehen und einen letzten Preis mit nach Hause zu nehmen.

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