Fehlerfreies Schießen als Schlüssel zum Erfolg?

Fehlerfreies Schießen als Schlüssel zum Erfolg?

Im Dualsport Biathlon war das Schießen schon immer einer der Schlüsselfaktoren. Eine schnelle Laufleistung kombiniert mit unzähligen Strafrunden wird einen Athleten niemals auf einen Treppchenplatz bringen. In den vergangenen Saisons hat sich vor den Augen der Trainer und Athleten eine leise Revolution am Schießstand vollzogen, als Martin Fourcade im BMW IBU Weltcup, bei der IBU WM und den Olympischen Winterspielen von einem Sieg zum nächsten fegte. In der letzten Saison gingen dreizehn Siege bei den Herren und zwölf Siege bei den Damen an fehlerfrei gebliebene Athleten.

Fehlerfreies Schießen als Schlüssel zum Erfolg?

Schießstand als „Insel der Ruhe“

Fourcade ist ein Meister, wenn es darum geht, sich im Training physische Höchstleistungen abzuverlangen, um in der Loipe Schnelligkeit mit maximaler Ausdauer zu kombinieren. Doch während er über den Schnee fliegt, ist er gleichzeitig eine „Insel der Ruhe“ am Schießstand. Er kann schnell schießen, wenn er muss, doch meistens setzte er seine Schüsse langsamer als seine Konkurrenten. Und seine Rechnung geht auf: Er trifft viele Scheiben und fährt dadurch viele Siege ein! Trainer haben oftmals auf schnelles, akkurates Schießen gesetzt, aber die kleine Revolution, die Fourcade ins Rollen gebracht hat, hat diesen Trend etwas umgekehrt. Akkuratesse kommt nun an erster Stelle; Schnelligkeit ist zweitrangig, denn die liegengebliebenen Sekunden kann man auf der Strecke wieder gutmachen. Ein paar Sekunden am Schießstand zu verlieren und dadurch eine Scheibe mehr zu treffen ist besser, als zusätzliche 150 Meter in der Strafrunde absolvieren zu müssen.

Fehlerfreies Schießen als Schlüssel zum Erfolg?

Sieben Siege und große Vorsprünge

Ein fehlerfreies Schießen kann der Schlüssel zum Sieg sein. In der vergangenen Saison gewann Fourcade vierzehn Einzelrennen und in blieb bei sieben seiner Siege fehlerfrei. Doch der Franzose zeigte nicht nur tadellose Schießeinlagen, sondern kam bei einigen seiner Triumphe auch mit riesigen Vorsprüngen ins Ziel: 41,5 Sekunden im Sprint von Östersund vor dem ebenfalls fehlerfrei gebliebenen Fredrik Lindström sowie 34,5 Sekunden im Verfolger von Pyeongchang vor dem tadellosen Schützen Anton Shipulin. Fourcade setzte in der letzten Saison phänomenale 90% aller seiner abgegebenen Schüsse ins Schwarze: 92% im Liegendanschlag und 88% im Stehendanschlag. Diese Zahlen belegen schwarz auf weiß wie eng fehlerfreie Schießeinlagen und Siege zusammenhängen.

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Johannes und Mazet

Von insgesamt dreizehn Siegen mit fehlerfreien Schießeinlagen in den Herrenrennen gingen sieben auf Fourcades Konto. Auf Rang zwei in dieser Wertung landete nicht ganz überraschend Johannes Thingnes Boe. Der Norweger schaffte in der vergangenen Saison zwei Triumphe im Massenstart von Antholz und dem Sprint von Oslo – und blieb beide Male fehlerfrei. Allerdings räumte er noch drei weitere Male alle Scheiben ab und verpasste dennoch den obersten Treppchenplatz. Boe konnte in der letzten Saison eine Trefferquote von 88% verzeichnen und lag damit um einiges höher als seine 85%, 82% und 82% der vorangegangenen drei Saisons. Ironischerweise steht bei den Norwegern seit dieser Saison derselbe Schießtrainer hinter dem Glas, der Fourcade auf die Erfolgsspur geführt hat: Siegfried Mazet.

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Drei Weltmeister

Neben diesen beiden konnten auch noch andere dank fehlerfreier Schießeinlagen Siege verzeichnen, darunter Arnd Peiffer sowie die Weltmeister Simon Schempp, Lowell Bailey und Benedikt Doll.

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Laura: Vier Fehler bei 130 Schüssen

Bei den Damen führt Laura Dahlmeier die Wertung der 12 fehlerfrei gebliebenen Siegerinnen an: Vier ihrer zehn Siege errang sie mit tadellosen Schießeinlagen. Doch anders als Fourcade führte sie im Ziel nur mit kleinen Vorsprüngen von weniger als 10 Sekunden. Es gab nur eine Ausnahme: Im Verfolger von Pyeongchang nahm sie der Zweitplatzierten und mit zwei Strafrunden belasteten Kaisa Mäkäräinen 1:12,6 ab. Natürlich war die Finnin bereits mit einem Rückstand von 58 Sekunden ins Rennen gegangen und musste dann zweimal 150 Extrameter absolvieren… Die Deutsche zeigte in der vergangenen Saison bemerkenswerte Konstanz: solide Schießeinlagen – mit Ausnahme des 31. Platzes im Sprint von Oslo – und schnelle Laufleistungen brachten ihr die Große Kristallkugel ein. Dahlmeier traf 88% ihrer abgegebenen Schüsse. Ihre persönliche Bestleistung hatte sie allerdings in der Saison 2014/15 mit 92% geschafft. Doch zu einem bestimmten Zeitpunkt der Saison zwischen WM-Sprint und Verfolgung in Kontiolahti verfehlte die mehrfache Weltmeisterin nur vier von 130 abgegebenen Schüssen in Einzelrennen!

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Gabi und das lange Warten

Gabriela Koukalová landete in der Wertung der fehlerfreien Siegerinnen auf Rang zwei hinter Dahlmeier. Bei drei ihrer fünf Siege räumte sie alles ab. Der tschechische Star mit den flammend roten Haaren war nicht so akkurat wie Fourcade, verfolgte aber eine ähnliche Schießtaktik. Oftmals ging sie im Verfolger und Massenstart erst nach ihren Konkurrentinnen vom Schießstand weg, hatte aber im Vergleich zu denen alle Scheiben getroffen. Sie ist dafür bekannt, öfter einmal innezuhalten und zu warten, bis der Wind abflaut oder ihre Beine aufhören zu zittern, um so sicherzustellen, dass die Patrone auch wirklich ihr Ziel trifft. In Anbetracht dessen, dass sie in der letzten Saison nur sechs Mal fehlerfrei blieb, ist ihre Siegesrate mit tadellosen Schießeinlagen von 50% sehr imposant. Koukalová versenkte 88% ihrer abgegebenen Schüsse. In der Saison 2015/16, in welcher sie sich den Weltcupgesamtsieg holte, waren es sogar 92%.

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Andere Damen, die sich dank ihres tadellosen Schießens einen Sieg sichern konnten, waren unter anderem Tatiana Akimova, Kaisa Mäkäräinen, Nadine Horchler, Tiril Eckhoff und Mari Laukkanen.

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Immer noch eine Doppeldisziplin

Sowohl bei den Herren als auch bei den Damen gab es einige, die zwar einmal oder auch mehrmals fehlerfrei blieben, es aber dennoch nicht ganz oben aufs Treppchen schafften. Die „Fourcade Revolution“ hat dazu geführt, dass sich die Athleten wieder mehr auf das Treffen der Scheiben konzentrieren. Ein fehlerfreies Schießen wird immer ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum Sieg sein, doch Biathlon ist und bleibt eine Doppeldisziplin: Die Athleten müssen tadellos schießen UND schnell laufen.

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