Ja - man kann

Ja - man kann "Nein" sagen

Er war zwanzig Jahre alt, studierte Wirtschaft und Marketing und lebte im beschaulichen Neuseeland ganz in der Welt des Straßenradrennens. Er war einfach ein junger Mann, der davon träumte, einmal zur Radsportelite Europas zu gehören.

Ja, er hatte von Dopingskandalen gehört. Ja, er wusste um die nicht ganz lupenreine Reputation der italienischen Profimannschaften. Aber sein Traum war stärker und als er eines Tages einen Anruf bekam, dachte er nicht lange darüber nach. Warum sollte er?

Es würde ihm schließlich nicht passieren, oder?

Ja - man kann

Nicht in dem Team, dass ihn ausgewählt hatte und bereit war, seine Kosten zu decken, ihm ein Sprungbrett in die Welt des Profiradsports zu bieten und ihm einen kleinen Einblick in die Welt zu gewähren, die vielleicht eines Tages sein Leben bestimmen würde: Giro d’Italia, Vuelta, ja, warum nicht auch die Tour de France?

Als Toby Atkins, ein Brite mit neuseeländischem Pass, Anfang 2015 in Sizilien ankam, wartete niemand auf ihn. Also setzte er sich einfach an den Straßenrand, zusammen mit seinen zwei Taschen, in denen er all seine Habseligkeiten verstaut hatte, und seinem Rennrad, das all seine Hoffnungen und Träumen verkörperte. Zwei Stunden später holte ihn der Teammanager ab und brachte ihn in ein Haus in den Bergen. Ein Haus ohne Adresse und besonderen Merkmalen, ein Versteck, das Doping-Kontrolleure nur schwer finden würden.

„Jeder war sehr nett zu mir, als ich ankam. Daher störte mich der Gedanke, in einem Haus ohne Adresse gelandet zu sein, anfangs nicht allzu sehr“, sagt Atkins, der zu Gast beim BMW IBU Weltcup in Hochfilzen ist und dann weiter zum IBU Junior Cup und IBU Cup reiste, um mit zukünftigen Biathlonstars über Dopingfallen und Dilemmas zu sprechen, denen ein Athlet in seiner Karriere vielleicht einmal gegenübersteht. „Die erste Woche war toll. Das Training war sehr, sehr anstrengend, aber ich habe mich gut geschlagen. Nach sechs Tagen fühlte ich mich erschöpft und fing an mich zu wundern, warum die Hälfte meiner Kollegen überhaupt keine Anzeichen von Müdigkeit zeigten. Ich bat den Teammanager um einen Tag Pause. Erst sagte er nichts. Dann legte er am nächsten Morgen beim Frühstück ohne ein Wort drei orangefarbene Pillen vor mich hin. Keine Sorge, sagte er mir, das sind nur Vitamine, die dir bei der Regeneration helfen werden. Auf den ersten Blick sahen sie aus wie Omega-3- Pillen, aber auf ihnen waren Buchstaben eingraviert. Mir wurde klar, dass hier etwas im Argen lag. Ich sollte dopen und ich wusste nicht, was ich tun sollte. Mir kamen Zweifel, die mir keine Ruhe mehr ließen. Ich war völlig schockiert.“

Toby nahm die drei orangefarbenen Pillen, steckte sie in seine Tasche, ging in sein Zimmer und googelte die eingravierten Buchstaben. Er fand heraus, dass es Testosteron- und keine Omega-3- Pillen waren.

Ja - man kann

Aber im Ernst, was sollte, was konnte er tun? Den Teammanager herausfordern und ihn beschuldigen, ihm Dopingmittel verabreicht zu haben? Seine Mannschaftskollegen fragen, die er kaum kannte, ob sie etwas über Doping im Team wussten und so vielleicht auch deren Träume zerstören? Sollte er lieber jemanden im Britischen Radsportverband um Rat bitten? Denn er hatte sich nicht nur gegen die Einnahme der Pillen entschieden, sondern fürchtete nun auch um seine Sicherheit.

Wer konnte ihm in den sizilianischen Bergen helfen?

Toby entschied, sich zuerst an einen Freund der Familie zu wenden, der mit dem Britischen Radsportverband zu tun hatte. Mit dessen Hilfe konnte er das Büro der UCI in Aigle, Schweiz, kontaktieren.

„Als erstes wandte ich mich an die Rechtsabteilung der UCI. Sie kontaktierten mich innerhalb von 24 Stunden nachdem ich mein Problem dem Britischen Verband gemeldet hatte. Das beruhigte mich ein wenig und gab mir mehr Selbstvertrauen. Ich hatte gedacht, dass alles viel länger dauern würde. Das wichtigste Anliegen der UCI war meine Sicherheit. Wir entwickelten einige Alternativpläne, wie ich das Haus unauffällig verlassen konnte. Ich war sehr müde und konnte mich kaum auf den Beinen halten. Also fragte ich den Teammanager nach einem Tag Pause. Ich war allein im Haus und durchsuchte es im Einvernehmen mit der UCI. Ich ging auch die Sachen meiner Kollegen durch und fand alle möglichen Arten von Pillen und Spritzen. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich immer noch, dass das alles allein das Werk des Teammanagers war. Und ich vertrete bis heute den Standpunkt, dass jeder unschuldig ist, bis das Gegenteil bewiesen wurde“, erzählt Toby. Er versuchte, den Vertrag zu beenden und schaffte es schließlich, indem er erklärte, dass er nicht länger eine Karriere als Profiradsportler verfolgte. „Es fühlt sich immer noch falsch an, dass ich diese Ausrede gebraucht habe, aber es war das Einzige, was in meiner Situation funktionieren konnte.“

Als Toby Sizilien verließ, hatte er seit einer gefühlten Ewigkeit nichts mehr von der UCI gehört. Er machte in dieser Zeit eine schwerwiegende persönliche Krise durch, die geprägt war von Phasen der Wut, Traurigkeit, Frustration und unglaublicher Enttäuschung. An manchen Tagen machte er eine Radtour, dann hielt er mittendrin plötzlich an, setzte sich an den Straßenrand und fing an zu weinen. Nichts ergab mehr Sinn, gar nichts.

Und dann klingelte nach zwei Monaten das Telefon. „Es war das Büro der UCI. Sie teilten mir mit, dass das Mannschaftshaus durchsucht, der Teammanager verhaftet und wegen Drogenhandels ins Gefängnis geworfen worden war. Ich war erleichtert, denn ich hatte das Richtige getan.“, erinnert sich Toby, der seine Entscheidung nicht nur aufgrund moralischer Gründe traf. Er dachte dabei auch an gesundheitliche Langzeitfolgen, etwas, das viele junge Topathleten oftmals auf dem Kopf verbannen. „Ich wollte mein Leben durch Doping nicht um zehn Jahre verkürzen“, sagt Toby. Überraschend für ihn merkte er bald, dass er nicht als Aussätziger, sondern vielmehr als Vorbild gesehen und behandelt wurde. „Es ist vollkommen in Ordnung, sich zu wehren und Nein zu Doping zu sagen“, sagt Toby selbstbewusst.

Hinweis: Eine längere Version des Features über Toby Atkins erscheint im nächsten IBU Magazin.

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