Anais und Amanda: Pandemie fern der Heimat

Anais und Amanda: Pandemie fern der Heimat

Als die BMW IBU Weltcupsaison ein frühes Ende nahm, machten sich Anais Bescond und Amanda Lightfoot auf den Weg nach Kanada und Großbritannien, um in der Erholungsphase Zeit mit Freunden und Familie zu verbringen. Keine der beiden konnte ahnen, dass sie noch dort immer noch sein würden, wenn die Vorbereitung auf die neue Saison beginnt, weit weg von Zuhause und der vertrauten Umgebung.

Toilettenpapier und Nudeln

Lightfoot sinniert über die letzten Tage in Kontiolahti: „Wir leben in dieser Biathlon-Blase und haben vielleicht nicht wirklich mitbekommen, wie ernst die Lage war. Mir ist das erst aufgegangen, als mein Bruder mich gebeten hat, Toilettenpapier und Nudeln mitzubringen, weil beides in Großbritannien nicht mehr zu bekommen war. Ich bin also um die Ecke vom Hotel einkaufen gegangen, habe alle Nudeln und alles Toilettenpapier gekauft und meine Reisetasche damit vollgepackt. Bis auf meinen Schlafanzug, einen Satz warme Trainingssachen und ein anderes Outfit habe ich alles im Mannschaftsbus gelassen, weil ich ja nur für zwei Wochen weg sein wollte, und wenn mir etwas fehlte, konnte ich es ja dort kaufen.“

Einfacher Flug nach Kanada

Für Bescond ging es von Finnland aus direkt nach Hause. Wie ernst die Lage war, wurde ihr erst klar, nachdem sie eine Rede vom französischen Präsidenten Emmanuel Macron gehört hatte. „Ich kam nach Hause und hörte, dass der Präsident Quarantänemaßnahmen ankündigte. Ich hatte ursprünglich für die Zeit vom 10. April bis zum 11. Mai gebucht, aber nachdem ich das gehört hatte, buchte ich einen einfachen Flug und flog am nächsten Tag los.“

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Länger als zwei Wochen

Elf Wochen später sind beide Frauen immer noch im „Exil“, aber unter sehr unterschiedlichen Umständen. Lightfoot mit ihrer Tasche voller Nudeln ist immer noch bei ihrem Bruder in Stafford, etwa 110 km südöstlich von Liverpool. „Er war der einzige in meiner Familie mit einem Gästezimmer, aber er hat zwei kleine Kinder. Als ich dort ankam und die Ausgangssperre verhängt wurde, sagte er, ‚Ich glaube, das wird deutlich länger gehen als zwei Wochen.‘“ Weiter sagt sie: „Anfangs, in der Erholungsphase, war ich wie ein Kindermädchen, habe im Haushalt geholfen und mit meinem vierjährigen Neffen gespielt... Wir haben uns Essen liefern lassen und versucht, uns zu isolieren, aber dann konnten sie Grundnahrungsmittel wie Milch und Mehl nicht mehr liefern. Vor einigen Wochen änderte sich die Lage dann, sodass einer von uns einmal in der Woche einkaufen geht. Das absolute Highlight ist, wenn derjenige dann nach Hause kommt und wir nachschauen, was es alles gab!“

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Winter in den Rockies: Harsch, Bagels und wilde Tiere

Die kürzlich 33 gewordene Bescond gibt zu, dass sie Glück hat, bei ihrem Freund in Canmore zu sein, wo sie nach draußen dürfen, das Winterende in den Rockies genießen können und Neues erleben können. „Es ist so schön, hier zu sein... Ich bin beeindruckt davon, wie die Kanadier mit dieser Situation umgegangen sind... Mir fehlt meine Familie, und ich wäre gern bei ihnen in Frankreich, aber selbst wenn ich dort wäre, dürfte ich sie nicht sehen und mich nicht sehr weit von meinem Haus entfernen. Die Erholungsphase hier war sehr wichtig für mich, weil ich mir im Winter eine Knieverletzung zugezogen hatte. Es war wichtig, trotzdem aktiv zu bleiben. Wir gehen jeden Tag mindestens eine Stunde spazieren. Ich genieße die Landschaft und die Berge. Wir waren auf Harsch Skifahren, das hatte ich noch nie im Frühling unter diesen Bedingungen ausprobiert. Ich habe auch ganz alleine Bagels gemacht, weil ich die sehr gerne esse.“

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Beide Frauen konnten der Ausgangssperre in Großbritannien und der kanadischen Empfehlung, zuhause zu bleiben, auch etwas abgewinnen. Bescond sagt: „Ich fühle mich hier wie ein kleines Kind. Jeden Tag entdecke ich neue wilde Tiere, kleine und große, von Streifenhörnchen, die wir in Frankreich nicht haben, bis hin zu Wapitis. Sie kommen fast jeden Tag zum Grasen vor unser Haus. Und es ist nicht nur eines, sie sind immer zu mehreren, das ist unglaublich. Ich genieße das sehr, weil es so ganz anders ist.“

Jagd auf Inline Skates: Stunts, Barbie und schiefe Blicke

Lightfoot erlebte einige der lustigsten Momente beim Online-Shopping. „Ich kam hier völlig ohne Trainingsausrüstung an. Mein Gewehr, Rennrad, Skiroller und Kleidung, alles ist in Italien oder Ruhpolding. Als mir klar wurde, dass ich irgendwann wirklich trainieren müssen würde, habe ich versucht, Skiroller zu kaufen, aber die waren alle sündhaft teuer, also habe ich mich für Inline Skates entschieden. Ich habe ein bezahlbares Paar gefunden, und dann kam dieses riesige Paket, und das waren Aggressive Skates für Stunts, die ungefähr fünf Kilo wogen und super für Grinds und Flips waren! Dann habe ich ein paar normale gefunden, den Karton aufgemacht und es waren winzige pinke Kinderskates im Barbie-Design - in Kindergröße 8. Danach habe ich endlich bei Decathlon ein passendes Paar gefunden, und Skistöcke von Salomon.“

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Wenn sie jetzt damit herumfährt, wird sie von den Passanten bewundernd oder auch belustigt angestarrt, weil für sie der Anblick doch etwas ungewohnt ist. „Ich fahre auf Inline Skates in Stafford herum, und die Leute schauen mich total schief an. Mein Bruder hält mich für verrückt: ‚Amanda, du bist 33 und fährst auf Inline Skates durch die Gegend.‘ Ja, ich weiß... das ist eben Training. Wenigstens bin ich mit Helm und Sonnenbrille nicht so gut zu erkennen.“

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Hin und zurück

Die Vorbereitung auf die neue Saison sieht für beide ganz unterschiedlich aus. Die britische Biathletin, die hofft, sich für ihre dritten Winterspiele 2022 zu qualifizieren, macht das beste aus einer schwierigen Situation. „Ich kann laufen, Inline skaten und Rennrad fahren. Es gibt keine Hügel oder Berge. Es ist sehr flach hier. Fürs Radfahren leihe ich mir das Mountainbike meiner Schwägerin. Das ist nicht perfekt, aber es reicht. Es gibt genau eine Straße, auf der ich joggen gehe, 12 Meilen hin und 12 Meilen zurück, eine schnurgerade Straße. Dann gibt es eine Straße, auf der man skaten kann, Doxey Road, das sind hin und zurück 10 km, also muss ich das zweimal machen. Jedes Mal, wenn ein Auto kommt, muss ich von der Straße runter, anders als in Deutschland, wo die Autos einen überholen... Ich kann nicht ins Fitnessstudio, wo ich sonst um diese Zeit dreimal die Woche trainieren würde. Es ist eine Herausforderung und ganz anders als sonst.“

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Familie aufwachsen sehen

Dann lenkt auch die Familie vom Training ab. „Manchmal will mein vierjähriger Neffe mit mir spielen, bevor ich trainiere, oder wenn ich zurückkomme, also ist mein Zeitplan nicht immer ideal. Aber es ist trotzdem eine tolle Erfahrung, ihn und seine Schwester aufwachsen zu sehen. Das war bislang einfach nicht möglich... Ich bin seit 16 Jahren nicht mehr so lange am Stück in Großbritannien gewesen, außer für den Wehrdienst.“

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Laufen und Mountainbiken in Canmore

Für Bescond hat sich Canmore wieder einmal als Trainingsparadies bewiesen. „Es ist so einfach, hier zu trainieren... Mein Training ist definitiv anders als sonst. Ich habe Mitte April angefangen, was früh ist, aber die Saison war ja auch kürzer. Ich habe mit Skifahren angefangen, weil es am Nordic Center immer noch schön war, auch wenn die Strecken nicht präpariert waren. Die Schneebedingungen waren sehr gut. Ich war total motiviert, Skilaufen zu gehen. Ich bin auch Rennrad fahren und laufen gewesen, was toll ist, weil ich letztes Jahr wegen meines Knies nicht laufen konnte.“ Weiter sagt sie: „Ich bin eine brave Schülerin. Ich befolge den Plan von meinem Trainer, aber ich passe ihn an: Gestern war ich zum Beispiel Mountainbiken mit (dem ehemaligen kanadischen Cheftrainer) Matthias Ahrens. Wir sind gute Freunde und kennen uns seit 15 Jahren. Canmore ist für Mountainbiker ein Paradies. Ich halte mich an den Plan, aber ich habe den Spielraum, das zu tun, was sich für mich am Besten anfühlt.“

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Neuer Gewehrschaft

Sie hat auch angefangen zu schießen. „Mein Gewehr war im französischen Ski-Truck, das kam erst an, nachdem ich schon nach Kanada abgereist war. Als ich hier ankam, wusste ich noch nicht, wie lange ich bleiben würde. Nach einer Woche ist mir klargeworden, dass ich etwas unternehmen muss, weil ich möglicherweise eine Waffe brauchen würde. Vor drei Jahren hat die Universität in Annecy meinen Schaft gescannt. Ich habe mir diese Dateien besorgt und Dave von Craft Collective in Quebec hat mir eine Version in Ahorn gemacht. Die Größe ist perfekt, jetzt muss ich nur schauen, ob er gut passt. Wenn ja, behalte ich ihn. Wenn nein, ist es ein schönes Souvenir...“

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*Unsicherheit *

Inzwischen steht der Sommer vor der Tür, und beide Frauen freuen sich auf eine Rückkehr zur Normalität. Die Situation bleibt schwierig, vor allem für Lightfoot. „Ich sehe das nur als einen kleinen Umweg auf meinem Weg zu Olympia. Der schwierigste Teil ist die Unsicherheit, nicht zu wissen, was wird. Erst waren es drei Wochen Ausgangssperre, dann noch mal drei. Ende des Monats wird es eine neue Ankündigung geben, und vielleicht eine Verlängerung der Ausgangssperre. Wir hatten gehofft, im Juni mit der britischen Mannschaft nach Schottland ins Trainingslager fahren zu können, aber wir wissen nicht, ob daraus was wird, weil die Vorschriften in Schottland, Irland und Großbritannien jetzt unterschiedlich sind... Ich habe nach Flügen nach Mitteleuropa geschaut, und es sieht so aus, als könnte es Anfang Juli wieder welche geben. Das ist jetzt also mein Ziel, zurückzukommen und ein paar Trainingslager zu absolvieren.“

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Rückkehr nach Frankreich mit gemischten Gefühlen

Besconds Pläne stehen derweil schon fest. Sie hat jetzt ein Ticket und wird Anfang Juni nach Frankreich zurückkehren. Der Rückkehr sieht sie mit gemischten Gefühlen entgegen. „Ich muss sagen, einerseits freue ich mich, aber andererseits auch nicht so, wegen Corona... Es ist schwer, mich von meinem Freund zu verabschieden, weil ich nicht weiß, wann ich ihn wiedersehen werde. Das ist der traurige Teil. Der schöne Teil ist, dass ich wieder nach Hause kann, meine Freunde und Familie sehen kann und wieder mit meinem Trainer und meinen Freunden trainieren kann. Das ist mein Leben!“ Trotzdem hat die erfahrene Französin Bedenken, wie das Training mit der Mannschaft wohl aussehen wird. „Wir wissen nicht, wie es weitergeht. Ich glaube nicht, dass es schön wäre, im Trainingslager zu sein und Abstand halten zu müssen. Das wird so komisch. Mir wird das nicht gefallen. Ich mag Menschen und küsse sie gern. Ich halte nicht gern Abstand zu Menschen.“

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Schöne Natur und Optimismus

Für diese zwei Frauen sind noch viele Fragen offen, was ihre sportliche Karriere und ihr Leben in den nächsten Monaten und Jahren angeht. Lightfoot ist sich dessen bewusst geworden, dass „ich das ganze Zeug, was ich habe, gar nicht brauche, und jetzt schaue ich mich einfach um und genieße die schöne Natur um mich herum. Die habe ich vorher nicht so wahrgenommen.“

Die immer lächelnde Bescond ist optimistisch. „Ich bin fest entschlossen, daran zu glauben, dass auch aus dieser fürchterlichen Zeit am Ende Gutes hervorgehen wird.“

Photos: Amanda Lightfoot, Anais Bescond, IBU/ Evgeny Tumashov, Jerry Kokesh

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