Anastasiya Merkushyna: „Das Training mit meinem Vater hat viele Vorzüge“

Anastasiya Merkushyna: „Das Training mit meinem Vater hat viele Vorzüge“

In der Welt des Biathlons kommt es immer wieder vor, dass Eltern die Leidenschaft für ihren Sport an den Nachwuchs weitergeben. Auch Anastasiya Merkushyna ist in einer „Sport-Dynastie“ groß geworden. Dabei ist die junge, ambitionierte Athletin längst in die sportlichen Fußstapfen ihrer Eltern Irina und Oleh Merkushyn getreten, die sie heute trainieren.

Vor neun Jahren stand Anastasiya Merkushyna bei den IBU Jugend- und Junioren-Weltmeisterschaften in Nove Mesto na Morave erstmals bei einem internationalen Wettkampf auf dem Podium. Nach diesem Erfolg trainierte sie weiterhin unermüdlich hart und schaffte schließlich den Sprung ins ukrainische Nationalteam. Dort gehört sie zum festen Bestandteil der Damenstaffel. Die 25-Jährige konnte in ihrer Karriere bereits drei WM-Staffelmedaillen gewinnen und auch in den Einzelrennen einige Top-10-Platzierungen verzeichnen. Doch sowohl Anastasiya als auch ihr Vater und Trainer Oleh sind überzeugt, dass sie ihr Potenzial noch nicht voll ausschöpft und weiter an sich arbeiten muss.

Anastasiya Merkushyna: „Das Training mit meinem Vater hat viele Vorzüge“

Zwei Coaches im Haus

„Nicht nur mein Vater ist Trainer. Auch meine Mutter, eine ehemalige Biathletin, ist mittlerweile im Trainergeschäft tätig. Nach dem Ende ihrer aktiven Laufbahn hat sie mich unter ihre Fittiche genommen und mir die Grundlagen beigebracht“, so Anastasiya. „Bei uns zu Hause dürfen sich heute zwei Familienmitglieder mit der Auszeichnung ‚Verdienter Trainer der Ukraine‘ schmücken. Es ist großartig, wenn dich deine Eltern nicht nur verstehen, sondern darüber hinaus mit Herz und Seele ­– und natürlich auch finanziell – unterstützen. Sie geben alles für mich und den Sport.“

„Ich erinnere mich noch, als wir mein Abschlusskleid kaufen waren. Als mein Vater das Preisschild sah, schreckte er auf und rief: ‚Für das Geld können wir eine Langhantel fürs Training besorgen‘. Wenn es um die Frage ging, ob wir etwas Wichtiges für die Familie anschaffen oder das Geld für meine Reisen zu den Wettkämpfen ausgeben, haben sich meine Eltern immer für Letzteres entschieden.“

Anastasiya Merkushyna: „Das Training mit meinem Vater hat viele Vorzüge“
Anastasiya Merkushyna: „Das Training mit meinem Vater hat viele Vorzüge“

Die Zusammenarbeit mit der eigenen Familie kann für eine Athletin angenehm und produktiv sein. Doch wie denkt eigentlich ein Vater darüber, der seine Tochter auf eine Karriere im Biathlon vorbereitet? Oleh Merkushyn: „Ich glaube, es ist einfacher, die eigenen Kinder zu trainieren. Sie haben mehr Verständnis und man kennt sie viel besser. In meiner Trainer-Laufbahn war ich für viele Athletinnen und Athleten verantwortlich, daher kann ich mir da schon ein Bild machen. Manchmal kommt es vor, dass Sportler ein bestimmtes Niveau erreichen und dann einen Trainerwechsel vornehmen, weil das gegenseitige Verständnis verlorengegangen ist. Doch wenn man jemanden trainiert und lange zusammenarbeitet, wird dieser Schützling fast wie ein eigenes Kind. Es gibt nur einen großen Unterschied: Was immer auch passiert, dein Kind wird dir alles verzeihen und irgendwann wieder zu dir zurückkommen. Und wenn man mit der eigenen Tochter in einem Haus zusammenwohnt, weiß man fast alles über sie.“

Anastasiya Merkushyna: „Das Training mit meinem Vater hat viele Vorzüge“

„Von unserem Weg überzeugt“

Wenn ein Vater nahezu alles über sein Kind weiß, ist das für ihn sicherlich gut. Doch wie steht die Tochter dazu? Anastasiya für ihren Teil ist überzeugt, dass trotz einiger Nachteile die Vorteile eines solchen „Heim-Trainings“ überwiegen: „Alles läuft rund. Ich sehe nur die Vorzüge des Trainings mit meinem Vater. Schließlich ist er als Coach immer für mich da. Manchmal zerbreche ich mir noch um Mitternacht den Kopf über eine Sache und kann nicht schlafen. Dann frage ich einfach meine Eltern um Rat und wir lösen das Problem. Was Trainingssystem und Methodik anbelangt, bin ich von unserem Weg zu 100 Prozent überzeugt. Ich glaube fest daran, dass wir damit unsere Ziele erreichen – es braucht nur Zeit und genügend Einsatz.“

In einer solchen Eltern-Kind-Konstellation ist unbändiges Vertrauen zueinander besonders wichtig: „Nastya und ich arbeiten zusammen. Ich erkläre ihr, wie und warum wir eine bestimmte Sache machen. Manchmal nimmt sie ein paar Anpassungen an der Arbeitsweise vor, weil sie das Gefühl hat, dass es ihr in dem Moment guttun würde und dabei hilft, ihre Ziele zu erreichen. Da vertraue ich ihr einfach“, so Oleh Merkushyn.

Anastasiya Merkushyna: „Das Training mit meinem Vater hat viele Vorzüge“

„Tiefes Vertrauen zu meinem Vater“

Auch Anastasiya kennt keine Konflikte mit ihrem Vater. Die beiden sind ein eingespieltes Team und besprechen alle Details ihrer Arbeit: „Ich bin ziemlich temperamentvoll und impulsiv. Ich möchte meine gesteckten Ziele schnell erreichen und vorausgehen. Mein Vater bremst mich dann meistens etwas ein. Er hat viel mehr Erfahrung als ich. Er weiß genau, welches Training wann am besten für mich ist, er denkt die Sache bis ins Detail durch und plant alles drei Schritte voraus. Mit meinem Temperament möchte ich manchmal alles auf einmal. Doch am Ende hat mein Vater meistens recht, daher habe ich in jeder Hinsicht ein tiefes Vertrauen zu ihm.“

„In unserer langjährigen Beziehung hat sich eine besondere Balance herauskristallisiert: Ich vertraue ihm, wenn es um Übungen und Aufgaben geht, und er vertraut mir, wenn ich ihm von meinen Eindrücken und Empfindungen erzähle. Und sollten wir doch einmal nicht auf einen Nenner kommen, wende ich mich einfach an meine Mutter. Sie beurteilt dann die Situation. Wenn ich falsch liege, weist sie mich auf meine Fehler hin.“

„Ich bringe meinen Schützlingen selbständiges Denken bei“

Vertrauen ist wichtig, darüber gibt es keinen Zweifel. Doch Biathlon ist ein schwieriger und harter Sport. Da kann es keine Zugeständnisse geben. Wie also findet Oleh Merkushyn einen gesunden Mittelweg zwischen Fordern und Fördern, zwischen Anspruch und Mitgefühl mit seiner Tochter? „Ich weiß nicht, wo genau man da die Grenze ziehen soll. Manchmal muss man einfach hohe Anforderungen stellen, manchmal ganz behutsam sein. Doch bei uns ist es so, dass wir unsere Töchter Nastya und ihre jüngere Schwester Alexandra eher bremsen müssen, nicht anspornen. Allen Schützlingen, mit denen ich zusammenarbeite, möchte ich immer eine bestimmte Trainingskultur einimpfen. Das gilt auch für meine Töchter. Ich möchte ihnen beibringen, selbständig zu denken. Wenn die Vorbereitung produktiv und erfolgreich sein soll, muss man immer gezielt vorgehen. Man braucht einen Plan. Man braucht eine ganz klare Vorstellung davon, was man macht und warum man es macht – heute, morgen und in vier Jahren.“

Anastasiya Merkushyna: „Das Training mit meinem Vater hat viele Vorzüge“

Anastasiya Merkushynas jüngere Schwester Alexandra ist 15 Jahre alt. Auch sie möchte die Familientradition im Biathlon fortsetzen und steht derweil am Anfang ihrer Karriere. Natürlich gibt Anastasiya ihre gesammelten Erfahrungen gern in der Familie weiter. „Meine Schwester ist ein wichtiger Teil meines Lebens. Sie hat immer einen Platz in meinem Herzen. Alles, was ich bisher erreicht und gelernt habe, möchte ich voll und ganz mit ihr teilen. Sie soll nicht die gleichen Fehler begehen wie ich. Vielleicht wird ihr Weg so etwas weniger steinig als meiner. Ich versuche, sie vor vielen Dingen zu schützen. Ich versuche auch, sie mit aller Kraft zu unterstützen, wenn etwas nicht wie gewünscht funktioniert. Wenn es bei ihr läuft wie geschmiert, dann versuche ich aber auch, sie wieder ein bisschen zu erden. Im Grunde lasse ich Sasha an meinen Erfahrungen teilhaben. Sie ist ein großer Ansporn für mich. Am Ende bleiben Worte jedoch nur Worte. Was wirklich zählt, ist selbst mit gutem Beispiel voranzugehen. Genau das versuche ich jeden Tag zu tun.“

Fotos: Anastasiya Merkushyna, IBU/Christian Manzoni, Mariya Osolodkina, Evgeny Tumashov

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