Bessere Laufleistung verhilft Wierer zur Krönung

Bessere Laufleistung verhilft Wierer zur Krönung

„Ab dieser Saison bin ich die Älteste im Team. Ich fühle mich zwar noch jung, aber ich glaube nicht, dass ich noch sehr lange im Biathlon aktiv sein werde. Ich denke, dass ich nach meiner Heim-WM in Antholz-Anterselva aufhöre. Denn das Leben hält noch so viel mehr bereit als nur Biathlon.“ Mit diesen Worten meldete sich Dorothea Wierer vor der Saison 2018/19 und begann anschließend zu lachen. 

Wir haben gelernt, dass ein solches Lachen bei ihr zwei Dinge bedeuten kann: 

1. Sie schüttelt damit jeglichen äußeren Druck ab, der auf ihren Schultern lastet, da sie ambitioniert genug ist, die nötige Spannung von innen heraus aufzubauen.

2. Wenn sie davon spricht, dass es im Leben mehr als nur Biathlon gibt, will sie damit sagen: „Denkt, was immer ihr wollt – ich werde sowieso das machen, was ich für richtig halte.“

Bessere Laufleistung verhilft Wierer zur Krönung

Sommerfrische und ein fehlendes Puzzleteil

Wierer blickt auf eine etwas enttäuschende Olympiasaison 2017/18 zurück, da sie bei den Olympischen Winterspielen PyeongChang 2018 keine Einzelmedaille gewinnen konnte und mit 681 Punkten im BMW IBU-Weltcup 141 Punkte weniger als die Gewinnerin der Gesamtwertung, Kaisa Mäkäräinen, sammelte (Rang 5). Mit ihrer Trefferquote von 86 % und einer Skileistung von -2 gewann sie ein Rennen, wurde zwei Mal Zweite und landete einmal auf dem Bronzerang, was ihr durchschnittlich 34 Weltcup-Punkte pro Wettkampf einbrachte. Mit anderen Worten: Im Durchschnitt beendete sie jeden Wettkampf auf Rang acht, während Mäkäräinen im Durchschnitt auf Rang vier oder fünf landete.

Wierer hatte keine (ernsthaften) gesundheitlichen Probleme vor Beginn der Saison 2018/19. Das schien für sie ein entscheidendes Puzzleteil zu sein, um endlich ihr volles Potenzial auszuschöpfen. Konkret darüber sprechen wollte sie nicht, sondern lachte wie gewohnt und sagte dann weise: „Ich denke nicht, dass ich meine Saisonvorbereitung groß umgestellt habe. Ich gehe raus und gebe jeden Tag mein Bestes – ohne irgendwelche Erwartungen. In diesem Sport erlebt man die größten Enttäuschungen, wenn man sich für unschlagbar hält. Durch solche Rückschläge wird man wieder geerdet und daran erinnert, dass immer alles passieren kann. Man muss akzeptieren, dass es nicht nur gute, sondern auch mal schlechte Tage gibt, vor allem am Schießstand.“

Bessere Laufleistung verhilft Wierer zur Krönung

In der Saison 2018/19 lieferte sich Wierer mit ihrer italienischen Landsfrau Lisa Vittozzi ein spannendes Kopf-an-Kopf-Rennen um den Gesamtweltcup. Schließlich behielt Wierer beim Finale am Holmenkollen in Oslo die Oberhand, da Vittozzi ihre Lockerheit verloren hatte und der Druck von außen stark auf ihren Schultern lastete. Während Vittozzi dadurch ihre gewohnten Rituale und die innere Ruhe aus den Augen verlor, ging Wierer einfach unbeeindruckt ihren Weg. Am Ende der Saison hatte Wierer drei Siege eingefahren, landete drei Mal auf dem Silberrang und holte einmal Bronze. Das bescherte ihr in der Endabrechnung 905 Punkte gegenüber Vittozzis 822. Ihre Trefferquote lag bei 85 %, die Laufleistung bei -3, wodurch sie pro Wettkampf durchschnittlich 39,3 Punkte erzielte. Damit landete sie im Durchschnitt in jedem Wettkampf auf Rang fünf oder sechs. 

Durch ihren Triumph in Gesamtweltcup und ihre Goldmedaille im Massenstart bei den IBU-Weltmeisterschaften 2019 im schwedischen Östersund stieg Wierer zum Superstar auf und entwickelte sich zu einer der populärsten Wintersportlerinnen – nicht nur in Italien, sondern weltweit. Das hat ihr Leben gehörig durcheinandergewirbelt, denn plötzlich stand sie im Mittelpunkt des Biathlon und war auch als Werbeikone gefragt.

Bessere Laufleistung verhilft Wierer zur Krönung

Zwei Titel in der Saison 2019/2020

„Der April war eine einzige Katastrophe. Seit dem Saisonfinale in Oslo war ich nicht mehr zu Hause – ständig war ich zu Gast auf irgendwelchen Events, war von Medienvertretern umringt und gab Interviews. Zu Hause war ich erst wieder, als meinem Immunsystem der ganze Rummel zu viel wurde und ich mit Fieber im Bett lag. Anfang Mai hatte ich keine richtige Lust, wieder mit dem Training zu beginnen. Deshalb habe ich meine Auszeit bis zum 10. Mai 2019 verlängert. An jenem Tag traf sich das Team zum ersten Mal nach dem Ende der Saison 2018/19. Anschließend bin ich nur langsam in den Trainingsrhythmus hineingekommen“, beschreibt Wierer ihre holprige Vorbereitung auf die Saison 2019/20. 

Sie sagte, dass sie keine allzu großen Erwartungen an die IBU-Weltmeisterschaften 2020 hätte – und begann zu lachen. Sie sagte, es wäre kein Beinbruch, die WM ohne Gold – oder überhaupt ohne Medaille – zu beenden, da das Leben schließlich noch so viel mehr bereithalte als nur Biathlon. Und wieder begann sie zu lachen. Sie sagte, sie denke nicht viel über das Gelbe Trikot der Weltcup-Führenden und die Titelverteidigung nach – und lachte erneut.

Was sie zwischen den Zeilen eigentlich sagte, war: „Nur keinen Druck, bitte.“

Bessere Laufleistung verhilft Wierer zur Krönung

Am Ende gewann sie in Antholz-Anterselva natürlich zwei Goldmedaillen. Natürlich verteidigte sie mit vier ersten, zwei zweiten und einem dritten Platz mit 793 Punkten in einer verkürzten Saison ihren Gesamtweltcupsieg bei einer Trefferquote von 82 % und einer Laufleistung von -4. Damit erzielte Wierer durchschnittlich 41,7 Punkte pro Wettkampf, wodurch sie im Schnitt jedes Rennen auf Rang vier oder fünf beendete. Und obwohl sie in puncto Schießen eine der schlechtesten Saisons ihrer Karriere hatte – was auch auf ihre Rücken- und Schulterprobleme zurückzuführen war –, machte sie dies durch eine starke Laufleistung und ungemeinen Kampfeswillen bis zum letzten Meter wieder wett.

Bessere Laufleistung verhilft Wierer zur Krönung

Dorothea Wierer weiß, wie man die Gesamtwertung im Weltcup gewinnt. Sie weiß, wie man den Titel verteidigt. Keine andere Athletin im Teilnehmerfeld kann diese Erfahrung vorweisen, weswegen die Italienerin auch in der kommenden Saison nur schwer zu schlagen sein wird.

Foto: IBU Photo Pool

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