Biathlon: Laufen, Schießen und Fair Play

Biathlon: Laufen, Schießen und Fair Play

Den Biathlon-Fans ist bewusst, dass in unserem Sport viel mehr steckt als spannende Kämpfe, mehr als eine simple Kombination aus außergewöhnlicher Laufleistung und präzisem Schießen. Durch den großen Respekt zwischen Wettkämpfern, Fans und diversen Teams ist vor einiger Zeit der Begriff der „Biathlon-Familie“ entstanden. Zur Feier des Play True Days der WADA wollen wir die mitunter denkwürdigsten Fair Play-Momente Revue passieren lassen, welche die Mitglieder unseres Sports in den letzten Jahren an uns herangetragen haben.

Hauser gibt Hinz ihren Stock

An einem verschneiten Januartag 2017 in Oberhof traten die Frauen beim Massenstart an. In der zweiten Runde fuhr die Österreicherin Lisa Theresa Hauser der Deutschen Vanessa Hinz versehentlich auf den Stock, der dadurch in die Brüche ging. Vor allem bei hektischen Wettkämpfen wie dem Massenstart kommt so etwas durchaus vor, aber Hauser war der Ansicht, dass Hinz durch ihr Fehlverhalten Zeit verloren hatte und deshalb löste sie kurzerhand ihren eigenen Stock, um ihn an ihre Konkurrentin weiterzureichen. Die Geste blieb nicht unbemerkt: Die Österreicherin wurde vom Deutschen Olympischen Komitee und dem Verband Deutscher Sportjournalisten mit dem „Fair Play Preis des Deutschen Sports" ausgezeichnet.

Ein US-Trainer für Japan

Diesen Winter musste die Biathlon-Familie wie der Rest der Welt aufgrund der Corona-Pandemie Schutzmaßnahmen treffen, was den normalen Ablauf in einigen (zum Glück nur wenigen) Fällen störte. In Oberhof standen die japanischen Athleten durch die Quarantäneverordnung vor dem Staffelwettkampf der Männer beim Anschießen ohne Unterstützung am Schießstand da. Der US-Trainer Armin Auchentaller sprang ein und sorgte mit seinen Kollegen dafür, dass sowohl seine eigenen als auch die japanischen Athleten beim Anschießen die Unterstützung bekamen, die sie brauchten.

JT Boe gesteht Fehler in Soldier Hollow ein

Selbst Champions unterlaufen zuweilen die einfachsten Fehler. Am Ende einer langen Reise nach Übersee machte auch Johannes Thingnes Boe einen: Am letzten Schießstand der Verfolgung in Soldier Hollow feuerte er nur 4 Kugeln und lief in Richtung Strafrunde weiter. Dadurch, dass er mit einer Kugel im Magazin weitergefahren war, hätte der Norweger disqualifiziert werden müssen, aber durch einen Kommunikationsfehler auf offizieller Seite kam es nicht dazu. Der dreifache Gesamtsieger meldete den Umstand jedoch selbst, und trotz der Tatsache, dass es zu spät war und die endgültige Rangfolge nicht mehr geändert werden konnte, verzichtete er auf Punkte und Preisgeld. Für seine Ehrlichkeit zeichnete ihn die europäische Organisation Fair Play Movement aus.

Domracheva macht Platz für Wierer

Kurz vor den Olympischen Winterspielen 2018 kämpften Dorothea Wierer und Darya Domracheva in der Verfolgung von Antholz-Anterselva um den zweiten Platz. In der letzten Kurve fuhr Domracheva auf den Stock der Italienerin, die ihn dadurch verlor. Wierer sprintete trotz der Behinderung weiter, doch die Weißrussin lieferte ihr keinen Kampf um den zweiten Platz.

Es wäre absolut unfair von mir gewesen, wenn ich gegen eine Athletin mit einem Stock gekämpft hätte, nachdem sie ihn meinetwegen verloren hatte. Die Situation war für uns beide unschön, aber ich konnte nicht anders", sagte die Minskerin im Anschluss. Für diese Reaktion wurde sie für die „Pierre de Coubertin World Fair Play Trophy“ nominiert.

Nicht nur die Sportler stehen für Fairness

Das Bild, dass Trainer verschiedener Länder unabhängig von der jeweiligen Nationalität Stöcke an Athleten in Not verteilen, sieht man im Biathlon tagtäglich, aber 2010 zeichnete sich Simone Biondini vom italienischen Wachsteam dadurch aus, dass er dies bei einem unmittelbaren Gegner seines Teams tat. In den entscheidenden Momenten der Mixed-Staffel in Kontiolahti lieferten sich Christian De Lorenzi und der Weißrusse Sergey Novikov ein Kopf-an-Kopf-Rennen, das der dritten Podestplatzierung mehr als würdig war. Sie liefen Kopf an Kopf, als der Weißrusse plötzlich stürzte und seinen Stock kaputtmachte. Biondini, der die Szene vom Streckenrand aus beobachtet hatte, zögerte keinen Augenblick und gab Novikov einen seiner Ersatzstöcke, wodurch dieser zu DeLorenzi aufzuschließen konnte. Letztendlich waren es die Italiener, die den dritten Platz belegten, aber das sportliche Verhalten ermöglichte dem weißrussischen Team einen fairen Kampf.

Photo: Slavik

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