Danke für dein Erbe, Martin

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Die Arme in die Luft gereckt gewann Martin Fourcade die Verfolgung in Kontiolahti – und damit den letzten Wettbewerb der Saison sowie den letzten Wettbewerb seiner glorreichen Karriere. An der Ziellinie blieben alle anderen bei ihm stehen, um sich bei ihm zu bedanken und sich von ihm zu verabschieden sowie seine Karriere zu würdigen, die sich über 10 Jahre erstreckte und in deren Verlauf er sieben aufeinanderfolgende Gesamtsiege im BMW IBU-Weltcup errungen, 13 Goldmedaillen bei den IBU-Weltmeisterschaften, fünf Goldmedaillen bei den Olympischen Winterspielen und 79 Einzelwettbewerbe auf BMW IBU Weltcup-Niveau gewonnen hatte.

Fourcade schien ganz im Einklang mit sich und der Welt zu sein und hatte vor der Ankunft seiner Rivalen gerade genug Zeit, um sich kurz umzudrehen und kurz vor Schluss noch einmal alles Revue passieren zu lassen und gleichzeitig in die Zukunft zu blicken.

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Ein Blick aufs Vorjahr

Nachdem er beim Finale in Oslo-Holmenkollen am Ende der Saison 2018/2019 nicht dabei war und tatenlos zusehen musste, wie JT Boe den 14., 15. und 16. Wettkampf der Saison gewinnt und einen Rekord aufstellt, dachte Martin Fourcade lang und gründlich darüber nach, was schiefgelaufen war. Über das ganze Jahrzehnt hatte er fast jeden beliebigen Wettkampf für sich entschieden und sich so an die gelbe Startnummer gewöhnt, dass sie sich wie eine zweite Haut angefühlt habe – aber das was vorbei. Sein um fünf Jahre jüngerer norwegischer Kontrahent JT Boe fing gerade erst damit an, seine körperliche Leistung voll auszuschöpfen. Er war auf den Skiern besser denn je, er traf nun im Wettkampf durchdachtere Entscheidungen und wurde von Tag zu Tag selbstbewusster, während er miterlebte, dass der Gewinner von sieben aufeinander folgenden Gesamtsiegen im BMW IBU-Weltcup gehörig zu kämpfen hatte.

Im Sommer vor der Saison 2019/2020 setzte sich Fourcade beim Training dann weniger körperlicher Belastung aus als sonst und fand einen neuen Zugang zum Biathlon. Er wollte nur noch eine weitere Saison erleben, in der er seine neue Herangehensweise auf die Probe stellen, seine Selbstzweifel überwinden und herausfinden konnte, was am Ende dabei herauskommt. Er wusste auch, dass er eines erreichen musste, wenn er noch eine erfolgreiche Saison im BMW IBU-Weltcup hinter sich wissen wollte: Als Erstes musste er sich seinen Status als bester französischer Biathlet zurückerobern, denn auch innerhalb seines eigenen Teams, also derjenigen, die mit ihm herangewachsen waren, die ihn umgaben und in ihrer gemeinsamen Laufbahn auf Tour von ihm gelernt hatten, gab es viel Talent und zahlreiche Ambitionen.

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Fourcades konsistente Leistung

Aus privilegierter Distanz konnten seine Mannschaftskameraden diesem Mann dabei zusehen, wie er über seinen Bruder Simon zum Biathlonsport kam und genau wie sein Bruder Juniorenweltmeister werden wollte, aber allem voran Gefallen am Leben in den Pyrenäen, der Natur und der mit Freunden verbrachten Zeit fand. Als ihm jedoch klar wurde, dass sein Körper im Training fast jeder körperlichen Bestrafung standhielt, er durch seine niedrige Herzfrequenz bei den meisten Wettkämpfen auf den Skiern fast 100 % geben konnte und dass er seine Schießkünste mit Vorliebe perfektionierte, lernte er, seine eigenen Emotionen und – über die meiste Zeit in seiner Karriere – auch die seiner Rivalen zu kontrollieren und wollte, mehr als alles andere, einmal den Gesamtsieg erringen. Er wollte wissen, wie er sich anfühlt und wie es ist, ein Jahr lang in die Fußstapfen des großen Ole Einar Bjoerndalen zu treten.

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Als Fourcade in der Saison 2011/2012 seinen ersten Gesamtsieg holte, war er körperlich und emotional so ausgelaugt, dass er meinte, dass er das nicht noch einmal durchmachen konnte und wollte. Die Sommertrainings fingen an und in den ersten Tagen auf den Rollski kam Fourcade zu dem Schluss, dass es eine Sache gab, die schmerzhafter war als das, was er für den Sieg der großen Kristallkugel auf sich genommen hatte: keine Kugel mehr zu gewinnen. Als er dann sein professionelles Umfeld unter die Lupe nahm, stellte er fest, dass die meisten seiner Kollegen – Spitzensportler, die sich, genau wie er selbst, ihrem Sport verschrieben hatten – konsistente Leistung nicht in dem Umfang verstanden oder verstehen konnten wie er. Sie kamen in der Vorsaison zwar genauso motiviert ins Trainingscamp wie er, steckten jede Menge Energie in die ersten Tage oder womöglich Wochen, legten Wert auf Details, sprich richtiges Dehnen, Essen, Trinken und Schlafen. Die meisten unter ihnen fingen aber langsam, kaum merklich, an, sich im Laufe der Saison ab und an eine Pause zu gönnen – und das summiert sich über die Saison und über die ganze Karriere.

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Aus dem Wissen, dass er in all seinem Tun konsequent bleiben kann, schöpfte Fourcade an jedem einzelnen Tag zwischen Anfang Mai und Ende März des darauffolgenden Jahres ein einzigartiges Selbstvertrauen, was er manchmal auch auf eine sehr französische, jedoch niemals respektlose Weise zum Ausdruck brachte. Ein Beispiel hierfür ist der Verfolgungswettkampf der olympischen Saison 2017/2018 in Oberhof, als er seinen letzten Treffer landete und gerade lange genug innehielt, um den noch schießenden JT Boe, seinen Bruder Tarjei und Emil Hegle Svendsen mit einem allzu aussagekräftigen Blick à la „Schaut her, schaut her, wer hier wieder einmal die Oberhand hat“ bedachte.

„Alle drei sind dazu in der Lage, mich an jedem beliebigen Tag zu besiegen,” äußerte sich Fourcade später. „Ich wollte ihnen nur klarmachen, dass ich zwar Respekt vor allen habe, aber niemanden fürchte.”

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Am Ende der olympischen Saison 2017/2018 hielt Fourcade die große Kristallkugel zum siebten Mal in Folge in den Händen. Bei diesem Anlass sagte er, sein und JT Boes Kampf um sie sei der schönste seiner Karriere gewesen und er fühle sich dermaßen restlos erfüllt, dass er nichts dagegen hätte, (in sportlicher Hinsicht) einen kampflosen Tod zu sterben. Sein (sportliches) Leben sollte noch über zwei weitere Saisonen andauern. 

In der ersten Saison ging für ihn alles Erdenkliche schief und JT Boe übernahm das Zepter als weltbester Biathlet.

In der zweiten aber setzte er sich mit der neuen Situation auseinander, akzeptierte sie und gewann zwei seiner kostbarsten Medaillen bei den IBU-Weltmeisterschaften.

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Die letzte Medaille

In die Saison 2019/2020 startete Fourcade in dem Wissen und mit der Akzeptanz, dass er es nicht unbedingt mit JT Boe aufnehmen konnte, da dieser auf den Skiern schneller als jeder andere war. Er entschied sich auch dazu, unabhängig von den Umständen und von seiner Position am Ende des (jeweiligen) Wettkampfes bis zum bitteren Ende zu kämpfen. Im ersten Trimester kämpfte er, scheiterte und kämpfte weiter, während JT weitere Siege einheimste. Im zweiten Trimester siegte er dann und errang immer neuere Siege, während JT darauf wartete, dass sein Sohn Gustav auf die Welt kam und die Wochen in Oberhof und Ruhpolding auslassen musste. Bei den IBU-Weltmeisterschaften in Antholz-Anterselva war er 2020 in Hochform, gewann den Einzelwettbewerb und somit seine 11. Goldmedaille in der Einzelwertung, wodurch er mit Bjoerndalens Rekord gleichzog. Er war damals Teil der französischen Staffel, die nach einer Durststrecke von 19 Jahren Gold gewann. Dieser Sieg berührte ihn tief, denn sosehr Fourcade immer der Beste sein wollte und war – er teilte seine Freude gern mit anderen und diese Goldmedaille sah er als Triumph, hinter dem viele Generationen an französischen Biathleten standen.

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Als Fourcade sich also umdrehte, um zu sehen, wer bei der Verfolgung in Kontiolahti Zweiter, Dritter und Vierter werden würde, lächelte er. Er sah dort Quentin Fillon Maillet, seinen Teamkollegen, der in Antholz auf den Skiern JT an Schnelligkeit übertroffen hatte und als Schlussläufer die französische Staffel zum Sieg geführt hatte, auf dem zweiten Platz; seinen jungen Freund und Schützling und das größte (neue) Talent im französischen Team Emilien Jacquelin, der Dritter wurde und die Kugel in der Verfolgung gewann, und schließlich JT Boe, dem es gelang, als Vierter die Gesamtwertung für sich zu entscheiden. Er hinterlässt ein wahnsinnig talentiertes französisches Team und ein Erbe, das sich stetig weiterentwickeln wird. Jahrelang begleitete er Jacquelin, gab ihm jeden erdenklichen Rat und sah dabei zu, wie er an seiner Seite zum Weltmeister aufblühte. Gleichzeitig half er auch JT Boe dabei, als Biathlet das Beste aus sich herauszuholen und sein fürs Erste durchaus würdiger Nachfolger zu werden.

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