Das Herz einer Löwin

Das Herz einer Löwin

Als sie in der Verfolgung von Kontiolahti zum letzten Stehendschießen lief, hatte Dorothea Wierer nicht mehr viel Kraft oder Hoffnung, den Titel der Gesamtweltcup-Siegerin im BMW IBU Weltcup zu verteidigen. Tiril Eckhoff lag uneinholbar in Führung, und alles, was den quirligen norwegischen Star bei zunehmend tückischem Wetter noch von der ersten großen Kristallkugel trennte, waren fünf Scheiben. Eckhoff traf die erste und ließ sich für die nächsten vier ungewohnt viel Zeit. Sie verfehlte dreimal und öffnete damit die Tür für Dorothea Wierer. 

Und Wierer nutzte ihre Chance.

Das Herz einer Löwin

Wierer macht nahtlos weiter

Wierers Gesamtweltcupsieg in der Vorsaison hatte sie im Handumdrehen zur italienischen Wintersportlerin mit dem größten Marketingpotential gemacht. Das brachte ihr einige namhafte Werbepartner ein, kostete sie aber auch im Sommer viel Zeit und Energie, und so wusste sie vor der Saisoneröffnung in Östersund nicht so recht, was sie erwarten durfte. Wierer wusste nicht einmal, dass laut Regelwerk die Gesamtweltcupsiegerin der Vorsaison das gelbe Trikot für den Start im Sprint trägt. Den sie übrigens gewann, mit nur einem Fehler. Dieses hohe Leistungsniveau konnte Wierer im gesamten ersten Trimester halten. Sie gewann den Sprint in Hochfilzen, wurde Zweite im Massenstart von Annecy - Le Grand Bornand und glänzte mit einer Trefferquote von 87 % sowie einem Lauftempo 4 % über dem Durchschnitt. 

Während die meisten Weltcup-Experten damit gerechnet hatten, dass ihre Mannschaftskameradin Lisa Vittozzi wieder ihre ärgste Widersacherin werden würde, hatten Eckhoff und Ingrid Landmark Tandrevold andere Pläne. Nach einem ausgesprochen enttäuschenden Einstieg in Östersund kam Eckhoff mit weißer Weste durch die Verfolgung von Hochfilzen und brillierte mit vier aufeinanderfolgenden Siegen vor der Weihnachtspause. Tandrevolds Leistung war beständiger als die von Eckhoff, was ihr den ersten (und einzigen) Start im gelben Trikot im Massenstart von Annecy - Le Grand Bornand einbrachte. Wenn Eckhoff und Tandrevold (und manchmal Justine Braisaz) einen besseren Tag hatten als sie, gab Wierer nie auf, sie holte bis zum Schluss das Maximum aus sich heraus.

Das Herz einer Löwin

Kopf-an-Kopf-Rennen mit Eckhoff

Die IBU Weltmeisterschaft in Antholz-Anterselva war für Wierer im wahrsten Sinne des Wortes ein Heimspiel, und ihr war klar, dass sie zum absoluten Superstar werden würde, sollte sie es schaffen, eine oder zwei Goldmedaillen zu gewinnen. Der zusätzliche Druck, unter dem sie stand, konnte ihrer Stimmung nichts anhaben. Sie blieb bei der Aussage, das Leben bestehe aus mehr als nur Biathlon und sagte, eine Medaille, am besten eine goldene, in Antholz wäre großartig, aber keine Medaille sei nun auch kein Desaster. Ihr Körper sprach eine andere Sprache: Im zweiten Trimester litt Wierer oft an Rückenschmerzen, schaffte es nur einmal als Dritte im Sprint von Ruhpolding aufs Podest, und auch die Trefferquote sackte um 5 % im Vergleich zum ersten Trimester, auf 82 %. Manches änderte sich jedoch nicht: Auf den Skiern war sie immer noch 4 % schneller als der Durchschnitt. Sie arbeitete hart und reiste mit 15 Punkten Rückstand auf Eckhoff nach Antholz an.

Das Herz einer Löwin

Doro d’Oro

Da Marte Olsbu Roeiseland bei den IBU Weltmeisterschaften 2019 im Kampf um die guten Ränge oft den Kürzeren gezogen hatte, beschloss sie, mit genug Energie im Tank nach Antholz zu reisen, um endlich eine Einzelmedaille zu gewinnen. Ihre Chancen auf den Gesamtsieg opferte sie diesem Ziel und ließ die Woche in Annecy - Le Grand Bornand aus. Ihre Kritiker belehrte sie in Antholz mit Gold im Sprint gleich eines Besseren. Wierer verfehlte zweimal und wurde Siebte, für Eckhoff war es mit einem 59. Platz ein totaler Reinfall. Kaum war Wierer wieder in Gelb unterwegs, schon kehrten die Lebensgeister zurück. In der Verfolgung traf sie 19 von 20 Scheiben, 18 von 20 im Einzel, was für einen unglaublichen Sieg reichte, und 17 von 20 für Silber im Massenstart. Wierer war immer noch mit 4 % Lauftempo-Vorsprung unterwegs, konnte aber in den zwei treffsichersten Wochen der Saison ihre Trefferquote auf 88,5 % steigern. Eckhoffs Trefferquote war hingegen auf dem absteigenden Ast, von 87,5 % im zweiten Trimester auf nur 76 % in Antholz, ein Rückgang von 11,5 %. Wierer holte in Antholz allein 210 Punkte im Vergleich zu Eckhoffs 83, aber bis zum Saisonende waren es auch noch drei Wochen - so zumindest der Plan. Emotional war Doro zudem fast völlig ausgelaugt, und zur Erholung gab es kaum Gelegenheit.

Das Herz einer Löwin

Wierer gibt einfach nicht auf

Eckhoff gewann in NMNM das Gefühl fürs Schießen und Biathlon zurück. Sie wurde Fünfte im Sprint und gewann den Massenstart, während Wierer im Sprint 24. wurde, was wenig ausmachte, weil sie das als Streichresultat nutzen konnte, und Fünfte im Massenstart. Ihre Trefferquote sackte in NMNM allerdings auf 80 %, und plötzlich wirkte sie (wieder) angreifbar.

Im Sprint von Kontiolahti reichte es wieder nur für eine Trefferquote von 70 % und einen 19. Platz. Weil Eckhoff die Scheiben weiterhin traf und im Sprint Dritte wurde, sollte sich im Verfolger entscheiden, wer den Gesamtweltcup in diesem Jahr gewinnt. Am Ende war es wieder eine Frage von Treffern und Durchhaltevermögen: Eckhoff traf 14 von 20 Scheiben, Wierer 15 von 20, was gerade so ausreichte, um sich den zweiten Sieg im BMW IBU Gesamtweltcup in Folge zu sichern. 

Nach Ende der Saison hatte Eckhoff sieben Einzelrennen gewonnen, Wierer nur vier, aber Eckhoffs Leistung war dabei weniger konstant gewesen. Wierer hatte im Schnitt 41,7 Punkte pro Wettkampf gewonnen, Eckhoff nur 41,3. Ein kleiner Unterschied in der Statistik, der am Ende einen großen Unterschied machte.

Top