Der Boeminator

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Zwischen 2013/14 und 2018/19 versuchte JT Boe, Martin Fourcade den Titel als bester Biathlet seiner Generation streitig zu machen, und fünf Saisons lang hatte der Norweger das Nachsehen. Auch wenn diese Zeit nicht immer einfach für ihn war, lernte er höchst wertvolle Lektionen. 

Drei Dinge gaben letztlich den entscheidenden Ausschlag dafür, warum JT Boe heute der Champion ist, den es zu schlagen gilt:

1. Der Wechsel des französischen Trainers Siegfried Mazet nach Norwegen

2. Gelernte Lektionen von Fourcade (und Mazet)

3. Meisterhafte Umsetzung der gelernten Lektionen

Siegfried Mazet und die Kraft der Daten

Sigfried Mazet verließ sein Heimatland Frankreich, um zur Saison 2016/17 das Amt des norwegischen Nationaltrainers zu übernehmen. Von Beginn an führte er seine neuen Schützlinge in die Geheimnisse der Datenanalyse ein. So machte er JT und dessen Teamkollegen die Daten zur Trefferquote bewusst: Während die Norweger bei etwa 84 % lagen, hatte Fourcade 88 % zu Buche stehen. Es war also klar, was JT zu tun hatte. Doch das brauchte Zeit. „Im ersten Jahr unserer Zusammenarbeit waren wir nicht so gut. Doch schon in der darauffolgenden Saison haben sich die Leistungen verbessert. Johannes hat seitdem immer an sich gearbeitet, um sich weiter zu verbessern. Er wurde zu einem besseren und schnelleren Skiläufer und er hat seine Schussgenauigkeit signifikant erhöht. Außerdem hat er gelernt, sich zu benehmen und die Konsequenzen seines Verhaltens zu akzeptieren. Er ist zu einem besseren Menschen und Athleten geworden“, so Mazet.

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Lektion gelernt

JT erlebte eine nahezu perfekte Saison 2017/18 – wenn nicht ein gewisser Martin Fourcade gewesen wäre. Zwar gewann JT bei den Olympischen Winterspielen PyeongChang 2018 Gold im Einzel, doch Fourcade fuhr mit zwei olympischen Goldmedaillen nach Hause. JT gewann neun Rennen im BMW IBU-Weltcup, ging vier Mal als Zweiter und vier Mal als Dritter über die Ziellinie, doch Fourcade hatte mit neun ersten, acht zweiten und drei dritten Plätzen erneut die Nase vorn. In der nach seinen eigenen Worten besten Saison seiner Karriere schnitt Fourcade 2017/18 nie schlechter als Rang drei ab. Am Ende sammelte JT 1027 Punkte, der Franzose aber 1116. Mit unglaublichen 51,35 Punkten im Durchschnitt lag der Norweger nur knapp hinter den herausragenden 55,1 Punkten pro Wettkampf von Fourcade – bis heute Rekord. 

Doch in jener Saison lernte JT, sich wie ein Champion zu verhalten. „Ich erinnere mich an den Sprint 2018 in Kontiolahti. Martin war krank und Johannes hatte die perfekte Gelegenheit, das Gelbe Trikot zu erobern. Er schoss im Stehendanschlag wie ein Wahnsinniger, verfehlte zwei Mal und hätte mit nur einem Fehler das Trikot sicher gehabt. Das hätte der Saison eine ganz andere Wendung gegeben. An dem Tag haben wir uns lange unterhalten, und ich habe ihm gesagt, dass er unbeirrbar sein muss. Wenn man zur Weltspitze gehören will, darf einem so etwas nicht passieren. Ich habe gesagt: ‚Du willst zur Weltspitze gehören, also musst du dich auch so verhalten wie jemand, der zur Weltspitze gehört.‘ Das hat ihn zum Umdenken gebracht. Von dem Tag an, so kam es mir vor, hatte er ein Ziel und wusste, was man von ihm erwartete“, sagte Mazet im August 2020 rückblickend auf biathlonworld.com.

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Lektionen umgesetzt

Während JT älter, reifer und Woche für Woche besser wurde, war Fourcade auf einmal gezwungen, seine Komfortzone zu verlassen und seine Strategie anzupassen. Vor der Saison 2018/19 war der Franzose außerdem übertrainiert. JT hingegen begann damit, die Lehren ganz im Sinne seines neuen Meisters im Wettkampf umzusetzen.

„Mit den Jahren ist es einfacher geworden, nicht mehr so sehr über das Erreichte nachzudenken. Früher habe ich mich über einen Erfolg gefreut. Doch damals habe ich den Blick nicht auf die Zukunft gerichtet, sondern wollte meinen Sieg feiern, zurückblicken und stolz auf mich und das Erreichte sein. Jetzt ist es anders. Man kann das vielleicht mit einem Einkauf im Supermarkt vergleichen. Man hat eine Liste, packt immer nur die Dinge in den Wagen, die man braucht und hakt dann jeden einzelnen Artikel auf der Liste ab. Hat man einen Artikel im Korb, geht man zum nächsten, ohne dabei an den ‚letzten Erfolg‘ zu denken“, versuchte JT Boe anlässlich seines Erfolges im Gesamtweltcup 2018/19 im Interview für das IBU Magazin 51 seine Herangehensweise zu verdeutlichen. In jener Saison feierte Boe rekordverdächtige 16 Siege und landete drei Mal auf Platz zwei. Seine Trefferquote betrug 85 % und seine Laufleistung -6. Für den Rest des Feldes schien er nicht von dieser Welt zu sein. Bei seinem ersten Erfolg im Gesamtweltcup sammelte JT 1261 Punkte, was durchschnittlich 54,9 Punkte pro Wettkampf bedeutete. Unterm Strich gewann er damit fast jedes Rennen, an dem er teilgenommen hatte.

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Vor Beginn der Saison 2019/20 wusste JT Boe bereits, dass er (mindestens) zwei Wochen pausieren würde, da im 2. Trimester der Geburtstermin seines Sohnes Gustav anstand. Dieser Umstand sorgte aufseiten des Norwegers für eine gewisse Gelassenheit – und zu einem fulminanten Saisonstart: Von sieben Wettkämpfen in Trimester 1 gewann der Norweger fünf! Gleichzeitig räumte er nach dem Sprint von Annecy-Le Grand Bornand, wo er mit zwei Fehlern auf Rang vier ins Ziel kam, ein, dass er die Vorbereitung auf das Rennen etwas zu locker genommen hatte. Überraschender waren für JT eher die beiden ersten Wochen von Fourcade in Trimester 2, als der Franzose nahezu 100 % Treffergenauigkeit erreichte und vier Wettkämpfe in Serie gewann. Fourcade gab zu, dass er das Gefühl hatte, wieder die Kontrolle übernommen zu haben, da kein JT Boe am Start war, der ab dem ersten Meter des Wettkampfes ein horrendes Tempo an den Tag legt. JT hatte sich indes eine klare Erfolgsformel für seine Weltcup-Rückkehr zurechtgelegt: So viele Siege wie möglich einfahren und dann schauen, was passiert. Am Ende gewann der Norweger zehn von 17 bestrittenen Wettkämpfen, kam zwei Mal auf den zweiten Rang und war einmal Dritter. Bei den Einzelwettbewerben der WM 2020 in Antholz-Anterselva durfte er sich zwei Silber- und eine Goldmedaille umhängen. JT Boe erzielte bei seinem zweiten Gesamtweltcuperfolg 913 Punkte bei einer Trefferquote von 89 % (in dieser Wertung war er zweiter hinter Fourcade) und einer Laufleistung von -5. Obwohl seine Dominanz in der Loipe durch den Druck einer sehr starken französischen Mannschaft ein wenig geschmälert wurde, verzeichnete JT sowohl im Stehend- als auch im Liegendanschlag eine Trefferquote von 89 %. Nachdem Fourcade seine aktive Laufbahn beendet hat, geht JT Boe nun als schnellster Läufer und bester Schütze in die neue Saison.

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Damit ist der Norweger zum ersten Mal haushoher Favorit auf den Gesamterfolg. Vor allem auch, weil in diesem Jahr keine besonderen Anlässe – wie zum Beispiel die Geburt eines Kindes – geplant sind. Mit vier weiteren Titeln würde er mit dem großen Ole Einar Bjoerndalen gleichziehen, fünf Titel fehlen ihm noch zu Fourcade. Eine einsame Herausforderung für jene, die gern Geschichte schreiben.

Foto: Christian Manzoni; IBU Photo Pool

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