Der lange Weg zurück: Covid-19 überwinden

Der lange Weg zurück: Covid-19 überwinden

Von der Corona-Pandemie ist weltweit wohl fast jeder betroffen gewesen, und so auch die Biathlonfamilie. Lisa Vittozzi und Paulina Fialkova gehörten zu den Athletinnen, die vor der BMW IBU Weltcupsaison erkrankten und nun von ihren Erlebnissen, Erfahrungen und der mühsamen, langwierigen Genesung berichten. Beide mussten um die Rückkehr zur Topform hart kämpfen, mussten zahllose Fehlschläge einstecken, rappelten sich immer wieder auf und bewiesen mit guten Resultaten am Saisonende, dass der Kampf sich gelohnt hat.

Der lange Weg zurück: Covid-19 überwinden

Die Krankheit: Erste Symptome kurz vor Saisonbeginn

„Ich habe mich so krank gefühlt wie nie zuvor. Ich hatte das Gefühl, dass jemand auf meinem Brustkorb sitzt,“ so beschreibt Fialkova ihre ersten Symptome. Dann schien sie sich aber schnell zu erholen und war bald wieder im Training, da der Saisonstart vor der Tür stand und sie keine Rennen verpassen.

„Ich wollte so schnell wie möglich wieder einsteigen, und das war der größte Fehler. Ich war nach einer Woche wieder dabei! Und ein paar Wochen lang hat das auch wirklich gut funktioniert. Aber jetzt ist mir klar, wie dumm das von mir war. Ich wollte nicht so viele Rennen verpassen, aber am Ende habe ich mir fast die gesamte Saison vermasselt.“

Vittozzi, die auch kurz vor der Saison krank wurde, war ähnlich enttäuscht: „Ich war so wütend. Das war einen Monat vor Kontiolahti und ich wusste, dass ich den wichtigsten Teil des Trainings verpassen würde. Mir wurde aber schnell klar, dass es schlimmer werden würde als gedacht: Ich konnte 10 Tage lang kaum vom Sofa aufstehen. Die ersten Einheiten zurück auf den Skiern waren katastrophal, ich konnte kaum ein leichtes Training durchstehen.“

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Die Krankheit: Die wissenschaftliche Perspektive

Um diese so unterschiedlichen, aber gleichermaßen einschneidenden Covid-19-Erfahrungen besser zu verstehen, sprachen wir mit Dr. Katja Mjoesund, Spezialistin für Sport- und Bewegungsmedizin und Mitglied der IBU Medical Advisory Group. Dr. Mjoesund erklärt, dass das Virus so „neu“ ist, dass die meisten Studien dazu noch laufen und wir nicht so viel darüber wissen. Was bis jetzt medizinisch belegt ist, fasst sie für uns zusammen:

„Verschiedene Menschen reagieren unterschiedlich auf das Virus. Im Allgemeinen unterscheidet man zwischen den Symptomen der Virusinfektion selbst und den Symptomen, die von der Reaktion des Körpers auf das Virus ausgelöst werden. Bei COVID-19 zeigen mache Patienten eine starke Entzündungsreaktion auf das Virus. Diese Überreaktion des Körpers, eine Art „Entzündungssturm“, verursacht dann wiederum viele der anderen Probleme und Symptome, die wir mit Corona verbinden.“

Biathletinnen und Biathleten sind außerdem möglicherweise aufgrund ihres Trainings besonders anfällig.

„Ausdauersportler sind während harter Trainings- und Wettkampfphasen möglicherweise anfälliger für Infektionen, weil die Trainingsbelastung kombiniert mit Ernährungsparametern während der Trainingsphasen die körpereigene Abwehr schwächen kann. Wir wissen aber noch nicht, ob auch das den Schweregrad der Symptome beeinflussen könnte.“

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Die Genesung: Ein langer, mühsamer Prozess

„Drei oder vier Wochen, nachdem ich angefangen hatte, wieder Rennen zu laufen, ging es mir körperlich immer schlechter. Es hat über drei Monate gedauert, mich von Covid wieder zu erholen“, berichtet Fialkova: „Während der Rennen hatte ich vor allem Probleme mit der Atmung. Ich bekam einfach nicht genug Sauerstoff, und der ist wichtig für meine Muskeln, mein Gehirn und meinen Finger am Schießstand. Ich hatte auch Probleme mit Herzrhythmusstörungen. Zu 90 % hat mein Körper prima funktioniert. Aber während der Wettkämpfe, wenn es auf die letzten 10 % ankommt, da war einfach nichts zu machen. Meine Atmung war 3 Monate nach Ansteckung immer noch 20 % schlechter als normal.“

Solche Langzeitfolgen können auf einen verfrühten Wiedereinstieg ins Training zurückgeführt werden. Dr. Mjoesund äußert sich nicht zu den einzelnen Fällen, spricht aber basierend auf Studien eine allgemeine Empfehlung aus: „Training mit dem Virus im System kann das Risiko schwerer Komplikationen wie Herzmuskelentzündungen erhöhen. Zu früh zu viel zu wollen kann die Genesung verzögern – Athletinnen und Athleten wie auch Trainerinnen und Trainer sollten auf die Reaktionen des Körpers achten. Wenn die Rückkehr ins Training schwerfällt und die Athletin oder der Athlet sich sehr abmüht, auch nach einem milden Krankheitsverlauf, sollte man besser medizinischen Rat einholen, um Komplikationen wie eine Herzmuskelentzündung auszuschließen. Oft reicht dafür schon ein EKG.“

Informationen und Empfehlungen für den Wiedereinstieg ins Training gibt es hier: https://bjsm.bmj.com/content/bjsports/54/19/1174/F1.large.jpg

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Der Wiedereinstieg: Auch mental eine Herausforderung

„Nach den ersten Rennen war ich so deprimiert“, gesteht Vittozzi: „Ich hatte natürlich niedrige Erwartungen, aber ich hätte nicht gedacht, dass ich so weit zurückfalle. Das war ein Tiefschlag nach dem ganzen harten Training im Sommer. Es wurde immer schwieriger für mich, weil ich mich körperlich so schlapp gefühlt habe und es mir schwer gefallen ist zu akzeptieren, dass ich in der Wertung bei weitem nicht da war, wo ich wusste, dass ich hätte sein können.“

Fialkova erging es ganz ähnlich wie der Italienerin: „Es war sehr, sehr demotivierend. Alles zu geben und nichts dafür zu bekommen ... Ich habe natürlich angefangen zu überlegen, ob ich schlecht trainiert habe oder schlecht in Form bin. Ich war sehr ratlos und habe wirklich an mir gezweifelt.“

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Die Lektion: Niemals aufgeben

Für Fialkova wie auch Vittozzi wendeten sich die Dinge gegen Ende der Saison endlich zum Guten. Für manche mag das nicht gut genug und zu spät gewesen sein, aber den beiden fiel ein großer Stein vom Herzen:

„Nach jedem Misserfolg ging es mir schrecklich, aber ich habe nicht aufgegeben,“ erinnert sich Fialkova an den Wendepunkt: „Es hat eine Weile gedauert, aber irgendwann habe ich eingesehen, dass ich mich nicht mit der Prä-Corona-Form vergleichen darf. Ich habe mich auf kleine Schritte konzentriert, als wäre es ein kompletter Neuanfang, und schon ging es mir besser. Ich bin auf den Skiern wieder so in Form wie vorher und bin stolz darauf. Natürlich hat die Zeit nicht mehr gereicht, das Schießen zu retten – aber immer schön eins nach dem anderen, nicht wahr?“

Vittozzi, für die es bei den IBU Weltmeisterschaften in Pokljuka fast zu einer Medaille reichte und die in Nove Meste na Morave endlich wieder im BMW IBU Weltcup auf dem Podest stand, sieht ihren Saisonabschluss ähnlich: „Ich bin stolz darauf, dass ich nie aufgehört habe, an eine vollständige Genesung zu glauben. Ich habe versucht, einen Tag nach dem anderen anzugehen und mich auf die kleinen Schritte zu konzentrieren statt auf das große Ganze. Es wäre leichter gewesen, aufzugeben, als es einfach nicht laufen wollte, aber ich habe weitergemacht. Ich habe aus dieser schrecklichen Erfahrung viel gelernt: Wir sind keine Maschinen. Wir müssen lernen, auf unseren Körper zu hören und auch mal eine Ruhephase in Kauf nehmen, wenn wir einfach noch nicht so weit sind.“

Fialkova hat eine ganz ähnliche Lektion gelernt und sogar versucht, sie an andere weiterzugeben, damit sie nicht die gleichen Fehler machen: „Viele Athletinnen und Athleten haben sich bei mir gemeldet und gefragt, was ich ihnen raten würde. Ich wünschte, mich hätte jemand zurückgehalten, als ich gleich wieder einsteigen wollte, jemand, der an mich glaubt, aber mich auch bremst, wenn ich mal eine dumme Idee habe oder übermotiviert bin oder mich überschätze.“

Die Erfahrungen der beiden Athletinnen werden von den medizinischen Erkenntnissen, die Dr. Mjoesund beisteuert, untermauert: „Es ist unmöglich abzusehen, wie lange die Genesung dauert, aber derzeit schätzt man, dass es üblicherweise Wochen oder Monate dauert, je nach Schweregrad. Wer zu früh zu hart trainiert, verzögert möglicherweise den Genesungsprozess, aber auch das ist von Fall zu Fall sehr unterschiedlich. Die gute Nachricht ist, dass es temporär zu sein scheint.“

Sowohl Vittozzi als auch Fialkova haben gezeigt, dass es ein harter Kampf ist, aber dass man ihn gewinnen kann. Eine Erkenntnis, aus der viele Hoffnung schöpfen dürften – nicht nur im Profisport, sondern auch im ganz normalen Alltag.

Photo: IBU/C. Manzoni & V. Thibaut

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