Die Geburt eines Superstars

Die Geburt eines Superstars

Nachdem im letzten Jahr mehr als sie Hälfte des Vorsaisontrainings vorbei war, fühlte sich Emilien Jacquelin körperlich ausgelaugt und geistig leer. Er ging zu seinem Trainer Vincent Vittozz und bat um einen niedrigeren Workload. Doch anstatt sich seinen Wunsch erfüllen zu lassen, bekam er das, was er wirklich brauchte: Die ehrliche Meinung von demjenigen, der einerseits das enorme Potenzial von Emilien kannte und andererseits wusste, was von den Besten abverlangt wird, die um den Titel wetteifern: Sie müssen alles geben.

„Emilien, der Wettkampf der ganz Großen ist nicht jedermanns Sache. Vielleicht schaffst du es einfach nicht“, sagte Vittozz. Als er Vincents Zimmer verließ, fand Emilien es furchtbar, so mit einem Sportler umzugehen. Er wusste aber auch, dass sein Trainer ihm die Wahrheit gesagt hatte. Jacquelin hatte jahrelang mit Martin Fourcade trainiert und selbst gesehen, wie sein guter Freund, Teamkollege und einer der besten Biathleten aller Zeiten über ein Jahrzehnt hinweg konstante Leistung lieferte – und das jede Saison, jeden Tag und bei jedem Training.

Die Geburt eines Superstars

Eine knallharte Lehre

Die Saison 2018/2019 war für Jacquelin die erste volle Saison auf Weltcup-Niveau gewesen und es war eine knallharte Lehre für einen jungen Mann, der sich viele Gedanken macht und bis heute behauptet, dass er sich nur auf den Skiern und mit einem Gewehr über der Schulter wirklich selbstbewusst fühlt. Der neunte Platz im Sprint von Ruhpolding und im Massenstart von Antholz-Anterselva waren seine besten Ergebnisse – eine eher enttäuschende Leistung für einen, der in der Olympia-Saison 2017/2018 im Sprint und in der Verfolgung in Antholz-Anterselva Fünfter und Sechster geworden und der von Fourcade im BMW IBU-Weltcup groß angekündigt wurde. Als Jacquelin noch als Student am Saisonende 2017/2018 als IBU-Neuling des Jahres gefeiert wurde, freute er sich über alles auf den Sommer, den er nicht mehr mehrheitlich mit dem Studieren, sondern als Vollzeit-Athlet verbringen würde.

Die Geburt eines Superstars

Obwohl das Ende der Saison 2018/2019 eine Enttäuschung für Jacquelin war, war er im Vergleich zur vorigen Saison auf den Skiern um 1% schneller (seine Geschwindigkeit verbesserte sich von 0% auf -1%) und schoss um 1% besser (seine Schussgenauigkeit verbesserte sich von 80% auf 81%). Er hat außerdem die wichtigsten Biathlon-Lektionen gelernt: Es gibt viele Höhen und Tiefen, und die eigene Entschlossenheit wird ständig auf die Probe gestellt. Für die meisten ist das eine gewaltige Aufgabe und es gibt nur sehr wenige, deren natürliche Begabung mit einer starken Arbeitsmoral, mentaler Stärke und brennendem Ehrgeiz gepaart ist – und denen nur eines mehr wehtut als körperlicher und geistiger Schmerz: nicht zu gewinnen. 

Als letzte Saison das Sommertraining begann, wurde Jacquelin bewusst, dass er zu nett zu allen gewesen war: Zu nett zu seinen Teamkollegen, mit denen er um die Podestplätze und einen Platz in der Staffel kämpfte, und auch zu nett zu sonstigen Rivalen. Er wusste, dass er sich innerhalb der französischen Mannschaft und innerhalb des BMW IBU-Weltcups neu positionieren musste. Er wollte einer sein, der alles in seiner Macht Stehende tut, um die Besten herauszufordern und einer von ihnen zu werden – also der Typ, der jedes Mal aufs Neue um das Podest und den Sieg kämpft. Er war sich sicher gewesen, dass seine neue Entschlossenheit für die höchste Ebene ausreicht. Bis Vittozz ihn auf den Boden der Tatsachen holte. 

"Dieses Gespräch mit Vincent hat alles verändert. Plötzlich wurde mir klar, was Martin damit gemeint hat, als er mir sagte, wie andere im Team das Training angehen und wie die Besten der Welt ticken", erklärte Jacquelin.

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Der Durchbruch fing in Oestersund an

Bei der letzten Saisoneröffnung im schwedischen Oestersund erlebten die französische Mannschaft und ihr Wachsteam im Einzel einen ihrer besten Tage. Fourcade siegte, Simon Destieux wurde Zweiter, Quentin Fillon-Maillet Dritter, Jacquelin Vierter und Fabien Claude Siebter. Während es für das norwegische Wachsteam der schlimmste Tag der Saison war, zeigten die Franzosen, dass Fourcade & Co. wieder voll bei Kräften und bereit sind, es mit JT Boe, seinem Bruder Tarjei und dem Rest ihrer Mannschaft aufzunehmen. Nach dem Erfolg des Teams postete Jacquelin seinen inzwischen schon legendären Beitrag auf Instagram: ‚Napoleon sagte: „Ihr sollt wissen, dass es nie eine Schande ist, von den Franzosen besiegt zu werden.“‘

Während die Biathlon-Karawane von Oestersund nach Hochfilzen (Österreich) weiterzog, war Jacquelin immer besser in Form. Er wurde Dritter in der Verfolgung, während er gleichzeitig zum ersten Mal in seiner Karriere einen 20-von-20-Sieg schaffte. Sein leistungsfähiger Körper begann, vom harten Sommertraining zu zehren und es abzurufen, und er ging mit diesen neuen Gefühlen nach Frankreich, nach Annecy-Le Grand Bornand. Vor den heimischen Zuschauern entdeckte Emilien einen neuen Aspekt an sich und seinem Talent. Bei den nassen und langsamen Bedingungen im Massenstart gingen JTs Skier los wie eine Rakete, er ging in der ersten Runde weit vor dem Rest des Feldes in Führung. Der einzige Athlet, der mit dieser norwegischen Power mithalten konnte, war Jacquelin. Er erzielte den zweiten Platz und bemerkte dabei, dass Boe Zweikämpfe nicht besonders schätzt, sondern es vorzieht, das Feld zu seinen eigenen Bedingungen zu dominieren.

„In Annecy war ich überrascht, dass ich bei den furchtbaren Bedingungen mit Quentins oder Martins Tempo mithalten kann. Vielleicht hatten die beiden Glück, aber bei mir was es nicht so. Mir war klar, dass ich dem Allerbesten auf den Fersen war“, sagte Jacquelin rückblickend.

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(Vorübergehend) zu selbstbewusst

Als das 2. Trimester in Oberhof (Deutschland) anlief, versuchten alle, sich neu zu positionieren. JT Boe nahm nämlich Vaterschaftsurlaub und würde erst in Pokljuka (Slowenien) wieder dabei sein. Für Jacquelin gab es zu Beginn eine neue Podestplatzierung – einen zweiten Platz im Sprint – und es war das erste Mal, dass er sich das Podest mit seinem Freund und Mentor Fourcade teilte.

„Sechs Tage vor dem Start in Oberhof sind wir ein Rennen gefahren“, sagte Jacquelin. „Nur wir beide. Wegen unserer schlechten Leistung auf den Skiern haben wir uns richtig schlecht gefühlt und hofften auf eine bessere Leistung in Oberhof. Eine Zweit- und Erstplatzierung zu erlangen und auch noch zusammen mit Fourcade auf dem Podium zu stehen – da ging ein Traum in Erfüllung. Noch vor fünf Jahren war ich nur ein Junge, der mit ihm trainieren durfte. Für mich war er ein Vorbild und ich habe zu ihm aufgesehen. Das gibt mir viel Selbstvertrauen.“

„Emilien ist ein Riesentalent mit enormem Potenzial. Wenn er seine Leistung richtig konstant halten kann, wird er sehr schwer zu schlagen sein“, fügte Fourcade hinzu.

In Oberhof ging Jacquelin für die französische Staffel an den Start und absolvierte eine miserable Leistung beim Stehendschießen, indem er zwei Strafrunden für Frankreich kassierte. Eine Woche später, als Frankreich in Ruhpolding Norwegen endlich besiegte (wenn auch ohne JT im Kader), gab er zu, dass er zu selbstbewusst in die Staffel in Oberhof gestartet war. Schnell lernte er, dass Übermut – wenn auch innere – selten zum gewünschten Ergebnis führt. Seine Form brach in Pokljuka vollends ein, aber das kam für Jacquelin nicht unerwartet. Im Biathlon gibt es bekanntlich nie Gnade für diejenigen, die am Wettkampftag nicht in Topform sind.

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Weltmeister!

Die IBU-Weltmeisterschaften Antholz-Anterselva 2020 wurden aus vielen Gründen mit Spannung erwartet. Jacquelin hatte seine eigenen Erwartungen. Er wurde im Sprint Sechster, während Fillon-Maillet Silber und Fourcade nach Alexander Loginov Bronze holte. JT wurde Fünfter und konzentrierte sich bei der Verfolgung auf die Revanche. In einem fulminanten Biathlon-Finale fanden sich JT und Jacquelin in der letzten Runde allein vor dem Rest des Feldes wieder. Während die Ziellinie immer näher kam, beäugten sie sich gegenseitig, überdachten ihre Positionen mehrmals aufs Neue, schätzten ihre Chancen ab und riefen Energiereserven ab. Mehrmals bot JT Jacquelin dabei die Führung an, doch lehnte der Franzose ab. Dann blieb JT absichtlich fast stehen und zwang Jacquelin so, in Führung zu gehen. Für den Norweger war das ein fataler Fehler.

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„Als Johannes mich vorbeiziehen ließ, legte sich in meinem Kopf ein Schalter um: Ich habe kapiert, dass ich Aktivität reingeben und die letzten 100 Meter sogar angstfrei diktieren kann. Meine Reaktion war also, mir die Schuhe richtig zuzubinden, wie das ein Sprinter tut, um zu signalisieren: ‚Gut, ich bin zum Kampf bereit.‘ Ich habe ihn also beobachtet, mich umgesehen, ob er angreift. Ich habe einmal beschlossen anzugreifen, und er hatte am Tunnel mehr Tempo als ich, sodass er fast hinfiel. Dann habe ich gesehen, dass ich bei der letzten Kurve immer noch Erster bin und da wusste ich, dass ich gewinnen würde. Es waren nicht meine Beine oder mein Kopf, die so entschieden haben, sondern das Kind in mir. Sicherlich spielte meine Erfahrung auf der Radstrecke mit eine Rolle“, erklärte Jacquelin später.

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Diese Goldmedaille war die Grundlage dafür, dass er in der Single-Mixed-Staffel mit Anais Bescond Bronze, mit der Staffel Gold und im Massenstart in Antholz Bronze holte. In den Einzelwettbewerben in Antholz lag seine Schussgenauigkeit bei 94% und seine Leistung auf den Skiern bei -4%. Er war genau dann in Topform, als es darauf ankam.

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Andenken der besonderen Art

Während der BMW IBU-Weltcup in den unsicheren Wochen der rasanten Ausbreitung des Coronavirus weiterging, bewahrte Jacquelin Ruhe und Form. Im tschechischen Nove Mesto na Morave wurde er im Massenstart Zweiter und im Sprint sowie in der Verfolgung von Kontiolahti jeweils Dritter. Im letzten Wettbewerb der Saison trug Fourcade die gelbe Startnummer und Jacquelin die rote Startnummer. Am Ende gewann Fourcade in Gelb und nahm Abschied. Der Gesamtsieg ging verdient an JT, während Jacquelin sich in der Verfolgung seine erste kleine Kristallkugel sicherte. 

Für immer in Erinnerung bleiben wird Jacquelin mit Sicherheit aber das Foto, auf dem Fourcade in Gelb in Führung liegt und Jacquelin ihm in Rot dicht auf den Fersen ist.

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„Martin ist keiner, der einem viele Ratschläge gibt. Ich glaube, wenn es nach ihm geht, müssen junge Leute wie ich selbst besser werden, ohne Hilfe. Wir trainieren seit sechs Jahren zusammen, ich bin quasi seit Teenagerjahren sein größter Fan! Man kann sich also vorstellen, wie es war, mit ihm zu trainieren. Er hat mir beigebracht, wie streng man bei jedem Training mit sich sein muss, damit man gut wird. Einmal sagte er zu mir: ‚Wenn ich Rennen laufe, verzichte ich auf mein Vergnügen: das Wichtigste ist die Leistung.‘ Das war das Gegenteil meiner Einstellung. Aber nach diesem Jahr verstehe ich, was er damit gemeint hat. Ich kann gar nicht sagen, an wie vielen Tagen wir zusammen trainiert haben, gute Tage, schwierige Tage – viele Tage, an denen ich mir gesagt habe: ,Der spinnt doch“. Aber er ist ganz klar der größte Biathlet. Ich bin wirklich stolz darauf, mit ihm Rennen gefahren zu sein. Dieses letzte Rennen mit der gelben und roten Startnummer ist das besten Andenken meiner Karriere", sagte Jacquelin in Kontiolahti.

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