Die große Wandlung

Die große Wandlung

An einem sonnenüberfluteten Wintertag gelang der 29-jährigen Tiril Eckhoff in Hochfilzen in der Verfolgung zum ersten Mal ein 20-von-20-Sieg auf BMW IBU-Weltcup-Niveau. In nur wenigen Augenblicken durchlebte sie dabei ein Wechselbad der Gefühle. In der unberechenbaren Norwegerin brach plötzlich etwas hervor, ganz so, als ob ihr Talent sie dazu gebracht hätte, sich ernst zu nehmen und ihr Potenzial endlich auszuschöpfen. Und es verlieh ihr Flügel.

Die große Wandlung

Wie zu erwarten ging anfangs alles schief

„Nur zu, streu Salz in meine Wunden“, anwortete Eckhoff auf die Frage, ob sie nach der einwandfreien Leistung in der Damenstaffel bei Saisonauftakt 2019/2020 in Oestersund wieder besserer Stimmung sei. Im Vorfeld hatte es Enttäuschungen beim Sprint gegeben, wo sie viermal verfehlt hatte und 40. wurde, während sie in der Einzelwertung mit fünf Fehlern auf dem 29. Platz landete. Später sagte sie, dass das mangelnde Tageslicht und der Wind ihre Form und ihre Laune beeinträchtigt hätten und sie den Flug nach Österreich kaum erwarten konnte. „Als Skandinavierin sollte ich sowas zwar nicht sagen, aber so fühle ich mich eben“, sagte sie ehrlich wie eh und je. 

In Hochfilzen landete sie beim Sprint 8 von 10 Treffern, brachte der Damenstaffel an dritter Stelle einen weiteren Sieg ein und holte ihren ersten 20-von-20 -Sieg in der Verfolgung. 

"Ich habe mich heute auf den Skiern eigentlich nicht besonders wohl gefühlt", sagte Tiril, "deshalb habe ich mich mehr aufs Schießen konzentriert. Ich bin sehr emotional und vermutlich die restliche Woche überglücklich."

Die Karawane zog dann nach Annecy - Le Grand Bornand. Das warme und feuchte Wetter konnte der Festtagsstimmung der französischen Fans vor Ort nichts anhaben und Eckhoffs Form steigerte sich weiter.

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Hattrick in Frankreich

In Annecy - Le Grand Bornand war Eckhoff noch besser in Form und startete mit einem überragenden Sieg im Sprint. Sie sagte, dass sie das der Strecke – diese läge ihrem Stil –zu verdanken habe. Und dem magischen Händchen des norwegischen Wachsteams. Dann siegte sie in der Verfolgung und baute über vier Wettbewerbe eine Schussgenauigkeit von 100% im Stehendschießen aus. Pures Glück, wie sie sagte.

"Ich möchte mich bei meinem Trainer Patrick für all das harte und trockene Sommertraining bedanken", dankte sie Patrick Oberegger, dem italienischen Trainer der norwegischen Damen. 

Im Sommer war Tiril tatsächlich neugierig auf die Dinge, die Oberegger zu sagen und zu lehren hatte.

"Zahlen und Statistiken können nicht alles sagen, besonders nicht über die Person und über den Charakter, Gefühle, Ängste…! Ich habe zuerst gelernt, wie sie Biathlon durch die Arbeit mit Trainern vor mir erlebt hat", kommentierte Oberegger. "Wir haben uns wirklich viel Zeit genommen, um zu diskutieren, zu streiten und zu analysieren, aber immer mit einem Ziel vor Augen: das Beste zu trainieren, was wir konnten. Dann haben wir begonnen, den Prozess zu optimieren, indem wir die guten Dinge beibehalten, andere verfeinert und die Dinge einfacher gemacht haben. Natürlich haben wir an einigen technischen Aspekten ihres Biathlons gearbeitet, insbesondere am Schießen, und das hat sich gezeigt, aber es war ihr Selbstvertrauen, an dem wir am meisten arbeiten mussten."

"Was ich vorhabe? Essen, schlafen und morgen das Ganze beim Massenstart wiederholen", antwortete sie auf die Frage, wie sie sich ihre Siegesmentalität bewahren wolle.

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Und was hat es mit ihrer langweiligen Sommerroutine auf sich?

"Im Sommer habe ich mich am Zeh verletzt und eine große Beule an der Hüfte bekommen. Patrick und ich hatten also jede Menge Zeit, langweilige Übungen zu machen und an meiner Schießtechnik zu feilen. Auf jeden Fall hoffe ich, dass meine Schießleistung möglichst lang so bleibt", sagte Eckhoff, die sich plötzlich – völlig außerplanmäßig – mit ihren Chancen auf den Gesamtsieg auseinandersetzen musste.

Ihre Geschwindigkeit auf den Skiern lag in Annecy - Le Grand Bornand bei -6 % (oder höher) und im Vergleich zu den 76 % der Vorsaison lag ihre Schussgenauigkeit bei 90 %. Die Verbesserung war qualitativ so drastisch, dass Eckhoff sie nur schwer verarbeiten konnte. In der Weihnachtsferien hatte sie dann die Zeit dazu.

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Feuer und Flamme fürs Training

Zusammen mit ihrer Teamkollegin und engen Freundin Ingrid Landmark Tandrevold und ihren jeweiligen Partnern brach Eckhoff nach Antholz auf, um sich vor dem zweiten Trimester zu erholen und gleichzeitig an ihr 'Essen-schlafen-wiederholen'-Erfolgsrezept anzuknüpfen. Am ersten Tag des Jahres 2020 klopfte dann der Südtiroler Oberegger morgens um 9 Uhr an die Tür: Das Training ging weiter.

"Man sieht es mir vielleicht nicht an, aber ich bin Feuer und Flamme fürs Training", erklärte Tiril in Ruhpolding, wo sie sich durch einen Sieg beim Sprint zum ersten Mal auch die gelbe Startnummer erkämpfte. Sie siegte in der Verfolgung und verdoppelte so ihren Vorsprung, ihre Schießleistung lag immer noch bei über 90 Prozent. Und was noch noch aussagekräftiger ist: In den Wochen 2, 3, 4 und 5 gewann Eckhoff 54 Punkte pro Wettkampf und erreichte damit ein Niveau, das es mit JT Boe und Martin Fourcade aufnehmen konnte. 

"Im Biathlon dreht sich alles um den Flow", sagte sie in Ruhpolding, als man sie nach den Änderungen und der Verlässlickeit ihrer Schießtechnik fragte. "Wenn man im Flow ist, läuft alles super. Wenn nicht, läuft es nicht so gut."

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Und plötzlich war der Flow vorbei

Es ist aus mindestens zwei Gründen riskant, drei Wochen vor den IBU-Weltmeisterschaften in Antholz - Anterselva in Höchstform zu sein:

  1. Wenn man in Höchstform ist, schöpfen Körper, Geist und Seele jegliche Reserven aus und das Immunsystem wird dadurch geschwächt.
  2. Die zwei Wochen zwischen BMW IBU-Weltcup 6 und IBU-Weltmeisterschaften sind in der Saison ein langer Zeitraum, in dem alles Mögliche passieren kann.

In der Causa Eckhoff trafen beide Punkte zu:

  1. Beim BMW IBU-Weltcup 6 in Pokljuka erkrankte sie (leicht) und ließ den Massenstart sausen
  2. Als Folge von 1 war sie in Ruhpolding nicht mehr im Flow und hatte für ihre Verhältnisse katastrophale Einzelwettkämpfe. Ihre Schussgenauigkeit sank von über 90% auf 78%. Sie belegte im Sprint Rang 59, in der Verfolgung Rang 20, im Einzel Rang 15 und im Massenstart Rang 7. Zudem musste sie die gelbe Startnummer an Wierer abgeben.

"Tiril hat ihren Flow noch vor Antholz verloren. Klar, ihre Haltung am Schießstand hat sich im Vergleich zu den vergangenen Saisonen deutlich verbessert. Aber sie ist ein sehr emotionaler Mensch. Wenn ihre Stimmung und ihre Verfassung nicht miteinander übereinstimmen, macht ihr das zu schaffen", kommentierte Oberegger während des BMW IBU-Weltcups 7 NMNM, als es von Stunde zu Stunde wahrscheinlicher wurde, dass sich die Saison aufgrund der Corona-Pandemie verkürzen würde. Eckhoff errang beim Massenstart der NMNM mit 19 von 20 Treffern den Sieg, und da Wierers Form sich durch körperliche und emotionale Erschöpfung im freien Fall befand, sollte das letzte Schießen der Verfolgung von Kontiolahti entscheiden. Tiril war vor dem letzten Stehendschießen in Führung, traf die erste Scheibe, und während Wierer auf Autopilot lief und auf ein Wunder wartete, kam Eckhoff plötzlich ins Wanken. Der Wind in Kontiolahti blies heftig und für jeden Schuss nahm sie sich noch mehr Zeit. Dabei verfehlte sie dreimal und Wierer ergriff die Chance, um sich ihren zweiten Gesamttitel in Folge zu holen.

Tiril weiß jetzt, wie es ist, in der Biathlonwelt an der Spitze zu stehen. Schafft sie es wohl, 2020/2021 auch am Saisonende dort zu stehen?

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