Ein Tag im Leben von… Benjamin Weger

 Ein Tag im Leben von… Benjamin Weger

Die meisten Biathleten leben an einem Ort, an welchem sie ideale Trainingsbedingungen finden. So auch Benjamin Weger: Er kann in den Bergen Fahrrad fahren, laufen und Rollerski fahren, der Schießstand ist nur drei Minuten von seinem Haus entfernt und – am wichtigsten – gleich um die Ecke kann man fantastisch angeln.

 Ein Tag im Leben von… Benjamin Weger

Lebensmittelpunkt
Weger lebt mit seinen Eltern in einem Haus aus dem 16. Jahrhundert in dem 500-Seelen-Ort Geschinen. An einem Sommertag Mitte Juli erzählt er uns: „Seht euch diese Natur an, einfach wunderschön und fast das ganze Jahr über grün. Perfekt. Ich kann einfach aus der Tür treten und meine ganzen Trainingseinheiten hier in der Natur absolvieren. Meistens mehr oder weniger allein. Danach wartet schon ein selbstgekochtes Essen auf mich. Das Wichtigste ist: Das ist mein Zuhause. Hier bin ich aufgewachsen. Meine Familie und meine Freunde leben hier. Das ist mein Lebensmittelpunkt.“

Schweizer Müsli und Espresso
Morgens steht Weger gegen „sieben oder halb acht“ auf – „außer wenn ich wirklich lange, drei Stunden dauernde Trainingseinheiten vor mir habe“ Zum Frühstück gibt es immer Schweizer Müsli. Das bekomme ich allerdings nicht überall auf der Welt, aber auch auf Reisen müssen es wenigstens irgendwelche Getreideflocken, Brot, Honig und Butter sein. Dazu ein Espresso. Der ist fast noch wichtiger als das Müsli! 8:30 Uhr geht das Training los und gegen 11:30 Uhr bin ich wieder zurück.“

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Zielscheiben streichen
An einem sonnigen Dienstag fährt er 2 km bis ins Nordische Skizentrum, ein umgewandelter Armeestützpunkt, für eine Trainingskombo aus Langlauf und Rennen. Den Schießstand mit vier Schießbahnen hat er ganz für sich allein. „Außer ein paar einheimischen Juniorenathleten bin ich der Einzige, der hier trainiert. Sie waren vor mir heir… und haben die Scheiben nicht gestrichen.“ Also holt er das nach, schnappt sich zwei Schießmatten und ein Fernrohr. Bei windstillem Sommerwetter braucht er zum Anschießen nur zehn Schuss, keine Veränderungen der Visierlinie. Die typische Einzelschuss- und Fünf-Schuss-Übung folgt. Nach einer 20-minütigen Aufwärmeinheit auf den Waldwegen ist er bereit.

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Laufen zu Kuhglocken​„Das ist Teil eines moderaten Trainingstages: 6 x 5 Minuten auf Level 4 mit zwei Schießeinheiten und etwa derselben Ruhezeit. Ich bin gerade am Ende eines Trainingszyklus’. Nächste Woche ist Urlaub angesagt: Ein Angelausflug nach Sibirien.“ Weger mag Laufeinheiten, „aber ich bevorzuge die Strecken in den Bergen.“ Die Runde beginnt auf einem gepflasterten Weg und führt dann hoch in den Wald, vorbei an grasenden Kühen mit läutenden Kuhglocken. Dann noch ein Sprung über einen Zaun 50 Meter vor dem Schießstand.

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Fans und Mittagessen​Nachdem die Hälfte der Trainingseinheit geschafft ist, halten ein paar Fahrradfahrer an und sehen zu. Weger räumt die letzte Scheibe ab, dann näherte sich einer der Zuschauer und fragt auf Französisch: „Weger? Benjamin Weger? Bravo, ich habe Sie im Fernsehen gesehen.“ Nach dem obligatorischen Selfie meint Weger: „Das ist mir hier zum ersten Mal passiert! Aber es ist schön – schön, erkannt zu werden.“ Drei weitere Intervalle ohne Zwischenfälle, 30 Minuten Cool-down und das Training ist beendet.

Noch schnell unter die Dusche, dann ruht er sich kurz im Garten aus, bevor es zum Mittag Schweinekoteletts mit Kartoffeln, Zucchini, Salat und frisch gebackenem Beeren-Aprikosen-Kuchen von seiner Mutter gibt. „Ich bin ein Glückspilz. Ich muss nicht selbst kochen. Ich kann es ein wenig, das ist das Problem. Aber ich hasse es, abzuwaschen.“

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Mittagsschlaf oder Angelausflug?
Die meisten Athleten legen sich nach dem Essen kurz hin, aber Weger ist kein Mittagsschläfer. „Im Trainingslager mache ich auch ein Nickerchen, aber wenn ich zu Hause bin, verbringe ich meine Zeit lieber anders… Der See ist nicht weit weg. Wenn das Morgentraining nicht zu hart war, gehe ich nach dem Essen ein, zwei Stunden angeln, komme dann zurück und ruhe mich ein bisschen aus, bevor das Nachmittagstraining ansteht.“

Auch heute fährt er zum See, den er kennt wie seine Westentasche. Fliegenrute, zwei Schachteln mit Fliegen und los geht’s. Einige hundert Meter von Wegers Angelstelle entfernt vergnügen sich Schwimmer und Paddelboard-Fahrer. „Es ist ziemlich windig heute. Da sind die Fische schwerer zu sehen. Das ist eine gute Stelle. Ich lasse die Fische aber wieder frei, wenn ich sie fange. Viele Bäche in den Bergen sind überfischt, weil die Leute die ganzen großen Fische herausholen.“

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Regenbogenforelle

Nach etwa fünf Minuten entdeckt er eine Forelle dicht unter der Wasseroberfläche. Er wirft die Angel aus – nichts. Zweiter Versuch – getroffen. Wenige Minuten lang ist es ein Kampf Weger gegen die Forelle. Er genießt es. Dann wird der Fisch müde und der Biathlet fängt ihn mit dem Netz. Er löst vorsichtig den Angelhaken, schießt ein Foto und lässt den Fisch wieder ins kalte klare Wasser gleiten.

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Entspannung: Fliegen binden​Die meisten Athleten schauen Filme oder gehen abends nach dem Training aus. Weger ist zu Hause oder bei seiner Freundin. „Ich gehe kaum aus. Bei schönem Wetter angle ich. Ich liebe das Angeln. Es ist kein Hobby, sondern eine Leidenschaft, eine Lebenseinstellung.“ Selbst im Winter dreht sich alles ums Fischen. „Wenn ich während der Wettkampfsaison Zeit habe, binde ich meine eigenen Fliegen. Wenn ich ein schlechtes Rennen abliefere, nehme ich meine Ausrüstung, binde ein paar Fliegen, das Gedankenkarussell in meinem Kopf stoppt und ich entspanne mich. Ich denke immer: Mit dieser Fliege könnte ich den Fang meines Lebens machen!“

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Rollerski und Riesenfische
Nach dem Angeln warten die Rollerski. Weger startet neben der Staue eines fernen Verwandten, der das Haus der Familie erbaute und einmal sein Pferd über einen blockierten Weg trug, um nach Hause zu kommen. Schon fliegt Weger davon: 30 Minuten durch das flache Tal, dann den steilen Nufenen-Pass hinauf und über einen weit unterhalb der Straße liegenden Fluss. Dann hält er an und deutet nach unten. „Dort habe ich letzte Woche geangelt. Ich habe eine riesige Forelle gefangen. Ich hoffe, ich schaffe es bald wieder mit meiner Angel hierher.“ Kurz nach 13:45 Uhr ist das Training für den Tag beendet, ganze 2000 Meter über dem Meeresspiegel.

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Benjamin Weger atmet schwer, ist aber mit seinem Trainingstag zufrieden. Dann erzählt er uns von seinem großen Ziel: „Eine Weltmeisterschaftsmedaille. Dafür arbeite ich jeden Tag so hart. Das ist es, was mich antreibt und wovon ich träume…“

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