Ein Tag im Leben von ... Scott Gow

Ein Tag im Leben von ... Scott Gow

Für Scott Gow und seine kanadischen Mannschaftskameraden ist die Sache mit der diesjährigen Corona-Epidemie in einer Hinsicht ganz gut gelaufen: Sie sind alle in Canmore, können dort im Canmore Nordic Centre trainieren, und bis zu den östlichen Ausläufern der Rocky Mountains mit endlosen Trainingsmöglichkeiten sind es nur wenige Kilometer.

„Die Pandemie hat keine großen Auswirkungen auf unser Training gehabt. Anfangs wussten wir nicht, ob wir den Schießstand nutzen können, da waren wir zwei Wochen im Verzug. Natürlich gibt es Regeln, wie dass man keine Spektive oder Gewehrständer teilen darf. Unser Training findet überwiegend draußen statt. Ich kann also laufen gehen, Rennrad oder Skiroller fahren. Am schlimmsten war das mit den Fitnessräumen, da durften wir erst vor einem Monat wieder rein.“

Unters Messer

Trotzdem war der Einstieg ins Sommertraining für Gow langsamer als sonst. „Mir sind Anfang Mai an beiden großen Zehen Überbeine entfernt worden. Die hatten meine Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Es ist jetzt besser als vorher, als ich wirklich nur einen sehr kleinen Bewegungsradius hatte. Ich kann meine Zehen jetzt bewegen und mich richtig abdrücken. Die Veränderung ist deutlich, selbst im Alltag geht es mir damit viel besser. Es hat sich gelohnt, obwohl ich 3 - 4 Wochen Training verpasst habe.“

Ein Tag im Leben von ... Scott Gow

Auf zum Training

Jetzt läuft wieder alles wie gewohnt. „Der Wecker klingelt um 07:15 Uhr. Ich messe meine morgendliche Herzfrequenz und schicke sie an meinen Trainer. Dann frühstücke ich, springe ins Auto und fahre zum Schießstand. Ich komme noch ein bisschen früher an den Schießstand als früher, weil wir als Mannschaft mit einem Sportpsychologen an einem mentalen Trainingsprogramm arbeiten. Ich fange mit einer Minute Aufwärmen an.“

Mentales Training

„Danach machen wir eine kleine mentale Übung, bei der wir uns in dieser Phase des Jahres selbst anleiten. Da liegen dann alle Athleten in einer Reihe auf den Matten als würden sie ein Nickerchen machen, und alle versuchen, sich für den Tag mental bereit zu machen. Es ist eine Kombination aus Konzentration, Entspannung und ein Loslassen von allem, was belastet. Das ist bei jedem ein bisschen anders. Wer gestresst ist, versucht sich vielleicht vor der Einheit ein bisschen zu entspannen, und wer sich gut fühlt, der konzentriert sich vielleicht auf die Ziele für den Tag. Das Ziel dieses Programms ist, dass wir im Winter mental stärker und belastbarer sind ... damit uns Angst oder Nervosität dann nicht so zusetzen können. Zumindest nicht so oft wie vorher. Dann wird auch der 20. Schuss garantiert ein Treffer!“

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Schießtraining

So hat Gow in diesem Sommer auch den Trainingsansatz beim Schießen angepasst. „Wir haben uns ein bisschen weniger darauf konzentriert, viel zu schießen und Schießübungen zu absolvieren und rein um des Schießens willen zu schießen. Jetzt liegt der Fokus für mich bei jedem Einlaufen in den Schießstand darauf, jedes Mal fünf Treffer zu setzen und mich zu zwingen, das unter Druck zu machen ... wie ich es dann auch später in den Rennen muss.“

Diesen Fokus auf die „weiße Weste“ führt er auf die von Martin Fourcade getriebene Weiterentwicklung der Schieß-Philosophie zurück. „Das Niveau ist im gesamten Sport gestiegen. Man muss gut schießen, um eine Chance zu haben. Als ich damals in den Weltcup aufstieg, gab es oft Sieger, die mehrmals verfehlt hatten. Tja, und dann kam Fourcade und hat einfach alles getroffen und ist schneller gelaufen als alle anderen, und da musste sich jeder klarmachen, dass er alle Scheiben treffen muss, wenn er aufs Treppchen will. Das hat es anspruchsvoller gemacht und jeden gezwungen, sich auf Fourcades Niveau hochzukämpfen.“

Intensität

Sobald er die richtige Geisteshaltung für den Tag gefunden hat, geht es für Gow mit der reinen Biathlon-Arbeit weiter. „In der letzten Woche ging es nur um Intensität, mit Intervallen und Zeitfahren. Wir haben so um halb neun mit dem Anschießen angefangen, uns dann weiter aufgewärmt und eineinhalb bis zwei Stunden trainiert. Ich habe dann zusammengepackt und bin zum Stausee runter, gegenüber vom Eingang zum Nordic Center. Nach einer intensiven Trainingseinheit ist es einfach herrlich, da kurz reinzuspringen, um sich zu erholen.“

Zoom-Meeting, einfaches Mittagessen

Zuhause geht es dann meist in die Dusche, bevor es Mittagessen gibt. „Jeden Dienstag hat die Mannschaft allerdings ein Zoom-Meeting mit dem Sportpsychologen. Wir sprechen darüber, woran wir in der vergangenen Woche gearbeitet haben und was wir gelernt haben. Ich habe über ein Zeitfahren gesprochen, das wir gemacht haben. Dann habe ich mir angehört, was Emma Lunder und Adam Runnels dazu erzählt haben. Es ist spannend zu hören, was die anderen erzählen, wie ähnlich und wie verschieden wir sind und sich auch mit ihren Erlebnissen auseinanderzusetzen.“ 

Das Mittagessen fällt bei dem 30-Jährigen einfach aus. „Ich habe noch Reste, das ist perfekt. Wenn ich keine habe und schnell etwas machen muss, mache ich gerne Quesadillas oder ein Sandwich. Ich mag es gern schlicht.“

3D-Druck und Netflix

Die meisten Athleten machen dann einen Mittagsschlaf, Gow jedoch nicht. „Wenn es ein wirklich harter Trainingstag war, dann mache ich vielleicht kurz die Augen zu. Aber an einem Tag wie heute mache ich keinen Mittagsschlaf. Das ergibt sich einfach nicht. Dafür muss ich mir extra Zeit nehmen. Mindestens einmal wöchentlich gehe ich nachmittags zur Massage. Heute mache ich was mit 3D-Druck, aber mehr auf Amateurniveau. Ich habe mit Zubehör experimentiert, dass ich an meine Waffe anbauen kann. Das braucht viel Zeit, weil ich nicht besonders gut darin bin. Ich drucke etwas, dann passt es nicht, dann muss ich das Modell anpassen. Das ist ein gutes Hobby, mit dem ich mich so etwa eine Stunde lang beschäftigen kann. Dann habe ich Netflix angemacht und eine Folge von „The Boys“ geschaut. Ich schaue viele verschiedene Sachen wie Kochshows und Serien wie „The Office“. Das lief im Hintergrund, und ich habe dabei mein Schieß- und Trainingstagebuch ausgefüllt und mich ein bisschen gedehnt. Ich habe wirklich nicht viel Freizeit.“

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Nachmittags raus in die Natur

Das Nachmittagstraining ist in Canmore ein Genuss, denn die Sommer sind herrlich, und sobald man vor die Tür tritt, steht man schon mittendrin in der atemberaubenden Natur. „Wir haben einen wirklich tollen Sommer gehabt, vielleicht etwas milder als sonst. Wir hatten nur zwei Wochen lang richtig heißes Sommerwetter. Ansonsten ist es kühl und mild gewesen, prima fürs Training ... Die Nachmittagseinheiten sind meist etwas leichter, wie zum Beispiel ein Lauf in Zone 1, eine Skiroller-Einheit oder eine Mountainbike-Tour. Maximal 1 - 2 Stunden. Wo ich wohne, gibt es viele Lauf- und Mountainbikestrecken. Ich kann einfach zuhause loslaufen oder losfahren. Am meisten Spaß machen mir die Mountainbiketouren. Die Nachmittage sind super, ich ziehe mir einfach die Schuhe an und los gehts.“ 

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Selbstgekocht schmeckt‘s am besten: Pizza

Wie schon das Mittagessen fällt auch das Abendessen bei Gow schlicht aus. „Das ist meistens so ... gestern gab es Spaghetti. Wenn mir sonst nichts einfällt, gibt es immer Spaghetti. Nudeln mit Bolognese-Sauce und ein bisschen Gemüse drin. Ein einfaches, schnelles Essen, das ich wirklich gern mag. Wenn ich Zeit habe, mache ich mir Pizza oder grille mir ein Steak mit Reis und Pilzen. Ich kaufe mir manchmal auch fertiges Hähnchen Cordon bleu und mache mir Kartoffeln und Gemüse dazu. Meistens koche ich zuhause, es sei denn, ich will Sushi, das kann ich nicht selber. Dann esse ich auswärts, aber das kommt nicht so oft vor.“

Nach dem Abendessen geht es meistens schnell ins Bett. „Meistens zwischen 10 und 11. Im Hochsommer ist es um 11 oft noch hell, aber jetzt wird es schon früher dunkel. Aber die Abendsonne scheint direkt in mein Schlafzimmer, und dann fällt es mir schwer, einzuschlafen.“

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Highlights und Ambitionen

Jetzt werden die Tage wieder kürzer, ein weiterer Sommer neigt sich dem Ende zu, und der erfahrene Kanadier denkt zurück an die zwei größten Erfolge seiner Karriere, Staffelsilber bei der IBU JJWM 2009 zuhause in Canmore und Staffelbronze 2016 bei der IBU WM. „Ich denke immer, das ist noch gar nicht so lange her, und dann geht mir auf, wie lange ich schon dabei bin. Ich hatte mich dem Biathlon schon immer voll und ganz verschrieben, aber diese Medaille hat mir gezeigt, was da noch für ein Potential drinsteckt ... 2016 ist mein absolutes Highlight, und das wird schwer zu schlagen sein ... aber ich werde es natürlich versuchen!“

Fotos: IBU/Christian Manzoni, Scott Gow, Dave Holland

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