Eine, die niemals aufgibt

Eine, die niemals aufgibt

Vor ziemlich genau einem Jahr wollte sich Tiril Eckhoff nach dem letzten Wettkampf des Winters am liebsten für einige Tage unter der Bettdecke verkriechen. Zwar feierte sie ihre bis dato beste Saison im BMW IBU-Weltcup, doch im letzten Schießen des abschließenden Rennens drehte sich das Blatt zu ihren Ungunsten und der so sehnlich erhoffte Sieg im Gesamtweltcup glitt ihr noch aus den Händen. Darüber hinaus war die Norwegerin schwer enttäuscht, dass sie bei den IBU-Weltmeisterschaften 2020 in Antholz-Anterselva keine Einzelmedaille gewinnen konnte. In diesem Winter wollte sie all das vergessen machen. Und bei aller Offenheit und Fröhlichkeit, die die Norwegerin versprüht, wollte sie der Welt auch zeigen: Eine Tiril Eckhoff gibt niemals auf.

Eine, die niemals aufgibt

Als in der zweiten Woche von Nové Město na Moravě der Startschuss für das Verfolgungsrennen der Damen fiel, verdunkelte sich der Himmel über dem Schießstadion in Tschechien zusehends – genauso wie die negativen Gedanken in Eckhoffs Kopf zu kreiseln begannen. Wie konnte sie bis hierher auf einer solchen Erfolgswelle reiten? Wie lang kann das gutgehen? Sie war müde und erschöpft. Sie hatte das Gefühl, ihre Strähne geht zu Ende. Doch es war ein Trugschluss. Eckhoff gewann ihren sechsten Verfolger der Saison und ihren zwölften Einzelwettkampf des laufenden Winters. Und als Sahnehäubchen obendrauf sicherte sich die Norwegerin die Große Kristallkugel für den Sieg im Gesamtweltcup, wenngleich sie das zu jenem Zeitpunkt noch nicht wusste. Tiril Eckhoff erweckt oft den Anschein eines quirligen Wirbelwinds. Doch im Moment ihres größten Erfolges war sie unglaublich demütig; sie zeigte sich dankbar für ihre Siegesserie und das Glück, das sich endlich auf ihre Seite schlug. Die hochtalentierte Norwegerin krönte sich zur Königin des Biathlon und vergoldete das riesige Talent, das in ihr steckt – Talent, das sie selbst so oft in Frage stellte.

„Heute bin ich wirklich happy. Anfangs kamen diese negativen Gedanken in mir auf, doch ich konnte sie zum Glück überwinden. Mein heutiges Rennen war super. Ich bin die erste Runde schnell angegangen, sodass mir niemand folgen konnte. Dann habe ich richtig gut geschossen und musste in der Loipe nicht mehr Vollgas geben. Diese negativen Gedanken in meinem Kopf kommen und gehen. Ich musste das mit mir selbst ausmachen und habe bewiesen, dass es möglich ist“, so Eckhoff nach jenem Sieg im Verfolgungsrennen. Gleichzeitig rechneten die Computer-Algorithmen noch alle erdenklichen Kombinationen und Möglichkeiten für die letzten drei Wettkämpfe beim Saisonfinale in Östersund durch und kamen letztlich zu dem Ergebnis, dass der Norwegerin der Titel im Gesamtweltcup tatsächlich nicht mehr zu nehmen ist.

Weiter sagte sie:

„Ich reite auf einer wahren Erfolgswelle. Ich bin sehr dankbar und weiß es wirklich zu schätzen, dass nun auch eine Tiril Eckhoff eine solche Glückssträhne hat.“

Ein faszinierender Sport

Bruder Stian ist elf Jahre älter als die frischgebackene Gesamtweltcup-Siegerin und war selbst im Biathlon aktiv. Die junge Tiril war von Beginn an von der Sportart beeindruckt: „Für mich war Biathlon schon immer total faszinierend. Man braucht Ausdauer, mentale Stärke und eine gute Technik. Darüber hinaus bietet der Biathlon jede Menge Unterhaltung. Ich habe mich schon als junges Mädchen in den Sport verliebt.“ 

Eben diese besondere Mischung macht es vielen Aktiven manchmal etwas schwer – selbst den Besten der Besten. Auch Tiril Eckhoff durchlebte innerhalb eines Jahres eine wahre emotionale Achterbahnfahrt. Nach holprigem Start in die Saison 2020/21 feierte sie zwölf Monate nach ihrer wohl schmerzlichsten Niederlage ihren größten Triumph. Zudem gewann sie bei den IBU-Weltmeisterschaften 2021 in Pokljuka drei Einzelmedaillen, davon zwei Mal Gold. Insgesamt fuhr sie von der WM in Slowenien mit sechs Mal Edelmetall nach Hause und gewann damit nur eine Medaille weniger als Marte Olsbu Roeiseland im Vorjahr in Antholz-Anterselva.

Eine, die niemals aufgibt

In Nové Město na Moravě errang sie dann endlich den ersehnten ersten Titel im Gesamtweltcup – fast auf den Tag genau ein Jahr, nachdem ihr die Kristallkugel in Kontiolahti im letzten Schießen noch aus den Händen gerissen wurde. Apropos Kontiolahti: Zum Saisonauftakt in Finnland akzeptierte Eckhoff (auch dank der Unterstützung ihrer Familie, Freunde und Trainer), dass die Saison 2020/21 unter den besonderen Vorzeichen der Corona-Pandemie stattfinden wird. Das bedeutete, dass kein normales soziales Leben im Biathlonzirkus möglich sein wird, um die sichere Durchführung der Saison nicht zu gefährden. Durch ihre Anpassungsfähigkeit ließ sich Tiril Eckhoff auch von den Rängen 67 und 43 in der ersten Weltcupwoche nicht aus der Ruhe bringen. Schon im zweiten Sprint in der darauffolgenden Woche landete sie auf Platz acht und die anschließende Verfolgung gewann sie nach fehlerfreiem Schießen.

„Ich glaube, ich habe ein paar Scheiben ganz gut getroffen“, sagte Eckhoff später, noch immer unglücklich darüber, alle Mahlzeiten allein in ihrem Hotelzimmer einnehmen zu müssen.

Eine, die niemals aufgibt

Ein gutes Gefühl in Hochfilzen

Um die Reiseaktivitäten auf ein Minimum zu reduzieren, war die Saison 2020/21 mit Doppel-Weltcups gespickt. Einzige Ausnahmen bildeten der Weltcup in Antholz-Anterselva und das Saisonfinale in Östersund. Bei ihrer Rückkehr nach Hochfilzen, wo sie im Vorjahr erstmals alle 20 Patronen im Ziel versenkte, platzte bei Eckhoff der Knoten endgültig. In Österreich sicherte sich die quirlige Norwegerin in den fünf Einzelwettbewerben zwei Siege und zwei Mal Rang zwei. Gleichzeitig freute sie sich über leichte Lockerungen der Regeln:

„Es ist ein gutes Gefühl, hier zu sein. Wir dürfen endlich wieder in kleinen Gruppen zusammen essen. Ich bin ein geselliger Mensch. Für mich bedeutet das ein bisschen mehr Normalität. Das zeigt sich auch in meinen sportlichen Leistungen“. 

Über die Weihnachtspause zog sich Tiril Eckhoff zusammen mit ihrem Freund in eine Blockhütte zurück. Sie aß und trainierte gut, fühlte sich vor allem aber wohl in ihrer Haut. Zum Re-Start im Januar 2021 gewann sie die ersten drei Wettkämpfe hintereinander. Vor allem aber spürte sie, dass es ihrem Trainer endlich gelungen war, dass sie mehr an sich glaubt.

„Er hat mir schon oft gesagt, dass ich die seltene Fähigkeit habe, den Sprint auch mit einem Fehlschuss zu gewinnen – und dass mir das Selbstvertrauen geben sollte. Ich glaube, ich weiß jetzt, was er damit meint“, so Eckhoff nach dem zweiten Sprintrennen von Oberhof, das sie trotz eines Schießfehlers für sich entschieden hatte. Im Winter 2020/21 gewann sie insgesamt sieben Sprintrennen, fünf davon mit jeweils einer Strafrunde.

Eine, die niemals aufgibt

Pokljuka 2021

Bei den IBU-Weltmeisterschaften 2021 in Pokljuka feierte Eckhoff mit der Goldmedaille in der Mixed-Staffel einen Auftakt nach Maß. Auch dieser Erfolg machte ihr bewusst, dass sie sich wohl in der Form ihres Lebens befindet. Sie gewann anschließend Gold im Sprint und in der Verfolgung, Silber in der Single-Mixed-Staffel, noch einmal Staffelgold mit den norwegischen Damen und Bronze im Massenstart, nachdem sie eine furiose Schlussrunde in den Schnee zauberte und auf den letzten Metern noch an ihrer Landsfrau Marte Olsbu Roeiseland vorbeisprintete.

„Ich bin wirklich in guter Verfassung und hatte wieder hervorragende Ski. In der Schlussrunde habe ich gemerkt, wie die anderen Athletinnen zusehends müde wurden, das hat mich beflügelt. Ich wollte heute unbedingt eine Medaille gewinnen. Zurzeit läuft es einfach wie am Schnürchen, da fällt auch das Schießen leichter. Letztes Jahr in Antholz war es anders. Natürlich war es schön, die Staffelmedaillen zu gewinnen, aber ich habe nicht so gut geschossen, was mir gehörig Kopfzerbrechen bereitet hat. Ich glaube, die Enttäuschung von damals hat mir den Weg für diese WM in Pokljuka geebnet – ich war fest entschlossen, es besser zu machen. Ich gebe niemals auf und das hat mir sechs Medaillen eingebracht“, so Eckhoff, die in Slowenien auch das Gelbe Trikot der Gesamtweltcup-Führenden übernahm.

Eine, die niemals aufgibt

Vier gewinnt in Nové Město

Als die meisten anderen Athletinnen nach der langen WM-Vorbereitung ihre letzten Energiereserven und neue Inspiration suchen mussten, blieb Tiril Eckhoff einfach mit beiden Beinen auf dem Boden und hoch motiviert. In Tschechien gewann sie beide Sprintrennen und beide Verfolger und übertraf damit Tora Bergers Marke von elf Siegen aus der Saison 2012/13. Damit sicherte sie sich die Disziplinwertungen in Sprint und Verfolgung, vor allem aber auch die Große Kristallkugel für die höchste Gesamtpunktzahl im BMW IBU-Weltcup – die ultimative Anerkennung für ihre harte Arbeit und ihr Talent.

„Es ist schon etwas verrückt und emotional für mich. Aber ich bin überglücklich. Es war ein ziemlich langer Weg, jetzt bin ich einfach nur stolz. Nach dem schwierigen letzten Jahr hatte ich nicht an diesen Erfolg geglaubt. Doch ich gebe niemals auf und bin im Training auch bereit, die langweiligen Sachen zu machen. Ich gebe immer alles. Dieser Erfolg fühlt sich richtig gut an“, so Eckhoff mit der begehrten Großen Kristallkugel in den Händen. 

Nach 22 (von 26) Wettkämpfen, die in die Wertung um den Gesamtweltcup eingegangen sind, hat die Norwegerin 1152 Punkte auf dem Konto – 189 mehr als die zweitplatzierte Marte Olsbu Roeiseland. Tiril Eckhoff war derart dominant, dass sie allein mit ihren 17 Podiumsplatzierungen (13 Siege, drei zweite und ein dritter Platz) den Gesamtweltcup mit 990 Punkten gewonnen hätte.

Foto: IBU/C. Manzoni

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