Emilien Jacquelin: „Mir treu bleiben“

Emilien Jacquelin: „Mir treu bleiben“

Anfang der letzten Saison wollte Emilien Jacquelin vor allem beweisen, dass er in den BMW IBU Weltcup gehört. Diese Herausforderung meisterte er mit Bravour, gewann er doch den IBU WM-Titel in der Verfolgung und die kleine Kristallkugel in dieser Disziplin. Nach einem langen Frühling mit Ausgangssperre und einem soliden Sommer ist er jetzt stärker, geistig erholt und freut sich aufgeregt auf die neue Saison.

Bester Newcomer

Jacquelin war unbestritten der beste Newcomer der Saison 2019/20. In der BMW IBU Weltcup-Gesamtwertung verbesserte er sich von einem 24. Rang 2018/19 auf Rang 5, schaffte es von null Podestplätzen in seiner Laufbahn auf satte acht, hinzu kamen acht Podestplätze mit der Staffel, ein Sieg und ein dritter Platz in der Single-Mixed-Staffel, und dann kam er von den IBU Weltmeisterschaften mit Gold in Verfolgung und Staffel sowie Bronze in Massenstart und Single-Mixed-Staffel nach Hause. „Anfang der Saison wollte ich mir einfach nur treu bleiben und meinem Trainer beweisen, dass ich hier hingehöre (in den Weltcup). Ich wollte zeigen, wie ich Biathlonrennen angehe, wollte schnell schießen und jedes Mal mein Bestes geben, keine Angst vor Martin oder irgendwem haben. Über einen Weltmeistertitel habe ich nicht nachgedacht. Ich habe an mich geglaubt.“ Dieses Selbstvertrauen war die Grundlage für die beeindruckende Saison des 25-Jährigen, der mit Martin Fourcade trainierte und vielleicht bald in seine Fußstapfen tritt.

Emilien Jacquelin: „Mir treu bleiben“

Fourcades Einfluss

Fourcades Einfluss ist kaum zu übersehen. Nach der Verfolgung in Antholz war er es, der Jacquelin umarmte und ihm herzlich gratulierte. Jacquelin betreibt den Sport mit derselben Konzentration, Leidenschaft und Begeisterung wie sein Mentor. „Irgendwann will ich den Gesamtweltcup gewinnen...Wenn ich gut in Form bin, macht mir der Sport riesig Spaß. Ich will das genießen und die Freude mit den Zuschauern und der Welt teilen. Ich finde es toll, wenn viele Leute da sind, dann bin ich total aufgekratzt! Die nächsten Rennen werden anders sein, ohne die Zuschauer. Das ist eine neue Herausforderung, aber ich mag Herausforderungen. Ich will mir und allen anderen beweisen, dass ich großartige Rennen laufen kann.“ Weiter fügt er hinzu: „Martin war niemand, der Ratschläge gegeben hat. Man spürt es einfach. Wenn man jeden Tag mit ihm trainiert, will man immer noch mehr. Man will so sein wie er. Vielleicht schießt er im Training besser, und man will so sein wie er, jeden Tag ein bisschen besser. Das Wichtigste, was ich von Martin gelernt habe, ist dass jede Trainingseinheit zählt und man jedes Mal sein Bestes geben muss. Ich habe versucht, so zu sein wie er, am Anfang dieser neuen Saison vielleicht auch zu sehr. Ich wollte schnell sein, und gut, und jedes Mal besser. Das ist richtig anstrengend, also war ich im Juli sehr müde. Dann habe ich versucht, wieder mir selbst treu zu sein. Ich weiß, dass es wichtig ist, sich zu verbessern, aber ich will ja nicht (genau) so werden wie Martin. Ich muss mir treu bleiben. Das ist der beste Ansatz, um dazuzulernen und mich zu verbessern.

Emilien Jacquelin: „Mir treu bleiben“

Schwieriges Frühjahr

Das Corona-Frühjahr war für Jacquelin nicht einfach. „April ist ein wichtiger Monat, weil man da Urlaub macht und mal an etwas anderes denkt als an Biathlon. Wegen der Ausgangsbeschränkungen in Frankreich und Martins Abschied hatte ich mit Medien und Sponsoren viel zu tun. Ich war zuhause und in Gedanken ständig beim Biathlon. Ich konnte nicht abschalten, also ist es mir nicht leichtgefallen, mit dem Training anzufangen und über die neue Saison nachzudenken. Es war gut, sechs Wochen Zeit zu haben, um sich körperlich zu erholen, aber für den Geist gab es keine Erholungsphase. Ich wollte einfach eine Auszeit, und die gab es erst Ende August.“

Emilien Jacquelin: „Mir treu bleiben“

Die Motivation ist zurück

Trotzdem war es ein guter Sommer für Jacquelin. „Was die körperliche Leistung angeht, war der Sommer perfekt. Ich habe mich deutlich verbessert, bin schneller, stärker und ausdauernder. Ich glaube, diese Saison kann ich konsistentere Leistungen bringen. Ich habe gut trainiert, war aber nicht jeden Tag auf 100 %. Ich hatte das Gefühl, dass mir das letzte Stück Motivation gefehlt hat, mit dem man jeden Tag ein bisschen mehr will. Aber im September hat sich das gelegt, und jetzt habe ich diese Motivation wieder. Die Saison rückt näher und ich werde von Tag zu Tag ungeduldiger. Das ist ein gutes Gefühl, und ich freue mich sehr darüber!“

Starke Mannschaftskameraden

Die talentierte Mannschaft, die ihn jeden Tag herausfordert, hält den französischen Nachwuchsstar auf Trab. Er betont, wie wichtig die Mannschaft ist. „Quentin (Fillon Maillet) ist jeden Tag mit dem größten Ehrgeiz unterwegs. Jetzt, da Martin nicht mehr da ist, will er die Führungsrolle übernehmen. In einem Team wie unserem braucht es keinen Anführer. Mit ihm, Fabien (Claude), Simon Desthieux, Antonin Guigonnat und mir haben wir eine Menge Talent. Unsere Stärke liegt in der Gemeinschaft. Wir sind alle stark genug, um es aufs Podest zu schaffen, und ich hoffe, dass das in der Saison auch genau so klappt.“

Emilien Jacquelin: „Mir treu bleiben“

Gutes Schießen

Jacquelins Schießleistung insgesamt verbesserte sich in der vergangenen Saison sprunghaft von 81 % in der Vorsaison auf 85 %. Besonders zielsicher zeigte er sich vom Sprint in Antholz bis Kontiolahti. In dieser Zeit traf er in Einzelrennen 102 von 108 Scheiben, eine Trefferquote von etwa 93 %. Mit einem breiten Grinsen sagt er: „Ich denke, bei 93 % könnte ich es in der Gesamtwertung in die Top 3 schaffen und mehr Rennen gewinnen. Damit wäre ich schon sehr zufrieden. Den Unterschied hat das Stehendschießen gemacht. Im Liegendanschlag schieße ich gut, das fällt mir leicht. Beim Stehen findet viel im Kopf statt. Am Ende der Saison ist es mir leichter gefallen, weil ich mich da sicher gefühlt habe. Ich habe schnell geschossen. Ich wollte das rote Trikot (für die Verfolgung).“

Emilien Jacquelin: „Mir treu bleiben“

„Immer gut, das letzte Rennen zu gewinnen!“

Das Sommertraining schloss er mit einem Sieg in seiner „Spezialdisziplin“ ab, der Verfolgung, im letzten Skiroller-Wettkampf vor einigen Wochen. Es war sein erster französischer Meistertitel, den er in einem Zielsprint vor den Mannschafskameraden Fillon Maillet und Desthieux gewann. Der Sieg gab Jacquelin zusätzliches Selbstvertrauen. Fillon Maillet hatte im September das Doppel aus Sprint und Verfolgung gewonnen, während Desthieux den Sprint am Vortag für sich entscheiden konnte. „Das war ein ziemlich gutes Rennen. Ich starte meist schnell, aber diesmal habe ich etwas anderes ausprobiert und bin die ersten hundert Meter eher gemächlich angegangen. Dann bin ich immer schneller geworden. Es ist immer gut, das letzte Rennen zu gewinnen!“

Mit dem Sieg in der Tasche und einer ansteigenden Formkurve kann Jacquelin den Saisonbeginn kaum erwarten. Er hatte gehofft, bei der Saisoneröffnung Mitte November gegen die Norweger antreten zu können. Die Reise nach Sjusjøen hat die französische Mannschaft wegen der Corona-Quarantänevorschriften in Norwegen jetzt allerdings abgesagt und bereitet sich nun in Bessans vor.

Emilien Jacquelin: „Mir treu bleiben“

Nervös und angespannt, bereit für die Saison 

Auch ohne das Kräftemessen in Norwegen ist Jacquelin startklar. „Ich bin sehr nervös, aber das bin ich auch gern. Ich glaube, wenn man sich so fühlt, ist das, weil man bereit ist. Wenn man nicht bereit ist, fühlt man sich nicht so. Man ist nicht angespannt, wenn man nicht bereit ist, Großes zu leisten. ... Ich glaube, ich bin bereit für diese Saison. Ich will auf den Punkt vorbereitet sein. Ich bin aufgeregt und sehr angespannt, aber das macht mir keine Angst. Ich genieße das, das gehört zum Sport dazu. Während der letzten Trainingswochen fragt man sich ständig, ob man wirklich bereit ist für diese Saison. ‚Bin ich nicht. Ich muss besser schießen. Ja, doch, bin ich. Nein, ich muss doch noch etwas ändern.‘ Das liebe ich am meisten!“

Photos: Emilien Jacquelin, IBU/Christian Manzoni, Evgeny Tumashov

Top