Favoriten im Vergleich: Doro gegen Denise, Tiril, Marte und Hanna

Favoriten im Vergleich: Doro gegen Denise, Tiril, Marte und Hanna

Bis zum Start der BMW IBU Weltcupsaison sind es nur noch 8 Tage, die harten Trainingseinheiten sind geschafft und so langsam macht sich eine gewisse Nervosität breit. Dorothea Wierer war die unangefochtene Königin der vergangenen zwei Winter. Jetzt sind ihr gleich vier Frauen auf den Fersen, die ihr den Thron streitig machen wollen. Wer wird die Zweikämpfe für sich entscheiden?

Favoriten im Vergleich: Doro gegen Denise, Tiril, Marte und Hanna

Wie bei den Männern stehen ein paar Dinge schon vor Saisonbeginn fest:

1. Die dreifache BMW IBU Weltcup-Gesamtsiegerin Kaisa Mäkäräinen, hat sich aus dem aktiven Sport zurückgezogen und ist damit nicht mehr als beständige Podestkandidatin im Rennen.

2. Die Ära Doro hat begonnen, denn sie hat ihre zweite große Kristallkugel in Folge gewonnen und ist nach wie vor im Sport aktiv. Wierer hat gelernt, sich ihre Persönlichkeit und ihren Lebenswandel zu bewahren, und dabei auch unter hohem Erwartungsdruck nicht einzuknicken.

3. Marte Olsbu Roeiseland, Tiril Eckhoff und Denise Herrmann sind die größten Rivalinnen der Italienerin. Olsbu Roeiseland war die große Siegerin bei den IBU Weltmeisterschaften, auch wenn Wierer mehr im Rampenlicht stand. Eckhoff gewann an Selbstvertrauen hinzu und Herrmann ist immer noch die schnellste Frau im gesamten Biathlon-Zirkus.

Favoriten im Vergleich: Doro gegen Denise, Tiril, Marte und Hanna

Sprint-Duell: Denise gegen Marte

Herrmann beendete die Saison mit zwei großen Sprintsiegen, traf alle Scheiben in Nove Mesto na Moravě und verfehlte auch im verschneiten Kontiolahti nur einmal. Diese typischen Siege reichten der Deutschen für den Sieg in der Sprintwertung im Weltcup und ihre erste kleine Kristallkugel, die sie vor Doro gewann. Neben ihrem legendären Lauftempo, das weiß Herrmann, ist das Schießen der Knackpunkt, und so sagte sie in Finnland: „Das Wichtigste war, ohne oder nur mit wenigen Fehlern durchzukommen.“ Das wird ihr die Siege einbringen. Mit zwei überzeugenden Siegen bei den Deutschen Meisterschaften hat sie bewiesen, dass sie beim Schießen nach wie vor auf einem guten Weg ist. Herrmanns Achillesferse sind und bleiben die recht langen Schießzeiten, was für eine weniger erfahrene Biathletin typisch ist. Die Laufrunden sind für Herrmann nie ein Problem. Schnelles Tempo bei jedem Rennen ist praktisch eine Selbstverständlichkeit. Sie hat sich drastisch verbessert, könnte mit mehr Erfahrung ihren Sprinttitel problemlos verteidigen und dabei noch mehr Siege einfahren.

Die Frau, die ihr dabei im Weg steht und im Sprint wahrscheinlich die gefährlichste Kontrahentin ist, ist die IBU Sprintweltmeisterin 2020 Olsbu Roeiseland. Wie Herrmann konnte auch die Norwegerin in der letzten Saison drei Sprintsiege einfahren, schaffte es aber neunmal aufs Sprintpodest, im Gegensatz zur Rivalin, der das nur viermal gelang. Das Schießen kann hier das Zünglein an der Waage sein, denn Olsbu Roeiseland liegt bei satten 84 % Trefferquote, die bei Herrmann zu besten Zeiten bei 77 % lag. Die erfahrene Norwegerin schießt auch noch schneller und kann dabei wertvolle Sekunden gutmachen. Die 29-Jährige ist zudem nicht gerade eine Schnecke auf der Strecke und lieferte bei ihrem WM-Sieg in Antholz sogar die zweitschnellste Laufzeit ab. Hinzu kommt ein unheimliches Talent dafür, auf der letzten Runden egal welchen Wettkampfs noch einen vierten oder fünften Gang zu finden, während die Konkurrenz schon blau anläuft.

In einem engen Rennen, vielleicht nur mit wenigen Sekunden Vorsprung, Vorteil Herrmann.

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Angriff im Verfolger: Doro gegen Denise

Die IBU Verfolgungsweltmeisterin Dorothea Wierer ist die gesetzte Größe in der Verfolgung. Die ist nicht ihre Spezialität, aber definitiv eine ihrer Stärken. Tiril Eckhoff gewann in der vergangenen Saison dank drei spektakulärer Siege mit 60 Schuss und 58 Treffern die Verfolgungswertung im Weltcup. Trotzdem ließen ihre Leistungen am Ende der Saison aus verschiedenen Gründen nach. Wierer wiederum sicherte sich vielleicht den größten Sieg ihrer Karriere mit einem Titelgewinn vor vollbesetztem Heimstadion bei der IBU WM. Wierer ist mit ihren Stärken wie gemacht für die Verfolgung. Sie schießt schneller als der eigene Schatten und kann auf der Loipe ein beständig hohes Tempo laufen. Die 16 Verfolgungs-Podestplätze ihrer Laufbahn weisen sie eindeutig als die Favoritin aus.

Die größte Herausforderin ist neben Eckhoff eindeutig Herrmann, deren Laufvermögen seinesgleichen sucht und der Schlüssel zu ihrem Verfolger-Potential ist. Im September hängte sie das Verfolgerfeld bei den Deutschen Meisterschaften komplett ab und kam fehlerlos durch die ersten drei Schießen, bevor sie im letzten Stehendschießen einmal verfehlte. Mit jedem fehlerfreien Schießen wurde sie auf der Strecke schneller und sicherte sich den Seig mit 3:29 Vorsprung vor Franziska Preuss. Da sieht man mal, was die 31-Jährige Deutsche draufhat! Natürlich schießt sie bei weitem nicht so gut wie Wierer, Eckhoff und Co., aber wenn sie trifft, selbst wenn sie nur langsam trifft, hat sie enormes Potential. Von Herrmann dürfen wir in dieser Saison weitere Verfolgungssiege erwarten.

Auch wenn sowohl Herrmann als auch Eckhoff einige spektakuläre Siege in den Schnee zaubern dürften, bleibt es doch dabei: Vorteil Wierer.

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Zweikampf im Einzel: Hanna und Doro

Das ist der klassische Zweikampf der IBU Weltmeisterinnen, die Weltmeisterin von 2019 Hanna Oeberg gegen ihre Nachfolgerin 2020, Wierer. Auch wenn sie den Titel nicht verteidigen konnte, machte Oeberg das wieder wett, indem sie sich ihre erste kleine Kristallkugel in dieser Disziplin sicherte. Das schwedische Goldmädchen glänzte in der vergangenen Saison ein bisschen weniger, nachdem sie zuvor innerhalb von 13 Monaten mit olympischem Gold und IBU WM-Gold zwei der größten Medaillen im Sport abgeräumt hatte. Ihre Trefferquote sackte von 91 % auf 86 %, nicht dramatisch, aber doch genug, dass es für einen dritten großen Titel nicht mehr reichte. Von dem schwedischen Star dürfen wir in dieser Saison nach einem starken Sommer und Herbst mit Training nur in Schweden ein wild entschlossenes Comeback erwarten. Oeberg ist sowohl am Schießstand als auch auf der Strecke überaus talentiert. In dieser längsten Biathlondisziplin kommt es auf die Laufstärke an, die Fähigkeit, auch über vier Schießen hinweg ein gleichmäßig starkes Tempo zu laufen. Oeberg kann auf 14 Podestplätze zurückschauen, 11 davon holte sie in Wettkämpfen mit vier Schießen. Von dieser zielstrebigen jungen Sportlerin dürfen wir nach konzentrierten, konstantem Sommertraining zuhause eine starke Saison erwarten.

Wierer schnappte Oeberg den IBU WM-Titel vor heimischer Kulisse mit zwei Fehlern weg, aber trotz der gleichen Fehlerzahl war die beherzte Italienerin auf den heimischen Strecken doch schneller, ganze 42,5 Sekunden. Wierer geht das Schießen immer aggressiv an, was ihr einen kleinen Vorteil und ein paar Sekunden Vorsprung verschafft. Davon abgesehen liegen die beiden dicht beieinander. Am Ende ist es ein Zweikampf zwischen der wachsamen Routinierin und dem Jungspund mit dem Meistertitel im Gepäck. 

Bei nur drei Wettkämpfen für den Titelgewinn sagen wir: Vorteil Oeberg.

Favoriten im Vergleich: Doro gegen Denise, Tiril, Marte und Hanna

Massenstart-Dreikampf: Tiril, Doro und Hanna 

Wierer hat im Trophäenschrank die Kristallkugel für den Massenstart-Disziplinsieg 2019/20 stehen. Ihre konstanten Leistungen (Plätze 2, 4, 9, 2 und 5) sowie eine Teilnahme an allen fünf Rennen brachten ihr den Titel ein, während ihre größten Rivalinnen Eckhoff und Oeberg beide ein Rennen verfehlten, die IBU-Massenstart-Weltmeisterin Olsbu Roeiseland sogar zwei. Diese Konstanz ist Wierers Erfolgsrezept für jeden Wettkampf: Die Schwächen kompensieren und bei jedem Start Podestkandidatin sein.

Auch wenn Wierer am Ende die Kristallkugel mit nach Hause nahm, war Eckhoff in der letzten Saison mit Siegen in Annecy Le Grand Bornand und NMNM sowie einem zweiten Platz in Oberhof brillant. Der verpasste Wettkampf in Pokljuka kostete sie den Disziplinsieg. In Wirklichkeit hat Eckhoff trotz aller Höhen und Tiefen allerdings die bessere Leistungsbilanz im Massenstart: Zwei olympische Bronzemedaillen, IBU WM-Silber aus dem Jahr 2019 und neun Podestplätze in ihrer Karriere. Eckhoffs Schwäche ist immer der Schießstand gewesen, aber das scheint sie überwunden zu haben. Ihr Lauftempo und ihre Hartnäckigkeit sind eine perfekte Kombination für den Massenstart. Wenn sie gesund bleibt, wird Eckhoff bei jedem Start die Favoritin sein.

Gleich neben Wierer und Eckhoff ist Oeberg anzusiedeln, die es auf einen Sieg sowie zweite und dritte Plätze bei ihren vier Starts in der letzten Saison schaffte. Sie ist aus demselben Holz geschnitzt wie die Rivalinnen: zielstrebig und unbeirrbar. Alle drei waren in der letzten Saison mit derselben Trefferquote unterwegs (82 %, 81 % und 82 %). Bei Oeberg ist es vermutlich noch am wahrscheinlichsten, dass auch die 20. Scheibe weiß wird.

Jedes Mal, wenn diese drei im Massenstart aufeinandertreffen, dürfen wir uns auf einen packenden Wettkampf vorfreuen, aber am Ende gilt: Vorteil Eckhoff.

Favoriten im Vergleich: Doro gegen Denise, Tiril, Marte und Hanna

Die Frauenrennen versprechen in dieser saison ausgesprochen unterhaltsam zu werden, denn von Anfang bis Ende haben sicher ein halbes Dutzend talentierte Frauen beste Chancen auf Top-Platzierungen und Kristallkugeln. Es bleibt spannend...

Photos. IBU/Christian Manzoni, Evgeny Tumashov, Petr Slavik

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