Favoriten im Vergleich: Johannes Thingnes Boe und die französischen Rivalen

Favoriten im Vergleich: Johannes Thingnes Boe und die französischen Rivalen

Der Countdown bis zum Beginn der neuen BMW IBU Weltcupsaison steht inzwischen bei nur noch 10 Tagen, und es ist an der Zeit zu schauen, wer es in diesem Winter Woche um Woche aufs Podest schaffen, einen oder zwei IBU Weltmeistertitel absahnen und am Schluss vielleicht die ganz große Kristallkugel in die Luft recken wird, wenn die Saison 2021 endet.

Favoriten im Vergleich: Johannes Thingnes Boe und die französischen Rivalen

Ein paar Dinge stehen schon fest, bevor der erste Starter der Saison am 28. November überhaupt auf die Strecke geht:

1. Die Ära Martin Fourcade ist vorbei, und mit seinem klaren Fokus auf Treffer, seiner Dominanz auf den Strecken und seiner taktischen Finesse, die ihm sieben IBU Weltcup-Gesamtsiege in Folge einbrachten, hat er den Biathlon nachhaltig geprägt.

2. Die Ära Johannes Thingnes Boe geht ins dritte Jahr, und für ihn steht in diesem Jahr die dritte große Kristallkugel auf dem Spiel. Sein Trainer Siegfried Mazet berichtet von einem Versagen seines Schützlings am Schießstand, das diesem zu besserer Konzentration verhalf und ihn zu dem erfolgreichen Biathleten machte, der er jetzt ist. „Wenn man zur Weltspitze gehören will, darf einem so etwas nicht passieren. Ich habe gesagt, ‚Du willst zur Weltspitze gehören, also musst du dich auch so verhalten wie jemand, der zur Weltspitze gehört.‘ Das hat ihn zum Umdenken gebracht. Von dem Tag an, so kam es mir vor, hatte er ein Ziel und wusste, was man von ihm erwartete.“  

3. Die französische Mannschaft ist und bleibt die stärkste Konkurrenz für Johannes. Dort treten Quentin Fillon Maillet und Emilien Jacquelin in Fourcades Fußstapfen.

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Favoriten im Vergleich

Sprints: Einfach schnell starten und sauber schießen.

Das ist das Mantra für den Sprint. Der Norweger geht Sprints gern schnell an, schießt sauber oder zumindest fast sauber, und hinter ihm ringt das Feld nach Atem. Fehlerfreies Schießen war bei sieben der neun Sprints der letzten Saison der Schlüssel zum Sieg, und nur bei den ersten beiden, die der übliche Verdächtige gewann, stand jeweils eine Eins hinter dem Namen des Siegers. Mit fehlerfreiem Schießen ist ein Sieg immer grundsätzlich möglich. In der letzten Saison gewann Fourcade die Kristallkugel im Sprint, und das nur, weil der rothaarige Norweger sich ein paar Wochen Elternzeit gegönnt hatte. Fillon Maillet landete einen Punkt vor dem Norweger. Tatsächlich ist aber Johannes der derzeit beste Sprinter. Er gewann in den letzten drei Saison 14 der 23 Sprints, bei denen er antrat. Niemand sonst schaffte es auf mehr als vier.

Boe-Brüder und Fillon Maillet

In dieser Saison scheinen sich gleich zwei Kopf-an-Kopf-Rennen abzuzeichnen, zwischen den Boe-Brüdern und Fillon Maillet. Johannes ist in den Sprints erbarmungslos und sprintet gleich vom Start weg davon. Tarjei kann bei der Skigeschwindigkeit mit seinem fünf Jahre jüngeren Bruder nicht mithalten, kann aber trotzdem aufs Tempo drücken. Die zwei haben eine fast identische Trefferquote mit 89 und 88 %. Der ältere Bruder konnte in diesem Sommer einige Skiroller-Wettkämpfe für sich entscheiden, lässt sich also nicht ohne Weiteres die Butter vom Brot nehmen.

Auch Fillon Maillet, der beide Brüder in Wiesbaden schlug und den französischen Meistertitel gewann, ist Johannes auf der Strecke sehr ähnlich und holt aus seinem Körper alles raus, was geht. Das Schießen ist allerdings die Disziplin, in der der französische Star Johannes gefährlich werden kann. Auch wenn er im letzten Jahr keinen Sprint gewinnen konnte, blieb er viermal in Sprints ohne Fehler. Wenn Fillon Maillet sich über den Sommer im Training körperlich gesteigert hat, dürfte er den Boe-Brüdern in diesem Winter ganz schön zusetzen. 

Unterm Strich liegt der Vorteil aber immer noch klar bei Johannes Thingnes Boe.

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Noch ein „Poursuite“-Titel für Jacquelin?

Emilien Jacquelin gewann in der letzten Saison die Kristallkugel und IBU WM-Gold in der Verfolgung, die zwei größten Auszeichnungen in dieser Disziplin, und schlug in diesem klassischen Antholzer Duell keinen geringeren als Johannes. Im Herbst gewann er das letztes Skiroller-Rennen in Frankreich, kaum überraschend auch dies ein Verfolgungswettkampf. Vor kurzem erklärte er, was vielleicht der Schlüssel zu seinem Erfolg in dieser Disziplin sein könnte: „Schnell schießen und jedes Mal mein Bestes geben, keine Angst vor Martin oder irgendwem haben.“ Dieser „irgendwer“ ist jetzt Johannes, der Mann, den er mit geschickten taktischen Manövern (und fehlerfreiem Schießen) in Antholz besiegte. „Ich habe versucht, es cleverer anzugehen als Johannes, der zu Beginn der Runde sehr schnell war... Ich habe mich einfach auf mich konzentriert.“

Aber auch sein norwegischer Rivale muss sich mit seinen Verfolgungskünsten nicht verstecken, denn auch er hat in den letzten drei Saisons zehn Siege in dieser Disziplin eingefahren. Wie im Sprint geht er diese Rennen gern von vorn an, drückt aufs Tempo und setzt sich vom Feld ab. Wenn ein furchtloser Angreifer wie Jacquelin auftaucht, verschiebt sich das Gleichgewicht. Jacquelins großer Sieg in der letzten Saison war möglicherweise ein Wendepunkt, denn zum Saisonende lag seine Trefferquote bei 93 % – und er hofft, dort anknüpfen zu können. Den Unterschied hat das Stehendschießen gemacht. Im Liegendanschlag schieße ich gut, das fällt mir leicht. Beim Stehen findet viel im Kopf statt. Am Ende der Saison ist es mir leichter gefallen, weil ich mich da sicher gefühlt habe. Ich habe schnell geschossen.“ 

Bei so viel Selbstvertrauen und dem Hunger, „mehr Rennen zu gewinnen“, steht fest: Vorteil Emilien Jacquelin.

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Einzeltitel bleibt in Norwegen

Das 20 km Einzel ist die älteste und am seltensten ausgetragene Disziplin, die in jeder Saison nur bei zwei BMW IBU Weltcups und der IBU WM ausgetragen wird. Es ist das einzige Rennen, bei dem die Schießzeiten durch die Decke gehen, weil für jede verfehlte Scheibe eine schmerzhafte Strafminute addiert wird. Johannes konnte die Disziplin in zwei der letzten drei Saisons für sich entscheiden, Fourcade in der dritten. In der letzten Saison kam der Norweger aus seiner Elternzeit zurück, nietete alle zwanzig Scheiben nieder, bezwang die neue Strecke in Pokljuka und räumte den Sieg ab. So wird‘s gemacht. Niemand sonst beherrscht diese Disziplin wie er. In den anderen beiden 20-km-Rennen der letzten Saison verfehlter erzweimal. Trotzdem läuft er mit seiner Skigeschwindigkeit (und oft hervorragend präparierten Ski) praktisch in einer eigenen Liga. 

Es reicht einfach niemand an ihn heran, mit dem man ihn vergleichen könnte, außer vielleicht auch hier Fillon Maillet. Statistisch gesehen ist er am nächsten dran, mit zwei Podestplätzen und dritten Plätzen in der Disziplinwertung 2018 und 2020. Seine Chance liegt im fehlerfreien Schießen. Wer den Norweger schlagen will, wird seine Schießfehler ausnutzenmüssen.

In der Traditionsdisziplin des Biathlons gilt trotzdem ganz klar: Vorteil Johannes Thingnes Boe.

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Massenstart: Kräftemessen der Besten

Die Massenstarts, die auch den Besten ihr ganzes Biathlon-Können abverlangen, werden vielleicht die heißesten Rennen dieser Saison. Sie sind ein direktes Duell in Sachen Tempo, Können und Taktik.

Weltmeister und Massenstart-Disziplinsieger Johannes ist der Mann, den es zu schlagen gilt, und sein größter Rivale ist auch hier Fillon Maillet. Siegfried Mazet, der beide Männer schon trainiert hat, erklärt die Taktik, die beide so gut beherrschen. „Da geht es nur um Strategie. Im Liegen gewinnt man kein Rennen, aber da kann man es verlieren. Da geht es darum, wie ich immer sage, das Viertelfinale zu erreichen, das Halbfinale und dann das Finale (das letzte Schießen). Im Finale muss man unbeirrbar sein, muss schnell schießen, wenn man zur Spitze aufschließen will oder es ruhig angehen, wenn man vorn liegt. Ich will, dass sie die Entscheidung treffen wie bei einem Pokerspiel. Da muss man in der letzten Runde auch eine Entscheidung treffen.“ Die beeindruckende Trefferquote von 89 % und das immense Selbstvertrauen des Weltmeisters bedeuten, dass er in dieser letzten Runde meist das Heft in der Hand hat. Er hat in seiner Laufbahn vierzehn Mal im Massenstart auf dem Podest gestanden, darunter achtmal als Sieger. Taktisch verlässt er sich oft auf sein Skitempo, mit dem er sich auch ein paar Fehler erlauben kann. Nove Mesto na Morave im vergangenen März ist ein gutes Beispiel. Er verfehlte in den drei ersten Schießen je einmal und lag deutlich zurück. Mit einer Null-Fehler-Serie im letzten Stehendschießen und einer atemberaubenden letzten Runde konnte er dann an Jacquelin vorbeiziehen und sich den Sieg sichern. Der Norweger hatte mit 35 Sekunden Vorsprung die schnellste Laufzeit!

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Fillon Maillet ist einfach gut in Rennen mit vier Schießen, was 20 Podestplätze insgesamt und davon acht im Massenstart eindrucksvoll beweisen. Bei seinen zwei Massenstartsiegen verwies er Johannes auf die Ränge, was sonst kaum jemand von sich sagen kann. In der letzten Saison gewann er in Pokljuka mit 19 Treffern, im Vorjahr in Antholz fehlerfrei. Das ist es, was diesen Zweikampf spannend macht: Die blitzschnellen Skier des Norwegers gegen das Präzisionsschießen des französischen Stars. Wenn es jemandem gelingt, Johannes die Kristallkugel im Massenstart zu entwinden, dann dürfte es der französische Mannschaftsführer sein.

Wenn Scheibe 20 mühelos fällt, dann gilt hier: Vorteil Quentin Fillon Maillet.

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Ganz so einfach wird es vermutlich nicht sein, weil in dieser Saison verschiedene Männer angreifen und siegen werden. Trotzdem ist es nicht unwahrscheinlich, dass sich bei den Männern die größten und packendsten Zweikämpfe um Johannes, Quentin und Emilien ranken werden. Es bleibt spannend...

Photos: IBU/ Petr Slavik, Igor Stančík, Evgeny Tumashov

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