Herzlicher Abschied von Anastasiya Kuzmina 

 Herzlicher Abschied von Anastasiya Kuzmina 

Wie heißt es so schön? „Auch die schönste Zeit geht einmal zu Ende.“ So nahm dann auch die ereignisreiche Biathlonkarriere von Anastasiya Kuzmina an einem sonnigen Nachmittag vor etwas mehr als einem Monat im Schatten der legendären Skisprungschanzen am Holmenkollen ihr Ende, mit Champagner, ein paar Tränchen und einem silbernen Krönchen für den Star. Für die liebenswürdige mehrfache Olympiasiegerin war es die richtige Zeit und der richtige Ort, schließlich hatte sie in Oslo sechsmal auf dem Podest gestanden, zuletzt im Sprint-/Verfolgungsdoppel in diesem Jahr.

Anastasiya Kuzmina Over the Years

Weg zum Erfolg
Auch wenn Kuzmina und ihr Bruder Anton Shipulin Kinder von ehemaligen Biathleten und später Biathlontrainern waren, war sie die ein Wunderkind wie Magdalena Neuner oder Darya Domracheva, oder eine Spätzünderin wie Magdalena Forsberg. Kuzmina, die aus Tyumen stammt, musste einige Umwege nehmen und hart arbeiten, um ein Star in ihrem Sport zu werden. „Wir kommen aus einer sportlichen Familie. Unsere Eltern waren Biathleten. Es fing mit 7 oder 8 mit Langlauf an und wurde dann schnell ernst. Ich habe als Erste mit Biathlon angefangen. Anton ist immer zu mir gekommen und hat gesagt: ‚Gib mir die Waffe, ich will das auch probieren.‘ Ich habe dann immer schnippisch gesagt, ‚Du bist noch zu klein, das ist meine Waffe‘, erinnert sie sich. Kuzmina holte insgesamt sieben IBU JJWM-Medaillen für Russland, konnte in diesen Meisterschaften aber nie einen Einzeltitel gewinnen. Nach einer kurzen Zeit in den russischen Weltcup- und IBU-Cup-Mannschaften heiratete sie Daniel Kuzmin, bekam einen Sohn und Zog in die Slowakei, wo sich ihr Talent voll entfaltete und sie zur Nationalheldin heranwuchs.

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Leuchtendes Beispiel

Der renommierte slowakische Sportjournalist und IBU Vorstandsmitglied Ivor Lehotan, der ihre Karriere von Beginn an verfolgt hat, sieht in dieser talentierten und warmherzigen Frau ein leuchtendes Beispiel dafür, was man in seinem Leben erreichen kann. „Sie hat gezeigt, wie viel man erreichen kann, und ist ein gutes Vorbild für andere. Sie hat es zur Star-Sportlerin geschafft, nachdem sie in einem neuen Land noch einmal ganz neu hatte anfangen müssen. Das hat nicht nur mit ihrem sportlichen Erfolg zu tun, sondern auch mit ihrem Verhältnis zu und ihrem Umgang mit ihrem neuen Heimatland, Biathlon, Sport, Kindern, deren Eltern und der ganzen Gemeinschaft.“

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Überraschender Olympiasieg

Kuzminas Weg zum Biathlon-Star war ein überraschender. Nach nur sieben Weltcupstarts für ihr neues Heimatland eroberte sie das internationale Parkett mit einer überraschenden Silbermedaille im IBU WM Massenstart 2009 in Pyeongchang. Es sollte die erste von vielen Medaillen sein. Mit nicht mehr als dieser Silbermedaille und einem weiteren Weltcup-Podestplatz (Platz 3 im 15 km Einzel von Pokljuka) im Rücken überraschte sie im nächsten Jahr die Sportwelt, indem sie die Favoritin Neuner im Olympia-Sprint von Vancouver schlug und Gold gewann. Beide Frauen verfehlten einmal, doch konnte Kuzmina die sehr schnelle Neuner abhängen.

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Nie erwartet

Lehotan bezeichnet dies als „eines der wichtigsten Rennen ihrer Karriere.“ Als sie an diesem Tag ihre olympische Goldmedaille in der Hand hielt, sah die Öffentlichkeit wohl zum ersten Mal Kuzminas sanftes, ernsthaftes Lächeln, das von Herzen kommt, voller Freude und Dankbarkeit. Die völlig überwältigte erste slowakische Olympiasiegerin bei Winterspielen lächelte genau dieses Lächeln und sagte zu ihrem überraschenden Sieg: „Das (der Sieg) war für mich tatsächlich eine große Überraschung. Nachdem ich im Liegen verfehlt hatte, habe ich überhaupt nicht mehr mit einem Sieg gerechnet. Aber ich war gut in Form und hatte schnelle Ski, und da bin ich jetzt.“

„Es hat geklappt“
Es steckt aber noch eine Geschichte dahinter. Ende Dezember 2009 hatte sich die frischgebackene Olympiasiegerin zwei Handknochen gebrochen, was ihrer Olympiateilnahme fraglich machte. Nach scheinbar wundersamer Heilung erklärte sie: „Wir haben sofort operieren lassen, die Regeneration hat sechs Wochen gedauert und wie das Rennen heute gezeigt hat, hat es geklappt!“

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Große Geschichte des slowakischen Sports

Dieser Olympiasieg plus die Silbermedaille in der Verfolgung zwei Tage später waren nicht nur für Kuzmina, sondern für den slowakischen Biathlon insgesamt ein Wendepunkt. Lehotan erklärte: „Biathlon war auch schon vor der Kuzminová-Ära ein erfolgreicher Sport. Seitdem hat das Interesse der Fans, Sportämter und Massenmedien zugenommen. Kuzminas Geschichte wurde die große Geschichte des slowakischen Sports. Ihre Medaillen haben dem slowakischen Biathlon von Jahr zu Jahr mehr Aufmerksamkeit beschert.“

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Freundlich und Bescheiden
In dieser „großen Geschichte“ ging es um mehr als um den Sport. Es ging um eine hingebungsvolle Mutter und Ehefrau, die ruhige Außenseiterin, die sich ihren Platz auf der größten Bühne des Sportes erkämpfte hatte, den Olympischen Winterspielen. Von diesem Moment an liebten die Fans ihre Nastya. Ihr slowakischer Mannschaftskamerad Dusan Simocko (Platz 18, Sprint der Männer) erklärte: „Tausende Menschen liebten sie, weil sie so freundlich und bescheiden war. Als Athlet spürt man die Unterstützung der Fans. Dass sie Mutter war, machte ihren Erfolg noch wertvoller und inspirierender für alle Mütter und Athletinnen.“

Lehotan fügte hinzu: „Mutter zu werden hat ihre guten Seiten nur noch verstärkt... Sie musste viele Hobbies aufgeben, viel Freizeit, um ihrer Familie eine gute Mutter und dabei noch eine herausragende Sportlerin zu sein.“

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Harte Arbeit und Laufstärke
Nach den Erfolgen 2010 stand Kuzmina im Rampenlicht. Jede Saison bestand aus langen Trainingstagen, Trainingslagern weit weg von Zuhause und einer intensiven Wettkampfsaison, außerdem dazwischen so viel Zeit mit der Familie wie nur möglich. Nur mit harter Arbeit war das zu schaffen. Kraft und Tempo baute sie in langen, harten Sommern mit großem Trainingsvolumen auf. In dieser frühen Phase war sie nie eine besonders gute Schützin. Zwischen Vancouver und ihrem fehlerfreien Olympiasieg in Sochi blieb sie nur an zwei weiteren Tagen ohne Fehler, beide Male bei Weltcup-Sprintsiegen.  Auf der Strecke allerdings war sie immer stark und schnell. Diese Laufstärke wurde zu ihrem Markenzeichen.

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„Es fühlt sich an wie Zuhause“
Als sie 2010 ihren olympischen Sprinttitel in ihrem Geburtsland Russland verteidigen musste, stand sie unter großem Erfolgsdruck. Wie in Vancouver konnte sich Kuzmina wieder einmal durchsetzen. Sie setzte zehn saubere Treffer und konnte als erste Frau einen olympischen Titel verteidigen. An diesem Tag gab sie zu: „Ich kann die Unterstützung der Fans hier spüren... Es fühlt sich an wie Zuhause.“ Weiter sagte sie: „Ich weiß nicht, wie ich es geschafft habe, mich heute zusammenzureißen und diese Leistung zu bringen.“

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Konzentrationsfähigkeit
Simocko sagte, es gebe Grund dafür, dass Kuzmina in Sochi und bei anderen großen Wettkämpfen gewonnen hatte. „Ihr größter Vorteil war, dass sie sich genau zum Saisonhöhepunkt konzentrieren kann. Es ist das Timing der besten Laufleistung und der größten Treffsicherheit, welches sie in mehreren Saisons perfekt gemeistert hat, meist in Olympia-Saisons.“

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Zum ersten Mal Gold bei drei aufeinanderfolgenden Winterspielen
Die Babypause für das zweite Kind war nur ein kurzer Aussetzer in der glanzvollen Karriere des slowakischen Stars. Damit war die Bühne für ein glorreiches Karriereende bereitet. Zurück in Pyeongchang, am Schauplatz ihrer ersten großen Medaille, konnte sie ihren olympischen Sprinttitel nicht verteidigen und wurde Dreizehnte. Dafür flog sie dann in der Verfolgung über die Strecken und holte Silber, legte mit einer zweiten Silbermedaille im 15 km Einzel noch einmal nach. Und dann, in einem Moment so unwahrscheinlich wie ihre olympisches Sprintgold 2010, gewann sie den olympischen Massenstart. Mit diesem Sieg war Anastasiya Kuzmina nun die erste Frau, die jemals Gold bei drei aufeinanderfolgenden Winterspielen hatte gewinnen können.

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 Herzlicher Abschied von Anastasiya Kuzmina 

Widmungen
Bescheiden wie eh und je erinnerte sie sich an den ersten großen Erfolg ihrer Karriere, ebenfalls in Pyeongchang. „Während der IBU Weltmeisterschaft 2009 hier gewann ich die erste Medaille für die Slowakei, Silber im Massenstart. Diesen Erfolg wollte ich neun Jahre später wiederholen.“ Sie fügte eine Widmung hinzu, wie schon bei der Silbermedaille im 15 km Einzel. „Die erste Medaille (Verfolgung) war für mich, die zweite (15 km Einzel) für meinen Bruder. Die dritte Medaille widme ich der Slowakei, meiner Mannschaft und den vielen Menschen, die mich in den schweren Zeiten unterstützt haben.“

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Erfolge
Kuzmina durfte viele Erfolge feiern: 36 Einzelpodestplätze, darunter 18 Siege, Medaillen in drei aufeinanderfolgenden Winterspielen, darunter dreimal Gold und dreimal Silber, drei IBU WM-Medaillen einschließlich Sprintgold 2019 und drei kleine IBU Kristallkugeln.

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Schöner Verfolger zum Abschied
Ihre Karriere beendete sie standesgemäß, mit einem Doppelsieg in Sprint/Verfolgung und ihrem ersten Tag mit 20 Schuss und 20 Treffer in Oslo, wo sie fünf Siege und zehn Podestplätze im Laufe ihrer Karriere hatte erringen können. Ihr letzter Verfolgungswettkampf war wie aus dem Bilderbuch. Kuzmina ging das Rennen schnell an, schoss wieder und wieder fehlerfrei, wurde immer sicherer und lief das Feld mit 1 Minute und 42 Sekunden Vorsprung in Grund und Boden. „Es war ab den ersten Wettkampfmetern bis ins Ziel perfekt. „Nach dem vorletzten Rennen ihrer Karriere fand sie kaum die richtigen Worte, und ihre Stimme brach, so ergriffen war sie: „Es war einfach ein guter Tag, und einer, auf den ich so lange gewartet habe, und ich werde mich daran erinnern.“

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Biathlon immer in meinem Herzen
An diesem letzten sonnigen Nachmittag am Holmenkollen verabschiedete sich Anastasiya Kuzmina, eine echte Siegerin im Sport und im Leben, vom Biathlon. „Ich habe hier im Biathlon eine wundervolle und große Familie. Biathlon ist ein Teil von mir Ich bin hier und in meiner Familie wichtig. Es ist toll, Teil einer größeren Geschichte zu sein und zu begreifen, dass alle Menschen um dich herum dich akzeptieren. Sie erleben mit dir die wirklich großen Momente und sie lieben dich. Ich bedanke mich für diesen Abschnitt meines Lebens, er war so großartig und emotional, ich werde ihn immer in meinem Herzen tragen.“

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