Hinein ins Sommertraining mit Tarjei Boe

Hinein ins Sommertraining mit Tarjei Boe

Es ist die dritte Juniwoche. Tarjei Boe und die norwegische A-Herrenmannschaft ist für das erste Trainingslager außerhalb ihrer Heimatstädte in Lillehammer zusammengekommen – mit ein paar Veränderungen. Dieser Frühling war anders als alle zuvor: Mehr Zeit zu Hause, mehr Ruhepausen und weniger Stress als sonst. Doch nun ist der Veteran wieder auf vertrauten Strecken unterwegs und bereitet sich auf die neue Saison vor. Dabei erzählt er von seinen ruhigen Frühlingsmonaten, jüngeren Teamkollegen und enthusiastischen Trainern.

Hinein ins Sommertraining mit Tarjei Boe

Neue Vorsichtsmaßnahmen im Trainingslager

Das Trainingslager in Lillehammer ist das zweite der Saison. Wenige Wochen zuvor in Oslo „trainierten wir alle zusammen, wohnten aber zu Hause. Das ist das erste offizielle Trainingslager mit neuen Vorsichtsmaßnahmen. Wir wohnen in Einzelzimmern, haben unseren eigenen Koch mitgebracht, der unser Essen zubereitet und gleich auf dem Teller serviert, damit nur eine Person damit in Berührung kommt. Es gibt Regeln. Der Verband ist ziemlich streng, um sicherzugehen, dass niemand zu Schaden kommt.“ Boe fährt fort: „Ich habe allen gesagt, dass sie jetzt nachvollziehen können, wie wir Athleten im Winter auf der Tour leben. Wir waschen oft unsere Hände, benutzen Desinfektionsmittel, achten auf uns und halten uns von Kranken fern.“ Mit einem kleinen Lachen fügt er hinzu: „Jetzt wissen alle, wie unser Leben im Winter abläuft!“

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Glückliches Saisonende

Über das Ende der letzten Saison sagt er: „Im Vergleich zu anderen Sportarten hatten wir Glück, ehrlich gesagt. Finnland war ein guter Ort für das Saisonende. Außerdem lief es bei uns gerecht ab. Nicht wie in anderen Sportarten, wo plötzlich ein Sieger gekürt werden misste… Bei uns war es sowohl bei den Damen als auch bei den Herren fair. Ich denke nicht, dass wir viel eingebüßt haben. Vielleicht war es hart für Martin, der seine Karriere eine Woche eher als gedacht beenden musste. Aber ich denke, es war schön für ihn, mit einem Sieg in seinem letzten Rennen an eben jenem Ort, wo er vor zehn Jahren zum ersten Mal gewann, abzutreten. Das war ein tolles Karriereende für ihn.“

Neue Frühlingsroutine

Nach Kontiolahti ging es nicht wie geplant weiter nach Oslo. Das war „vollkommen neu. Eigentlich kommt man nach der Saison müde nach Hause und macht erst einmal Urlaub. Da reist man zwar auch, aber der Kopf kann sich erholen. Man sieht und unternimmt viel. Aber in diesem Jahr ist nichts passiert! Es war wirklich seltsam. Wir konnten nicht in den Urlaub fahren, irgendetwas unternehmen, mit Sponsoren arbeiten oder die Familie besuchen. Wir saßen zu Hause und haben überlegt, wie wir die Zeit totschlagen. Weniger Partys, weniger Urlaub. Ich denke, alle sind viel besser in Form als sonst im Mai und Juni!“

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Skiurlaub in Norwegen

Die verordnete Ruhe im Frühling veränderte auch den Start in die neue Trainingssaison. „Ich war im April ziemlich aktiv, habe aber erst ab 1. Mai angefangen, jeden Tag einmal zu trainieren. Vorher haben meine Freundin und ich zwei Wochen in meiner neuen Hütte verbracht und sind Skigelaufen. Ich habe dabei nicht trainiert, die Touren waren einfach schön. Wir sind am ersten Tag nach Aufhebung der Ausgangssperre zur Hütte gefahren. Ich habe meine Ferien also in Norwegen verbracht.“

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Abwechslung

In Hinblick auf das Frühlings- und Sommertraining ist Abwechslung für Tarjei der Schlüssel zum Erfolg. „Im Frühling trainiere ich nichts Spezifisches. Ich fange vom Urschleim an. Im Herbst findet das ganze Biathlon-spezifische Training statt. Da kommt man nicht drum herum. Man läuft die ganze Zeit mit Rollerskier und der Waffe auf dem Rücken. Auf meine alten Tage werde ich immer besser darin, darauf zu hören, was mein Körper braucht. Ich trainiere viel, wenn mein Körper es zulässt, und weniger, wenn er müde ist. Ich denke, so läuft es besser, als wenn ich jeden Tag an meine Grenzen gehen würde.

„Ich trainiere nicht, um zu trainieren“

Seine Philosophie hat sich über die Jahre als Profisportler verändert. „Wenn man jünger ist, geht man immer aufs Ganze. Alle Trainingsmethoden greifen. Man kann nicht sagen, was richtig für einen ist. Das ändert sich mit den Jahren… Ich trainiere nicht, um zu trainieren. Das bringt nichts… Man muss auf sein Herz hören. Wenn man unsicher wegen einer Sache ist, sollte man es nicht tun. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Altersweisheit.“

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Lauftalent

Im Trainingslager in Oslo gewann Tarjei den ersten Lauftest der Saison: 3 km in 8:54. „Das war ziemlich gut, vor allem für Mai. Laufen fällt mir nicht schwer. Im Herbst absolvieren wir nicht so viel Lauftraining, sondern konzentrieren uns eher auf Biathlon-spezifische Sachen. Aber damit geht es erst im September los. Laufen macht mir Spaß.“

Hinein ins Sommertraining mit Tarjei Boe
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Motivierte Trainer

Trainer Siegfried Mazet verpasste die erste Woche, weil er aufgrund des Corona-Reiseverbots zu Hause in Frankreich festsaß. Er hielt stattdessen Videokonferenzen ab und trainiert mit seinen Athleten Trockenschießen. „Das war echt seltsam. Der Damentrainer (Patrick Oberegger) lebt in Norwegen und hat bei uns ausgeholfen. Das hat ganz gut funktioniert. Ich war lustig, Siegfried auf dem Bildschirm zu haben, aber es war sehr wichtig für ihn, Teil des Trainings zu sein. Er ist ein sehr guter Trainer. In meiner Karriere hatte ich viele Trainer. Manche wollen so selten wie möglich anwesend sein. Siegfried ist das absolute Gegenteil. Er will die ganze Zeit vor Ort sein. Man konnte sehen, wie frustrierend das für ihn war. Seine Motivation ist wirklich super. Er und Egil (Kristiansen) sind gute Trainer und zwar auf einem Topniveau. Sie haben mit großartigen Athleten zusammengearbeitet. Sie wissen, auf was es ankommt. Wir trainieren jetzt einige Jahre mit ihnen. Es ist wirklich angenehm.“

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Junge Teamkollegen

Mit 31 ist der Weltcupgesamtsieger von 2011 das älteste Mitglied im norwegischen Team. „Ich fühle mich nicht so alt, außer wenn die jungen Kerle dazustoßen. Plötzlich tritt man gegen Athleten aus dem Juniorenbereich an… Sie lernen mit jeder Trainingseinheit bei Egil und Siegfried viel dazu. Manchmal möchte ich wieder jung sein und jeden Tag besser werden. Ich erinnere mich noch daran, als ich 2009 ins Team kam. Da war es dasselbe. Mit jedem Trainingslager kam ich näher an die Topathleten der Mannschaft heran. Es ist, als ob sich jede einzelne Trainingsminute auszahlt. Wenn man älter wird, ist es anders. Es macht Spaß, den jüngeren bei ihrer Entwicklung zuzuschauen. Sturla (Laegreid) und Johannes Dale werden in diesem Winter große Sprünge machen.“

Hinein ins Sommertraining mit Tarjei Boe

Das Training läuft endlich auf Hochtouren. Rückblickend auf den seltsamen Frühling für alle Athleten meint Tarjei, dass er eine Lektion gelernt hat: „Weniger Urlaub und weniger Partys ermöglichen einen schnelleren und besseren Start in die Saison!“

Photos: Tarjei Boe, Norges Skiskytter Forbund

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