Jeder liebt Antholz, aber wen wird Antholz lieben?

Jeder liebt Antholz, aber wen wird Antholz lieben?

Das Großartigste und Magischste an Antholz-Anterselva ist die Anziehungskraft, die dieser Ort auf die meisten Athleten ausübt. Doch nur wenige wissen, wie sie auf die divahaften Stimmungen der Südtirol Arena reagieren sollen, um ihrerseits von Antholz geliebt zu werden. Denken wir nur an Martin Fourcade, den siebenmaligen BMW IBU Weltcupgesamtsieger und Gewinner von 77 Einzeltiteln.

Jeder liebt Antholz, aber wen wird Antholz lieben?

"Ich habe mich vor langer Zeit in diesen Ort verliebt, aber das hat mir nicht dabei geholfen, hier öfter zu gewinnen", sagte Fourcade im Januar 2018. Der Franzose konnte in Antholz-Anterselva „nur“ zweimal gewinnen: den Massenstart in der Saison 2010/11 und der olympischen Saison 2017/18. Fourcade fährt mit ehrgeizigen Plänen zu diesen Weltmeisterschaften. Doch er ist auch vorsichtiger geworden. In Trimester 1 hat er noch versucht, sich an JT Boes Stil der schnellen Angangszeiten einzustellen, holte sich allerdings eine blutige Nase dabei. Dann lieferte er in den ersten beiden Wochen des zweiten Trimesters phänomenale Wettkämpfe ab und gewann in JTs Abwesenheit alle Rennen, an denen er teilnahm – mit Ausnahme der Staffel in Oberhof, wo Frankreich Rang zwei belegte. Als JT auf der Pokljuka wieder seinen Einstand gab, sich den Sieg im Einzel mit 20/20 sicherte und Fourcade auch noch im Zielsprint des Massenstarts schlug, konnte niemand mehr mit Sicherheit sagen, wie Fourcades Saison sich weiterentwickeln würde. JT schien zu schweben – kein Wunder, bei seiner Freude über seinen erst wenige Tage alten Sohn Gustav und seinen ersten Post-Geburt-Sieg. Fourcade schien enttäuscht, denn obwohl er in Trimester 2 eine Trefferquote von 117/120 zeigte und Rennen auf unglaublich hohem Niveau ablieferte, reichte er immer noch nicht an JTs Brillanz auf der Pokljuka heran.

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Geht JT Boe aufs Ganze?

JT Boe hat fünfmal in Antholz-Anterselva gewonnen. In Trimester 1 sicherte er sich durchschnittlich 53,4 Punkte pro Rennen; in Trimester 2 waren es 54. Wie erwartet, setzte er die Laufbestzeiten in dieser Saison (und ist mindestens 1% schneller als der Zweite). Noch beunruhigender für den Rest des Feldes ist seine Präzision am Schießstand mit 90%, die sein Selbstvertrauen in noch größere Höhen katapultieren könnte. Am interessantes ist JT Boes Einstellung zu Großereignissen. Die WM in Östersund 2019 ging er einfach wie eine normale Weltcupwoche an und siegte nur im Sprint (und in den Staffeln, wo er drei weitere Goldmedaillen sammelte). Nachdem er bereits seine größte Errungenschaft der Saison in den Armen gehalten hat (Gustav) und da er nichts mehr zu verlieren hat, seit ihm Fourcade das Gelbe Trikot wegschnappte, könnte JT in Antholz alles auf eine Karte setzen. Mit seiner Form ist es nicht unwahrscheinlich, dass er am Ende alle vier Einzelgoldmedaillen abräumt und sich auch noch seinen Sieg im Gesamtweltcup sichert. Doch nicht nur Fourcade (mit durchschnittlich 55,6 Punkten pro Rennen in Trimester 2) wird alles in seiner Macht stehende versuchen, um dem Norweger die Suppe zu versalzen. Auch Quentin Fillon Maillet liebt 20/20-Rennen und wird die Großen 2 herausfordern. Ebenso wie der Rest des französischen Teams, der an jedem beliebigen Tag Wunderwerke oder Katastrophen in den Schnee zaubern kann. Dazu kommt Tarjei Boe mit seinem exzellenten Dezember 2019. Allerdings haben sich seine Form und sein Selbstvertrauen nach seiner vergessenen Strafrunde in Oberhof langsam verabschiedet. VS Christiansen ist meistens vorn dabei, konnte aber noch nicht ganz oben auf dem Treppchen landen. Auch Benedikt Doll hat das unbestrittene Zeug zum Sieger. Außerdem hält jede WM ihre Überraschungen parat und belohnt oft jene, deren Willen stark, aber deren Ergebnisse bisher noch nicht zufriedenstellend waren: Wird vielleicht Lukas Hofers durchgeschufteter Sommer, welcher ihm schwere Rückenschmerzen einbrachte, ihm am Ende vor heimischem Publikum eine Medaille bescheren?

Noch ein kleiner Vergleich vor Antholz-Anterselva 2020: Fourcade sicherte sich in Einzelrennen bei Weltmeisterschaften bisher 10 Medaillen; JT Boe drei.

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Wird die neue Eckhoff auch in Antholz strahlen?

Als Tiril Eckhoff ihren Trainer Patrick Oberegger mit dieser Mischung aus Unglauben und Freude ansah, nachdem sie in der Verfolgung von Hochfilzen auch die 20. Scheibe zu Fall gebracht hatte, war das der Beginn einer neuen Ära im Damenfeld. Eckhoff nutzte auf einmal ihr Potenzial voll aus. All die Stunden, die sie über ihre Fehlschläge geweint hatte, all die langweiligen Trainingseinheiten im Sommer verwandelten sich in eine nie dagewesene Erfolgsserie. Sie gewann sechs Einzelrennen, alle Staffelwettkämpfe der Saison, war Schlussläuferin der Staffel von Oberhof und realisierte bald auch selbst, dass sie ab sofort die Frau war, die es zu schlagen galt. Was wir nicht wussten: Am 01. Januar 2020 wartete sie bereits 9 Uhr morgens auf ihren Trainer Oberegger, um die erste Trainingseinheit des neuen Jahres anzugehen.

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„Ich bin verrückt nach Training, ich bekomme einfach nicht genug“, sagte sie nach ihrem Sprintsieg in Ruhpolding, während die Zweitplatzierte Hanna Oeberg rechts und die Drittplatzierte Dorothea Wierer links von ihr saßen. Die Schweden und die Italienerin wussten, dass die Norwegerin in diesem Moment in einer eigenen Liga unterwegs war. Wierer sagte, das Feld müsse auf ein Formtief von Eckhoff warten, um überhaupt eine Chance zu haben. Und Oeberg meinte wenige Tage später, dass sie versucht hatte, Eckhoff im Sprint zu folgen, aber dass sich einfach… nicht mithalten konnte. Wierer und Oeberg hatten beide mit Krankheiten zu kämpfen: Doro litt an Rückenschmerzen und Hanna erholte sich noch von einer Erkältung Ende Dezember, die sie davon abgehalten, in Annecy Le Grand Bornand anzutreten. Und wie es schon so häufig vorgekommen ist, wenn ein Athlet auf der Höhe seiner Schaffenskraft ist, wurde auch Eckhoff auf der Pokljuka krank. Wierer kämpfte sich trotz Rückenschmerzen durch und Oeberg nutzte ihre wiederkehrende Form aus, um sich endlich den Sieg im Massenstart zu sichern – ihren ersten Triumph in der Saison 2019/20.

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Doros Meisterschaften

Eckhoff erreichte durchschnittlich 47,4 Punkte pro Rennen in Trimester 2, Wierer 34,2 und Oeberg 45,6. Diese drei Damen führen die Gesamtweltcupwertung an und reisen alle mit unterschiedlichen Zielen nach Antholz. Eckhoff hat bereits eine Sprintgoldmedaille auf der Haben-Seite und braucht weitere Siege in Antholz, wenn sie sich am Ende den Gesamtweltcupsieg sichern will. Wierer hat die Große Kristallkugel bereits letzte Saison gewonnen, dazu Gold im Massenstart von Östersund. Beide Triumphe haben sie in Italien zu einem Superstar gemacht. Sollte sie in Antholz Gold holen, wird ihr Ruhm (und ihre Einkommenschancen) weiter steigen. Wierer gewann letztes Jahr die Verfolgung in Antholz und Eckhoff sicherte sich in der Saison davor den Sprintsieg. Oeberg ist die Weltmeisterin im Einzel. Sie braucht noch die Große Kristallkugel, um dem Club der wenigen Athletinnen beitreten zu können, die sowohl den Gesamtweltcup als auch Einzelgold bei der IBU WM und bei Olympia gewannen. Ihre Form schien in Pokljuka dem Höhepunkt entgegen zu streben. Ihre Laufleistung war im Vergleich zum vorangegangen Trimester stark angestiegen und auch ihre Trefferquote hatte sich in Trimester 2 auf einem hohen Niveau stabilisiert: 88% liegend (Eckhoff: 95%, Wierer: 86%) und 90% stehend (Eckhoff: 80%, Wierer: 78%).

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Doch auch viele talentierter Konkurrentinnen werden ihre Chance zu nutzen wissen: Denise Herrmann schaffte ihre ersten 20/20 bei ihrem Sieg im Einzel auf der Pokljuka. Außerdem konnte sie auf ihre Form vom letzten Jahr sogar noch eine Schippe drauflegen. Marte Olsbu Roeiseland hat noch immer nicht die Beständigkeit eines Champions, kann aber jeden Sprint für sich entscheiden. Justine Braisaz läuft lieber Rennen mit vier anstatt mit zwei Schießeinlagen, da sich ihre Nervosität mit jedem abgegebenen Schuss legt. Ingrid Landmark Tandrevolds Erfolg hängt immer von ihrer eigenen schwankenden Tagesform und der Form der Konkurrenz ab. Pauline Fialkova möchte endlich eine Medaille bei einer Großveranstaltung gewinnen. Julia Simon explodiert förmlich in Rennen mit zwei Schießdurchgängen und kann auch in anderen Disziplinen gut mithalten. Lisa Vittozzi stand auf der Pokljuka endlich zum ersten Mal in dieser Saison auf dem Treppchen und sagte im Interview nur drei Worte: „Ich bin zurück.“ Außerdem sollte man die Grande Dame des Biathlon nicht vergessen: Kaisa Mäkäräinen sicherte sich bereits acht Podiumsplätze in Antholz, aber noch keinen Sieg. Allerdings liebt sie die südtiroler Strecken und würde sich gern mit einer Medaille, am liebsten Gold, zur Ruhe setzen – aber hoffentlich noch nicht sofort.

Die Staffeln stehen natürlich auf einem anderen Blatt. Norwegen und Frankreich sind die Topfavoriten in allen Staffeldisziplinen. Aber die richtige Teamchemie kann Wunder wirken, wie Estland auf der Pokljuka bewiesen hat.

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