Johannes Thingnes Boe siegt um Haaresbreite

Johannes Thingnes Boe siegt um Haaresbreite

Fünfundzwanzig Minuten vor dem Ende der BMW IBU Weltcupsaison 2020/21 sah es so aus, als würde der zweifache Weltcup-Gesamtsieger Johannes Thingnes Boe den Titel in diesem Jahr verpassen. Der Mann im gelben Trikot lag auf Rang sechzehn, sein Mannschaftskamerad/Rivale Sturla Holm Laegreid auf Rang acht und damit in der virtuellen Gesamtwertung vorn. Dann kam Johannes ohne Fehler durchs erste Stehendschießen, während Laegreid sich in die Strafrunde trollte. Im Nu wendete sich dreizehn Minuten vor Schluss noch einmal das Blatt. Im letzten Stehendschießen verfehlte der 27-Jährige einmal, der junge Aspirant noch zweimal, und damit waren die Würfel in diesem fesselnden Kampf um die Vorherrschaft im Biathlon gefallen. Der rothaarige Norweger ließ einen Seufzer der Erleichterung fahren, als er die große Kristallkugel in den Himmel reckte.

Hinter den Zahlen

Die reinen Punktzahlen, 1052 zu 1039, werden dem intensiven Zweikampf kaum gerecht, der sich zwischen dem Neuling Laegreid und dem Mann entspann, den Laegreid mehrfach und voller Respekt als „den besten Biathleten“ bezeichnet hat. Am Ende des ersten Trimesters stand es 428 zu 373, einen Monat später 709 zu 645, und nach der Weltmeisterschaft wurde es bei einem Abstand von nur noch 32 Punkten wirklich heikel. Mit jedem Rennen schmolz der Vorsprung bis zum Showdown im letzten Rennen weiter dahin. Laegreid traf mehr, Johannes lief schneller, bis der Nachwuchsbiathlet, für den es die erste volle Weltcupsaison ist, letzten Sonntag zum ersten Mal leicht schwächelte.

Vorahnung

Der Titelverteidige ahnte wohl schon, was ihm blühte, als er zur Saisoneröffnung im gelben Trikot in das 20 km Einzel der Männer in Kontiolahti startete und es prompt an Laegreid verlor. Der damals 23-Jährige setzte am Schießstand einen Treffer mehr und sicherte sich mit 19,4 Sekunden Vorsprung seinen ersten Sieg und das gelbe Trikot. Am nächsten Tag knöpfte Johannes ihm das Trikot mit einem fehlerfreien Start-Ziel-Sieg im Sprint wieder ab und gab es nie wieder her. Sein Kommentar an diesem Tag war ein Vorgeschmack auf die nächsten drei Monate. „Ich bin vom Start bis ins Ziel voll auf Angriff gelaufen. ... Siege sind sehr wichtig für das Selbstvertrauen. Gut ins Rennen zu kommen, gut zu schießen, das ist das Wichtigste.“

Johannes Thingnes Boe siegt um Haaresbreite

Version 2019/20

Er fuhr die ganze Saison lang auf Angriff, aber Johannes in der Version 2020/21 war nicht derselbe Athlet, wie wir ihn von seinem Sieg über Martin Fourcade mit zwei Punkten Vorsprung in der Vorsaison kannten. In der Saison 2019/20 war der Norweger die Konstanz in Person, gewann zehn Rennen, und seine schlechteste Platzierung bei siebzehn Starts war ein (einmaliger) fünfter Platz. Hätte er nicht nach der Geburt seines Sohnes vier Rennen ausgelassen, hätte er sicher noch mehr Siege verbuchen können. 

Fokus Gesamtweltcup-Sieg 2020/21

In dieser Saison hatte man erwartet, dass Johannes nach dem Rückzug seines ewigen Kontrahenten Martin Fourcade aus dem Sport mühelos von Sieg zu Sieg laufen, IBU WM-Medaillen einsacken und Kristallkugeln absahnen würde. Von wegen. Nach dem Sprintsieg in Kontiolahti stand er nur noch dreimal ganz oben auf dem Podest und wurden neunmal Fünfter oder schlechter. Auch nicht gerade schäbig, aber eben schlechter als erwartet. Er erklärte: „Sturla und ich sind fast immer in den Top acht gewesen. ... Mein großes Ziel für die Saison war der Weltcup-Gesamtsieg. Ich glaube, darauf habe ich zu viel Energie verschwendet. Das habe ich aus der Saison gelernt, darüber nächstes Jahr nicht so viel nachzudenken. ... Ich hätte mehr Weltcuprennen gewinnen können, wie vorher. Ich wollte eine Einzel-Goldmedaille (bei den IBU Weltmeisterschaften) gewinnen, aber man kann nicht alles haben. Wenn ich mich entscheiden müsste, würde ich den Gesamtsieg wählen.“

Johannes Thingnes Boe siegt um Haaresbreite

Titelverteidigung

Die Entscheidung, seinen Gesamtweltcup-Titel und das gelbe Trikot zu verteidigen, änderte auch Johannes‘ Rennstrategie, was zumindest zum Teil die wenigen Siege erklären dürfte. Nach seinem letzten Sieg der Saison, dem Massenstart in Antholz, erklärte er: „Es ist schön, wenn man den Druck mal ausblenden kann, der mit dem gelben Trikot einhergeht, es nicht zu verteidigen zu versucht, weil das eben noch offen ist. Es ist ein Spiel um dieses Trikot. Auch wenn ich es trage, ist es wichtig, darüber nicht unablässig nachzudenken, so zu tun, als trüge Martin es und ihn anzugreifen. Ich muss meine Schultern fallen lassen, es spielerischer und mit mehr Spaß angehen.“

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Stärke und Schwäche

Gleichzeitig sprach er auch über seine Stärke und Schwäche, die ihm auf dem Weg zum dritten Titel im Gesamtweltcup Hilfe und Hindernis sein sollten. „Ich bin in richtig guter Form, das ist das Beste. ... Aber ich schieße nicht so gut, vor allem in den Rennen mit vier Schießeinlagen.“ Seine Laufform, die er durch einen zweiwöchigen Trainingsaufenthalt in der Hütte seines Bruders Tarjei in Mittelnorwegen während der Feiertage noch verbessern konnte, war für den Erfolg am Ende entscheidend. In fast jedem Rennen war Johannes unabhängig von der Streckenlänge entweder der Schnellste oder dem Schnellsten zumindest dicht auf den Fersen.

Das neue Gewehr

Was das Schießen angeht, waren die Probleme offensichtlich. „Ich habe während der ersten sieben Weltcups gemerkt, dass ich da etwas ändern musste. ... Ich brauchte ein neues Gewehr. Daumen gedrückt und das Beste gehofft.“ In einer Instagram Story sagte er später in etwa: „Das ist jetzt entweder das Cleverste oder das Dümmste, was ich je gemacht habe.“ Am Ende war es keins von beiden. Vor den Weltmeisterschaften hatten 25 von 140 Schuss ihr Ziel verfehlt (83 %), bei den nächsten 140 Schuss gingen 22 daneben (85 %). Letztlich ging es bei der neuen Waffe um Sicherheit, was wohl auch gut für sein Selbstvertrauen war. In den letzten zwei windigen Stehendschießen der Saison war das neue Gewehr aber vielleicht der entscheidende Faktor.

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Nerven

Die Trefferquoten und die hauchdünnen Abstände in der Gesamtwertung waren spätestens nach dem vorletzten Rennen der Saison, der Verfolgung von Oestersund, in aller Munde. Laegreid hatte Johannes am zweiten Tag in Folge am Schießstand und bei der Platzierung den Schneid abgekauft, was dem treffsicheren Jungspund den siebten Sieg einbrachte. „Ich weiß, wie stark Sturla und ich wirklich sind. Wir haben in den letzten Rennen gezeigt, dass wir dicht beieinander liegen und dass keiner von uns unter Druck patzt. Wir müssen morgen beide unser bestes Rennen abliefern, und ich bin definitiv nervös. Ich hoffe, er ist es auch. Es wird ein packender und hoffentlich fairer Zweikampf. Wenn er gewinnt, werde ich ihm gratulieren, und wenn ich gewinne, wird er mir auch gratulieren, denke ich. Wir wissen, was uns bevorsteht und werden versuchen, unser Bestes zu geben.“

Schießfehler bringen die Entscheidung

Der letzte Tag war sehr windig, und die 30 besten Männer in diesem Sport liefen insgesamt 124 Strafrunden, im Schnitt mehr als vier Strafrunden pro Starter. Die erste Halbzeit ging an Laegreid, der nur einmal kreiselte, während Johannes zweimal in die Runde musste. Die Entscheidung brachte die zweite Rennhälfte, in der Laegreid dreimal, der Mann in Gelb aber nur einmal verfehlte. Game over, Vorteil Johannes Thingnes Boe. Er kam mit einem blauen Auge davon und sicherte sich den Sieg um Haaresbreite.

Johannes Thingnes Boe siegt um Haaresbreite

Erleichterung nach „einem tollen Kampf“

Mit der großen Kristallkugel in der Hand beschrieb der nun dreifache Sieger im Gesamtweltcup der Männer, wie hart er gekämpft hatte und wie erleichtert er war. „Das ist für den Sport das bestmögliche Saisonende, wenn der Sieg im Gesamtweltcup im letzten Schießen der Saison entschieden wird. Ins Ziel einzulaufen und auch diesen Sieg errungen zu haben, ich kann gar nicht beschreiben, wie erleichtert und glücklich ich bin. ... Jeder hat seine eigene Geschichte, und diese ist anders. ... Der Kampf gegen Sturla war für mich ein toller Kampf. Er hat mich wirklich gezwungen, an meine Grenzen zu gehen. Er hat mir gezeigt, dass es möglich ist, jedes Mal so gut zu schießen. Ich bin hochmotiviert, mit ihm für die nächste Saison zu trainieren und hoffe, dass wir einander dabei helfen können, dieses Niveau für die nächste Saison zu halten.“

Mann der Stunde

Johannes Thingnes Boe bleibt der Mann der Stunde, auf der Strecke unschlagbar, am Schießstand noch auf der Suche nach der absoluten Dominanz, aber unterm Strich immer noch der Beste. Ein weiterer Sieg, eine weitere Saison beendet, wieder etwas gelernt und die Olympia-Saison fest im Blick. Haken dran!

Photos: IBU/Christian Manzoni

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