Kann Oeberg den Kampf um die Oberhand gewinnen?

Kann Oeberg den Kampf um die Oberhand gewinnen?

Bei den IBU-Weltmeisterschaften 2020 im italienischen Antholz - Anterselva überschlugen sich die Ereignisse und Hanna Oeberg durchlebte so ziemlich alle Gemütszustände, die man sich vorstellen kann. Viel stand auf dem Spiel und sie brannte vor Ehrgeiz, denn sie kämpfte nicht nur um eine Medaille, sondern auch um den Gesamtsieg des BMW IBU-Weltcups. Auf diesem Weg war jeder Wettkampf eine harterkämpfte Lehre. Was muss sie besser machen, damit es in der Saison 2020/2021 für den Gesamtsieg reicht?

Mal oben, mal unten: Ihre ersten vier Jahren beim BMW IBU-Weltcup

Als Hanna Oeberg die Saison 2018/2019 mit fliegenden Fahnen beim Massenstart in Oslo - Holmenkollen beendete und Gold holte, reflektierte sie über ihre noch kurze und junge Karriere, die im Einzel bei den Olympischen Winterspielen PyeongChang 2018 und den IBU-Weltmeisterschaften Oestersund 2019 einen Goldsegen erfahren hatte. 

„Vergangene Saison habe ich mich auf die Olympischen Winterspiele PyeongChang 2018 konzentriert. In dieser Saison habe ich den Fokus auf die heimischen IBU-Weltmeisterschaften in Östersund gelegt, da ich wusste, dass ich nur einmal in meiner Karriere die Gelegenheit haben werde, in der Heimat anzutreten und Gold zu holen. Nächste Saison werde ich mich erstmals voll und ganz auf den BMW IBU-Weltcup konzentrieren. Ich möchte wissen, was ich als Biathletin draufhabe und so viele Wochen wie möglich gesund bleiben", sagte Oeberg und lieferte noch einen spannenden Einblick: „Mein niedrigstes Leistungsniveau ist jetzt ziemlich hoch. Es gab nicht viele Wettkämpfe, mit denen ich nicht zufrieden war. Meine Leistung war in dieser Saison konstant und darauf bin ich besonders stolz.“

Kann Oeberg den Kampf um die Oberhand gewinnen?

Am Ende der Saison 2018/2019 zeigten die Daten von Siwidata, dass Oeberg pro Wettbewerb 37 Punkte geholt hatte – mehr als jede andere der Damen. Im Hinblick auf die Daten gab es jedoch eine bedeutende Wendung, und zwar hatte die Schwedin zu viele Wochen verpasst, um sich zum Schluss in die rein italienische Nervenschlacht zwischen Dorothea Wierer und Lisa Vittozzi einzumischen:

1. Oeberg war beim Saisonstart in Pokljuka krank, wodurch sie die Sprint- und Verfolgungswettkämpfe versäumte.

2. Die Entscheidung des schwedischen Trainers Wolfgang Pichler – wir wünschen ihm auf diesem Weg gute Gesundheit und eine schnelle Genesung – das schwedische Team nicht zu den BMW IBU-Weltcup-Etappen in Canmore (Kanada) und Soldier Hollow (USA) reisen zu lassen, sondern zu Hause zu behalten, zu trainieren und den letzten Testlauf vor den Weltmeisterschaften in Oestersund 2019 bei den Offenen IBU-Europameisterschaften in Minsk - Raubichi (Weißrussland) zu absolvieren.

Oeberg beendete die Saison 2018/2019 als Fünfte in der BMW IBU-Weltcup-Gesamtwertung (im Vergleich dazu war sie 2017/2018 auf dem 38. und 2016/2017 auf dem 46. Platz) und lag 164 Punkte hinter Siegerin Wierer. Am stärksten war sie im letztenTrimester, in dem sie pro Wettkampf 45,2 Punkte holte. Ihre prozentuale Treffsicherheit lag bei 86 % (89 % im Liegend- und 84 % im Stehendschießen), während sie auf den Skiern 2 % schneller als der Durchschnitt war.

Kann Oeberg den Kampf um die Oberhand gewinnen?

In der Saison 2019/2020 legte sie erstmals den Fokus auf den Gesamtsieg.

Oeberg startete verglichen mit der vorigen Saison bzw. den vorigen Saisonen mit einer deutlich besseren Geschwindigkeit auf den Skiern und mit einem aggressiveren Vorgehen am Schießstand in die Saison 2019/2020. Sie versuchte, ihren Schießrhythmus danach auszurichten, wie sich der Wettkampf entwickelte und wie ihre Position beim Liegendschießen zum Zeitpunkt des Schießens war, wobei sie das Podest oder gar den Sieg immer im Hinterkopf behielt. Das war mit Sicherheit die richtige Taktik für den Kampf um den Gesamtsieg, es blieb jedoch abzuwarten, ob die Taktik über einen Zeitraum von vier Monaten, mit ständig wechselnden Bedingungen sowie wechselnden Geschicken und Biorhythmen aufgehen konnte.

Nach einem für ihre Verhältnisse mäßigen Start in Oestersund – 11. Platz im Sprint und 10. Platz im Einzel – war Oebergs in Hochfilzen wieder besser in Form. Sie wurde Fünfte im Sprint, Zweite in der Verfolgung und es sah ganz danach aus, als könne sie Wierer und Ingrid Landmark Tandrevold auf den Plätzen eins und zwei Konkurrenz machen. Annecy - Le Grand Bornand brachte ihr dann warmes Wetter, weichen Schnee, Regen und Kälte ein. Und dann kam die Woche, in der Tiril Eckhoff in der Form ihres Lebens war, Tandrevold einen Tag lang die gelbe Startnummer trug, Wierer wie ein wahrhaftiger Champion kämpfte und Oebergs Ausdauer allmählich schrumpfte: Sie gelangte im Sprint als 14. ins Ziel und verbrachte die Verfolgung und den Massenstart im Bett. Die Corona-Pandemie, damals noch eine ferne Bedrohung, kam allmählich in Europa an und es war klar, dass jede versäumte Woche sie am Ende teuer zu stehen kommen könnte.

Kann Oeberg den Kampf um die Oberhand gewinnen?

Oeberg absolvierte ein sehr gutes zweites Trimester mit einer Drittplatzierung in der Verfolgung (Ruhpolding), zwei Zeitplatzierungen im Sprint (Ruhpolding) und im Einzel (Pokljuka) und einem Sieg beim Massenstart (Pokljuka). Ihre Schießgenauigkeit lag bei 87 % und sie war flinker als alle anderen mit Ausnahme von Eckhoff, die in der Zeit zwischen der Verfolgung von Hochfilzen und dem Beginn der Rennen in Pokljuka scheinbar nicht zu besiegen gewesen war und sich auch noch eine leichte Erkältung zugezogen hatte. Vor dem Sprint von Antholz 2020 lag Eckhoff bei 524 Punkten (bzw. 523 bei Streichung der zwei schlechtesten Ergebnisse), Wierer bei 509 (bzw. 472 bei Streichung der zwei schlechtesten Ergebnisse) und Oeberg bei 456 (sie hatte bereits zwei Wettkämpfe in Annecy verpasst).

Kann Oeberg den Kampf um die Oberhand gewinnen?

Schlechtes Timing für Fehler beim Stehendschießen in Antholz 2020

Oeberg belegte im Sprint einen enttäuschenden 18. Platz. Sie war in einer ausgezeichneten Position, nachdem sie beim Liegendschießen 5 von 5 Scheiben getroffen hatte, aber sie verfehlte dreimal im Stehendschießen. In der Verfolgung kam sie im Liegendschießen auf 10 von 10, verfehlte aber zwei Scheiben im ersten Stehendschießen zu einem Zeitpunkt, in dem der Kampf um die Medaillen, auch um Gold, noch völlig offen war. Sie wurde Vierte. Sie hatte sich vorgenommen, ihren Sieg im Einzel von Oestersund zu wiederholen und die Goldmedaille war zum Greifen nah, aber den entscheidenden Schuss im Stehendschießen verfehlte sie (und einen im Liegendschießen). Das war eine herbe Enttäuschung.

„Ich liebe Anlässe wie den heutigen, ich will mir bei den größten Turnieren den Sieg erkämpfen, und darum bin ich heute enttäuscht", sagte Oeberg.

Kann Oeberg den Kampf um die Oberhand gewinnen?

Sie gewann eine Bronzemedaille im Massenstart und ihr wurde klar, was für eine unglaubliche Leistung es gewesen war, dass sie im Einzel in PyeongChang 2018 und in Oestersund 2019 Gold geholt hatte. Sie hatte nach Antholz jedoch 613 Punkte und lag damit direkt hinter Wierer, die 719 Punkte (bzw. 682, wenn man die beiden schlechtesten Ergebnisse streicht) hatte und auf dem ersten Platz lag.

In NMNM hatte Oeberg weitere Chancen, sie wurde im Sprint Sechste und im Massenstart Zweite, wobei ihre Schussgenauigkeit bei 93 % lag. Vor dem BMW IBU-Weltcup 8 im finnischen Kontiolahti hatte Wierer 776 Punkte (bzw. 739 bei Streichung der beiden schlechtesten Ergebnisse). Eckhoff lag bei 707, Oeberg bei 705. 

Sie wollte dranbleiben, aber es sollte einfach nicht sein.

In Kontiolahti gab es Corona-bedingte Turbulenzen, Oeberg die Fassung verlor. Ihre Schussgenauigkeit sank von 93 % in der Vorwoche auf unterdurchschnittliche 65 % und sie kam lediglich auf die Plätze 28 und 18 in Sprint und Verfolgung. Wie 2018/2019 ging die Saison für sie mit 741 Punkten zu Ende, pro Wettkampf hatte sie 39 Punkte geholt. Eines weiß sie jetzt aber: Wie es ist, bewusst den Kampf um den Gesamtsieg aufzunehmen.

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