Kiitos, „Königin Kaisa“

 Kiitos, „Königin Kaisa“

Viele Jahre lang hieß es zum Ende jeder BMW IBU Weltcupsaison, wenn es um einen möglichen Abschied von Kaisa Mäkäräinen ging: „Das entscheide ich in ein paar Wochen.“ Dann übten sich Fans, Rivalinnen und Mannschaftskameradinnen in Geduld, bis sie ein erstes Foto von der ersten Rennradrunde oder von sich mit ihren Skiern postete. Man hörte einen großen Seufzer der Erleichterung, weil Kaisa noch mal um ein Jahr verlängert hatte. In diesem Frühjahr steht die Entscheidung allerdings fest. Kaisa hat Skier und Waffe an den Nagel gehängt. Die „Königin Kaisa“ dankt ab, räumt den Thron und setzt sich zur Ruhe.

 Kiitos, „Königin Kaisa“

Am Anfang stand ein geliehenes Gewehr
Wie Martin Fourcade, der sich am vergangenen Samstag in den Ruhestand verabschiedete, hinterlässt der Rückzug der Finnin ein großes Loch in der Biathlon-Welt. Es fühlt sich so an, als sei Mäkäräinen schon immer dabei gewesen, und sie ist wirklich lange in diesem Sport aktiv gewesen. Die junge Langläuferin schwänzte im Jahr 2003 eine Woche lang die Uni, um die IBU Weltmeisterschaften im Fernsehen zu sehen. „Ich weiß nicht, warum mich das damals so sehr interessiert hat. Ich habe den Biathlonverein in Kontiolahti angerufen. Ich habe sie gefragt, ob sie Waffen haben, die ich benutzen kann, und einen Trainer, der mir beibringen kann, wie man schießt. So hat meine Biathlon-Karriere angefangen.“ Wie heißt es so schön? Der Rest ist Geschichte.

 Kiitos, „Königin Kaisa“

35 Jahre auf Skiern
Mäkäräinen ist schon sehr lange Skilangläuferin, 35 ihrer 37 Lebensjahre, um genau zu sein. „Als ich meine ersten Skier bekam, hatte gerade Laufen gelernt, da war ich vielleicht zwei Jahre alt. Sie waren wie normale Winterschuhe. Meine Eltern haben mir Skilaufen beigebracht. Wir wohnten auf dem Land, und die Winter waren lang. Es gab nichts anderes zu tun.“

Die Kunst der Verfolgung

Dieser kleine Skizwerg wuchs heran zu einer Frau mit einem Ski-Tempo, vor dem sich alle fürchteten, die in einem Verfolgungsrennen vor ihr liefen. Im Jahr 2012, nachdem sie im Vorjahr ihre einzige IBU WM-Goldmedaille in der Verfolgung gewonnen hatte, sagte sie zur Kunst der Verfolgung: „Ich bin gerne hinter jemandem. Ich mag es, wenn ich jemanden vor mir habe, den ich am Schießstand oder auf der Strecke einholen kann. Ich gewinne nicht immer, aber ich finde auch einen zweiten oder dritten Platz im Verfolger gut.“

Jeder, der sich für Biathlon interessiert, kann sich an einen Tag erinnern, an dem sie entweder als Erste startete und zum Sieg davonstob, oder nach ein paar stehengebliebenen Scheiben den Turbo einlegte und doch noch auf einem der vordersten Ränge ins Ziel kam. Insgesamt 13 Siege errang Mäkäräinen im Laufe ihrer Karriere in Verfolgern, dazu 33 ihrer 85 Podestplatzierungen.

 Kiitos, „Königin Kaisa“

Typisch Kaisa
Die Verfolgung ist ganz typisch Kaisa, die immer kämpft, immer an Verbesserungen arbeitet, noch bis zum letzten Wochenende, als sie ihrer Karriere gewohnt beherzt mit einem Sprung von 18 auf 4, knapp hinters Podest im Abschiedsrennen beendete. „Leidenschaft und eine Herausforderung, das beschreibt vielleicht am Besten, wie ich den Biathlon sehe. Für jeden sollte es eine kleine Herausforderung geben, damit man sich ein bisschen ins Zeug legen muss und begreift, dass man die besten Dinge nicht geschenkt bekommt.“

 Kiitos, „Königin Kaisa“

Zweistellige Resultate
Leicht ist dieser Frau der Biathlon wirklich nicht gefallen. In den Anfängen ihrer Weltcup-Karriere hagelte es zweistellige Resultate, bis sie sich am 15. Dezember 2007 zum ersten Mal aufs Podest kämpfte. Sie wurde Zweite im Sprint von Pokljuka, 9,2 Sekunden hinter der französischen Legende Sandrine Bailly und 11,5 Sekunden schneller als das zukünftige deutsche Goldmädchen Magdalena Neuner. Bis zu diesem Tag dachten viele Leute, wenn sie sie sahen, „Klasse Langläuferin, aber das wird vermutlich nie ne tolle Biathletin.“ Von wegen. Mäkäräinen steckt voller finnischem Sisu. „Wenn man mit 20 anfängt zu schießen und zwei Jahre später im Weltcup läuft. Das war am Anfang hart, klar. Ich bin froh, dass ich in diesen Jahren ab und an gute Ergebnisse einfahren konnte.“

 Kiitos, „Königin Kaisa“

Sisu und die große Kristallkugel
Sisu ist die Entschlossenheit, Beharrlichkeit und Ausdauer, mit der sie sich behauptete. Sie stand nach dieser ersten Podestplatzierung nur noch viermal auf dem Podest, bis sie in der magischen Saison 2011 den ersten von drei Titeln im Gesamtweltcup der Frauen und die große Kristallkugel gewann. Auch wenn sie in der Vorwoche schon zwei Medaillen bei der IBU WM in Khanty Mansiysk (Silber im Sprint, Gold in der Verfolgung) abgeräumt hatte, fiel die Entscheidung über die große Kristallkugel erst im letzten Massenstart am Holmenkollen. Mäkäräinen, die in der Saison immer wieder im gelben Trikot gestartet war, lieferte sich bis auf den letzten Meter einen erbitterten Kampf mit der letztlich Zweiten im Gesamtweltcup Andrea Henkel, sowie Magdalena Neuner, Helena Ekholm und Tora Berger. Im Zielbereich des Massenstarts von Oslo lag Mäkäräinen im Schnee und wusste nicht, ob ihr 15. Platz für den großen Sieg reichen würde. Als sich der Trubel gelegt hatte, lag die Finnin 33 Punkte vor Henkel. In ihrer typisch bescheidenen Art sagte sie: „Ich habe immer von einer solchen Saison geträumt.“ Die Medaillen würdigend betonte sie die Bedeutung der Kristallkugel. „Medaillen bekommt man für ein Rennen, aber der Gesamtweltcup ist die Summe eines ganzen Winters.“

 Kiitos, „Königin Kaisa“

Zur Verbesserung entschlossen

Die Grundlage für ihren Erfolg war ihre völlige Entschlossenheit, sich ständig zu verbessern. Während ihrer Laufbahn arbeitete sie mit und vertraute auf ihren persönlichen Trainer Jarmo Punkkinen, war aber auch mutig genug, sich bei anderen Trainern wie dem US-Trainer Armin Auchentaller Inspiration zu holen. „Ich arbeite gern mit Armin zusammen. Ich spreche schon seit vielen Jahren im Weltcup mit ihm. Ich weiß nicht, wie das angefangen hat. Er ist mir gegenüber schon immer sehr freundlich und offen gewesen, selbst im Winter. Ich schätze das sehr.“ Im letzten Sommer erklärte sie, dass Verbesserungen zwar noch möglich seien, Stabilität aber genauso wichtig sei. „Ich will mich am Schießstand immer noch verbessern, auf den Skiern will ich meine Laufzeiten halten. Ich kann mich auf den Skiern nicht viel verbessern, aber ich muss immer noch hart arbeiten, um auf dem Niveau zu bleiben.“

 Kiitos, „Königin Kaisa“

Verliebt in ... Südtirol

In jedem Sommer, wenn die Mannschaften in ihre Trainingslager aufbrachen, luden Mäkäräinen und ihr Verlobter ihr Auto voll und fuhren nach Süden, meist nach Italien, manchmal aber auch nach Österreich oder Deutschland, und im letzten Sommer nach Frankreich. Sie liebt Südtirol. „(Das Beste sind das) Essen und die Berge... das Essen ist definitiv der Hauptgrund, warum ich die italienische Seite der österreichischen vorziehe. Mir ist vor ein paar Jahren aufgefallen, dass ich so viel mehr Energie fürs Training hatte, wenn ich hier gut gegessen habe.“ Auf ihrer alljährlichen Tour arbeitete sie alleine und schloss sich dann einer Mannschaft an. 2017 sagte sie über Auchentallers Schweizer Mannschaft: „Es ist schön, bei einer Mannschaft zu sein, vor allem bei einer fröhlichen Mannschaft wie den Schweizerinnen. Die Stimmung ist wirklich gut und ich fühle mich bei ihnen sehr wohl. Die Schweizerinnen sind richtig gut und schnelle Schützinnen. Wir trainieren viel in Gruppen, und das ist wichtig. Rein körperlich ist Selina (Gasparin) den anderen ein Stück voraus, und ich kann sie und die anderen ein bisschen fordern. Davon profitieren wir alle.“

 Kiitos, „Königin Kaisa“
 Kiitos, „Königin Kaisa“

Liebenswerte Persönlichkeit

Kaisa kam gut an: Sie war eine ungezwungene Siegerin, keine Vorzeige-Athletin aus der Retorte, sondern eine selbstsichere Frau mit einer liebenswerten Persönlichkeit. Sie lächelt viel, ist dabei aber finnisch reserviert und gibt nie alles preis, was sie denkt. Aber wenn sie siegte oder es aufs Podest schaffte, kam ihr Lächeln von Herzen, sie feierte ihren Erfolg. Bei den unerwarteten Siegen kullerten ihr Tränen über die Wangen, und sie versteckte das Gesicht in den Händen. Diese Momente verzauberten ihre vielen Fans. Sie war immer dankbar für ihr Glück. Nach einer Durststrecke Mitte der Saison 2018/19 stand Mäkäräinen im Sprint von Antholz wieder auf dem Podest und gestand, sie sei sich nicht sicher gewesen, dass sie es je zurück schaffen würde. „Es fühlt sich fast an wie ein erster Podestplatz. Ganz ehrlich, nach so vielen schwierigen Wochen für mich konnte ich kaum noch glauben, dass ich hier noch mal stehen würde, aber ich habe versucht, mich auf mein Training zu konzentrieren und darauf, alles so gut wie möglich zu machen ... es ist wirklich echt schön.“

 Kiitos, „Königin Kaisa“

„Das ist mein Leben“
*Nicht viele Menschen sind mit ihrem Leben so zufrieden, wie Kaisa es in den späten Jahren ihrer Karriere gewesen ist. Im letzten Sommer erklärte sie: „Mir macht das noch Spaß, ich mache das gern, das ist mein Leben. *Es ist meine Entscheidung, das mit 36 zu machen. Manchmal habe ich das Gefühl, dass Leute ... vorsichtig versuchen zu fragen, ‚Warum machst du nicht etwas anderes, deine besten Jahre liegen doch vermutlich hinter dir?‘ Nicht viele Menschen können sich aussuchen, was sie mit ihrem Leben machen, aber wenn man das kann, dann muss man etwas draus machen.“

 Kiitos, „Königin Kaisa“
 Kiitos, „Königin Kaisa“

Tränenreicher Abschied
Mit ihrem letzten Biathlonrennen eroberte Kaisa noch einmal die Herzen der Menschen, kämpfte wie eine Löwin und wurde doch Vierte. Sie hatte Tränen in den Augen, wusste, dass es ihr letzter Zieleinlauf sein würde, zuhause in Kontiolahti. „Ich hatte nicht gedacht, dass es hier in meinem Heimstadion passieren würde. Aber wir können nicht alle Schritte in unserem Leben selbst bestimmen, und letzten Endes bin ich froh, dass es hier so weit war... meine langjährigen Freunde, die hier gegen mich angetreten sind. Es ist eine besondere Biathlonfamilie. Die werden mir am meisten fehlen.“ Sie umarmte unter Tränen ihre langjährige Freundin und Mannschafskameradin Mari Eder, posierte für Fotos mit der Mannschaft und ging mit einem Strauß Blumen in der Hand davon.

 Kiitos, „Königin Kaisa“

Hanna Oeberg lehnte sich hinüber zu Kaisa und sagte: „Du wirst mir fehlen.“ Sie wird uns allen fehlen. Kiitos, Kaisa!

Photos: IBU/ Christian Manzoni, Petr Slavik, Evgeny Tumashov, Rene Miko, Jerry Kokesh, Eberhard Thonfeld

Top