Saisonvorbereitung in einem ungewöhnlichen Sommer

Saisonvorbereitung in einem ungewöhnlichen Sommer

Endlich ist es November, und die neue BMW IBU Weltcupsaison steht vor der Tür. Ein langer und ungewohnter Weg liegt hinter uns. Als die Rennen in Oslo abgesagt wurden und der Weltcupzirkus am 14. März aus Finnland abreiste, konnte noch niemand ahnen, dass dieses verfrühte Ende nur der Auftakt für einen ungewohnten Sommer und Herbst voller ungeplanter Veränderungen in der Vorbereitung für die BMW IBU Weltcupsaison 2020/21 sein würde.

„Zeit totschlagen“

Die Tage im April und Anfang Mai, die vollgepackt sind mit Strandurlaub, Zeit mit der Familie und Sponsorenveranstaltungen, verbrachten alle in der Stille der eigenen vier Wände. Tarjei Boe fasste seinen Frühling zusammen. „In diesem Jahr ist einfach nichts passiert! Es war total merkwürdig. Man konnte nicht in den Urlaub fahren, nichts unternehmen, nichts mit Sponsoren oder der Familie planen. Alles war gestrichen. Wir saßen zuhause und haben versucht, die Zeit totzuschlagen...“ Der „Corona-Frühling“ habe aber auch Vorteile gehabt, sagt er: „Wir haben weniger gefeiert und weniger Urlaub gemacht, als sind wir wohl alle auch in besserer Form als sonst im Mai und Juni!“

Training über Zoom

Während die Athletinnen und Athleten zuhause saßen, bastelten die Trainer an Trainingsplänen und versuchten, unter sich ständig ändernden Vorzeichen mit ihren Mannschaften Kontakt zu halten. Trainer wie Siegfried Mazet für Norwegen, Johannes Lukas für Schweden, Egil Gjelland für Tschechien und Armin Auchentaller für die USA waren monatelang von ihren Mannschaften getrennt. Sie verbrachten Stunden in Zoom-Meetings oder täglichen WhatsApp-Calls mit ihren Athletinnen und Athleten. Auchentaller, der zuhause in Antholz festsaß, erklärte: „Ich bin dieses Trainieren auf Distanz gewöhnt, aber diesmal ist es doch anders, weil ich in der Vergangenheit in die Trainingslager fahren konnte. Jetzt kann ich das nicht. In diesen Zeiten braucht man vor allem Kreativität und Improvisationstalent.“ Erst im August kam es wieder zu einer persönlichen Begegnung, als zumindest Clare Egan es nach Italien schaffte. Das erste Trainingslager mit persönlicher Anwesenheit der Trainer läuft in diesen Tagen in Ramsau, gerade einmal drei Wochen vor Saisonstart.

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*Neue Trainingsroutine *

Mazet, der es im Juni endlich zu Johannes, Tarjei und Konsorten schaffte, musste seinen ausgefeilten, engen und persönlichen Trainingsstil anpassen. „Manchmal muss man dicht dran sein, um zu sehen, was passiert, ich vor allem am Gewehr, um das Anvisieren und Abdrücken zu beobachten. Es war schwierig, sich umzugewöhnen. Aber sobald wir die neue Routine drauf hatten, war es in Ordnung.“

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Fehlende Anregungen

Den Tschechinnen fehlten die täglichen Anregungen von Gjelland und seine Unterstützung in den frühen Trainingslagern sehr. Wie Mazet, der nicht aus Frankreich heraus und nach Norwegen hineinkam, konnte Gjelland Norwegen nicht verlassen, um nach Tschechien einzureisen. Umso herzlicher war die Begrüßung für Gjelland, als er es zu einem Trainingslager in Letohrad schaffte. Lucie Charvátová sagte zu biathlon.cz: „Es ist gut, dass er wieder da ist. Es war gut, sein Feedback zu bekommen. Er motiviert und unterstützt uns sehr.“

Gestrandet fern der Heimat

Wie die Trainer mussten sich auch einige Athletinnen mit ungeplanten, langen Trennungen abfinden. Aus Amanda Lightfoots geplanten zwei Wochen bei ihrem Bruder und seiner Familie wurden 13 Wochen, als in Großbritannien Ausganssperren verhängt wurden. Da sie vor Ort keine Trainingsmöglichkeiten hatte, musste sie improvisieren und lief auf Inline Skates mit Skistöcken durch Mittelengland, was ihr „die merkwürdigsten Blicke von den Leuten einbrachte“. 

Anais Bescond hatte mehr Glück: Sie strandete (ohne Rückkehrmöglichkeit nach Frankreich, aber mit ihrem kanadischen Lebensgefährten) 3 Monate lang in Canmore, und dort „ist es so einfach zu trainieren... Mein Training war anders. Ich habe Mitte April mit Skilaufen angefangen, bin auch Rennrad fahren und laufen gewesen, was toll ist, weil ich letztes Jahr wegen meiner Knieverletzung nicht laufen konnte.“

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Optimismus

Egan war derweil zuhause in Lake Placid, hatte als Trainingsunterstützung den B-Kader und eine Mannschaftskameradin aus dem Entwicklungskader vor Ort und löste viel autodidaktisch. Auch wenn es bisweilen schwierig war, stellte sich Egan auf die Umstände ein und blieb zuversichtlich. „Ich kann mir sagen, dass ich hier mit Mannschafskameradinnen trainiere und es uns gut geht. Oder ich kann mich daran aufhängen, dass mir niemand hilft und ich meinen Trainer seit der Weltmeisterschaft nicht mehr persönlich gesehen habe, nur per Video. Es ist nicht so, als würde ich nicht betreut, es ist einfach anders. Ich muss das positiv sehen.“

Trainingslager-Sorgen

Der Sommer brachte die ersten Trainingslager, aber auch die liefen anders ab als in den vergangenen Jahren. Abstand am Schießstand und bei den Mahlzeiten, Masken und endloses Händewaschen dominierten. Bescond hatte Bedenken, was Trainingslager in der neuen Normalität angeht: „Wir wissen nicht, wie es weitergeht. Ich glaube nicht, dass es schön wäre, im Trainingslager zu sein und Abstand halten zu müssen. Das wird so komisch. Mir wird das nicht gefallen. Ich mag Menschen und küsse sie gern. Ich halte nicht gern Abstand zu Menschen.“ Wie alle anderen stellte sich auch die erfahrene Französin auf die neuen Umstände ein. Sie sagte: „Es sieht es gut aus für mich. Ich habe mir gesagt, dass es eine gute Entscheidung war, in diesem Jahr noch weiterzumachen.“

Gestrichene Rennen

Bescond gewann übrigens ihren 12. französischen Meistertitel in einem der wenigen Skiroller-Wettkämpfe des Sommers. Die meisten dieser Bergfeste in der Mitte des Trainingssommers, darunter auch die IBU SBWM in Ruhpolding, wurden gestrichen. Die, die stattfanden, wie Blink, die französischen und deutschen Meisterschaften sowie Wiesbaden fanden zwar statt, aber ohne Zuschauer, unter strengen Corona-Hygieneauflagen, mit Masken und Mattendesinfektion.

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Tschechische Mannschaft: „Wir sind sehr vorsichtig“

Wie ungewöhnlich dieser Biathlon-Sommer ist, wurde nochmal deutlicher, als der Cheftrainer der tschechischen Mannschaft Ondřej Rybář auf der Verbandswebseite ihre Regeln erklärte, die strenger sind als die Vorgaben der Regierung: „Wir sind sehr vorsichtig.“

Nichts soll dem Zufall überlassen werden, und so sind die Maßnahmen besonders streng. Wenn jemand in der Mannschaft positiv getestet wird, muss er oder sie gehen und darf nicht zurückkehren, bis ein negatives Testergebnis und eine Abschlussuntersuchung vorliegen. „Ob das nun ein Belastungstests sind oder eine Überprüfung, ob das Virus Herz oder Lunge geschädigt hat.“

Persönliche Verantwortung

Er sagte, für die gebotene Vorsicht hätten auch Athletinnen und Athleten eine „persönliche Verantwortung. Wo sie einkaufen gehen, wie sie sich schützen, ob sie Desinfektionsmittel verwenden und sich die Hände waschen. Sie sollten belebte Orte meiden und ein Visier oder eine Maske tragen, auch zuhause. Es geht um gesteigerte Vorsicht.“

Infektionsrisiken eindämmen

Zeitweise trainierten mehrere Mannschaften zusammen, um es für die Athletinnen und Athleten spannender zu machen, aber nun, da die Saison näher rückt, geht jeder wieder seiner Wege, um die Infektionsrisiken einzudämmen. Trotzdem gab es vor einem Trainingslager im Oktober ein positives Testergebnis bei den Junioren und die Mannschaft musste für fünf Tage in Quarantäne, bis alle negativen Testergebnisse vorlagen.

Die Auflagen sind ebenso streng, wenn die Mannschaft unterwegs ist, wie neulich im Trainingslager in Pokljuka. Rybář erklärte: „Unterwegs isolieren sich die Mannschaften in Hotels. Wir suchen uns Unterkünfte, in denen wir unseren eigenen Koch mitbringen können oder in denen so wenige Menschen wie möglich anwesend sind. Die Jungs waren zum Beispiel in Pokljuka nur mit der slowenischen Mannschaft untergebracht. Für andere Gäste war das Hotel geschlossen. Das Hotel hat sich dafür gesorgt, dass so wenig Menschen wie möglich da sind und dass das Personal nicht gewechselt hat: Ein Koch, eine Reinigungskraft.“

„Tun unser Möglichstes, um Wettkämpfer zu schützen“

Das Schlusswort des erfahrenen Trainers dürfte kurz vor dem Beginn der neuen Saison wohl vielen Mannschaften aus der Seele sprechen: „Es liegt jetzt in der persönlichen Verantwortung der Athletinnen und Athleten, die Sache so ehrlich anzugehen wie im Frühling. Sie wollen sich gut auf die neue Saison vorbereiten und Ausfallzeiten vermeiden... Wir müssen unser Möglichstes tun, um die Wettkämpfer zu schützen. Das soll nicht heißen, dass der Sport zurzeit wichtiger ist als alles andere. Aber jeder versucht eben, seinen Job so gut wie möglich zu machen. Keiner will riskieren, die ganze harte Arbeit umsonst geleistet zu haben. Deswegen muss sich jeder so verantwortungsvoll wie möglich verhalten.“

Saisonvorbereitung in einem ungewöhnlichen Sommer

Die Welt hat sich im langen Vorlauf zu dieser neuen Saison verändert, und hinter jeder Ecke lauern neue Warnungen. Die BMW IBU Weltcupsaison 2020/21 rückt trotzdem unaufhaltsam näher, Tag für Tag, Maßnahme für Maßnahme.

Photos: IBU/Petr Slavik, Bjoern Reichert, Harald Deubert, Clare Egan, Egil Krisatiansen

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