Schneegefühl in Sjusjøen

Schneegefühl in Sjusjøen

Bei der Anfahrt zum Sjusjøen Skisenter ist kaum zu übersehen, dass die BMW IBU Weltcupsaison 2019-20 vor der Tür steht. Ein Wachstruck reiht sich an den nächsten, Frankreich, Norwegen, Deutschland und die Tschechische Republik, und drinnen herrscht Hochbetrieb.

Schneegefühl in Sjusjøen

Bekannte Gesichter, bekannte Teams
Im Stadion sieht ein Trainingstag ähnlich aus wie ein Trainingstag im Weltcup, denn neben den großen Mannschaften sind auch China, Bulgarien, Lettland, Korea, Litauen und die Ukraine mit von der Partie. Auf den 41 Schießbahnen und entlang der Strecke entdeckt man viele bekannte Gesichter, unter anderem Martin Fourcade, Quentin Fillon Maillet, Dorothea Wierer, Lisa Vittozzi, Arnd Peiffer, Marketa Davidova, Anais Bescond, Denise Herrmann und Simon Schempp.

Schneegefühl in Sjusjøen
Schneegefühl in Sjusjøen

Echte Winterbedingungen
Für alle Mannschaften ist Sjusjøen die letzte Station vor dem Saisonstart in Östersund. Vor allem aber kann man in Sjusjøen von echtem Schneetraining sprechen, denn das hier ist kein hochgelegener Gletscher, auf dem alle im Kreis fahren wie die Hamster im Rad, oder ein Skitunnel mit Kunstschnee. Sjusjøen hat mehr als 5 km präparierte Strecken mit gelagertem Schnee als Basis und einer Lage Neuschnee obendrauf, die jeden Tag ein bisschen dicker wird. Die Bedingungen sind ausgesprochen gut: Die Strecken sind breit und gut präpariert, die Temperaturen liegen um minus sechs Grad und obwohl so viele Mannschaften da sind, ist es nicht zu voll. Jeder hat genug Platz, um seine Arbeit zu machen, auch wenn man am Nachmittag um Nachwuchsteams und Touristen herumkurven muss.

Getümmel

In diesen letzten zwei Wochen hat jede Mannschaft die gleichen Ziele: Das Gefühl für den Schnee wiederfinden und noch das letzte Bisschen Tempo herausholen, um für die ersten Wettkämpfe bereit zu sein. Manche Athleten bleiben in der Nähe und drehen unzählige kurze Stadionrunden, während andere anspruchsvollere lange Runden laufen. Jede Mannschaft trainiert nach einem anderen Plan, sodass morgens bei den ersten Einheiten ein ganz schönes Getümmel herrscht.

Schneegefühl in Sjusjøen

Italienische Duelle am Schießstand
Die Italiener entschieden sich für die längere, härtere Option mit 2 x 15 Minuten harten Runden, zwei Schießeinlagen, immer zu zweit, und das über eine zweistündige Trainingseinheit bei heftigem Schneefall. Die Massenstarts für die Männer und Frauen sahen aus wie im Weltcup, nur mit weniger Startern: Vom Start weg legten sich alle ins Zeug, und auch die Duelle am Schießstand konnten sich sehen lassen. Wierer und Vittozzi blieben zusammen, weit vor ihren Mannschaftskameradinnen, während Lukas Hofer die Männergruppe anführte. Nach dem zweiten Intervall gestand eine ermattete Dorothea Wierer: „Es war hart, der Schnee war so langsam, aber das ist schon in Ordnung... es ist Winter.“

Schneegefühl in Sjusjøen

Tschechische Mannschaft: Sprints und das Gefühl für den Schnee
Die tschechische Frauenmannschaft kämpfte sich durch mehrere 150-Meter-Startsprints mit zwei Schießeinlagen. Der Frauentrainer Egil Gjelland sagte: „Das machen wir in dieser Saison zum ersten Mal, und manche von ihnen sehen aus wie Anfängerinnen. Sie müssen einfach wieder ein Gefühl für den Schnee bekommen. Auf Skirollern ist es pure Kraft, hier geht es allein ums Gefühl. Der erste Tag hier auf Schnee ist so klasse, dass man es schnell übertreibt. Wir versuchen, sie ein bisschen zu bremsen und ein moderates Training zu absolvieren, es nicht zu schnell zu hart anzugehen, sondern bereit zu sein, wenn die Rennen losgehen.“

Schneegefühl in Sjusjøen

Chinesische Mannschaft mit einer Biathlon-Legende
Weiter hinten am Schießstand trainiert die große chinesische Mannschaft unter der Leitung des neuen Cheftrainers Ole Einar Björndalen mit seiner Frau Darya Domracheva als Frauentrainerin. Das Power-Duo war mit seinen Schützlingen auf der Strecke unterwegs. Björndalen kommt auf Skiern mit einem der Männer hineingelaufen. Der Physio macht einen schnellen Laktattest. Björndalen fragt: „Unverändert? Dann kann er noch ein bisschen schneller laufen.“ Der Kommentar wird verdolmetscht, und mit einem schnellen Blick laufen die Biathlonlegende und der junge Athlet zur nächsten Runde aus dem Stadion.

Schneegefühl in Sjusjøen

Aufs Schießen konzentrieren
Der erfahrene Schießtrainer Jean Pierre Amat steht mit wachsamem Blick an der Feuerlinie und kommentiert jede Schießeinlage. Amat freut sich, in Norwegen zu sein. „Bei unserem letzten Trainingslager in China war es jeden Tag sehr windig. Es war sehr schwer, überhaupt zu arbeiten. Es war ein Kampf, die Scheiben zu treffen. Bei diesen Bedingungen, selbst mit dem Schnee, ist es viel einfacher. Unsere Frauenmannschaft ist erfahrener und schießt sehr gut. Einige der Männer haben weniger Erfahrung. Für sie gibt es noch viel zu lernen.“

Am Schießstand müssen sich Amat und Trainer Tobias Torgersen nur auf die Athletinnen und Athleten konzentrieren. Die chinesische Mannschaft hat einen enorm großen Helfer- und Dolmetscherstab, also steht immer jemand bereit, um den schweren Schnee von den Schießmatten zu fegen, anders als bei den Kollegen, die das Trefferbild kontrollieren, notieren und dann vor der nächsten Runde fegen.

Schneegefühl in Sjusjøen

Französische Sprinter​Die Franzosen taten es den Tschechinnen gleich und legten einige Sprints ein, um die schnellen Muskeln wieder zu aktivieren, die man für einen explosiven Start schon sehr bald wieder brauchen wird. Der Ablauf war allerdings etwas anders: Zu zweit sprinteten sie etwa 100 Meter geradeaus, schnappten sich die Gewehre aus den ausgestreckten Händen von Trainer Vincent Vittoz, liefen in den Schießstand für eine Schießeinlage, zurück zum Trainer, gaben ihm die Waffen und fingen wieder vorn an. Natürlich wurde auch hier der eine oder andere Sprint verstolpert, aber wie man es von den Franzosen kennt, blieben nur wenige Scheiben stehen.

Schneegefühl in Sjusjøen

Aus dem ersten Schneetraining bei echten Winterbedingungen in Sjusjøen holt jede Mannschaft das Maximum heraus. Es gilt, das Gefühl für die Skier wiederzubekommen - und sich für die Wettkämpfe bereitzumachen.

Top