Tiril Eckhoff jagt Tora Bergers Rekord

Tiril Eckhoff jagt Tora Bergers Rekord

Sowohl bei den Damen als auch bei den Herren ist das Rennen um den Gesamttitel im BMW IBU-Weltcup fest in norwegischer Hand. Allein die Schwedin Hanna Oeberg scheint aktuell in der Lage, die norwegische Phalanx zu durchbrechen und im Wettstreit um die Große Kristallkugel noch ein Wörtchen mitzureden. Aber wir wissen: Auch im Biathlon kann sich der Wind immer drehen, schließlich liegen Erfolg und Misserfolg oft nah beieinander.

Tiril Eckhoff jagt Tora Bergers Rekord
  • Tiril Eckhoff so gut wie noch nie

Nachdem Tiril Eckhoff die beiden Weltcups in Hochfilzen mit zwei ersten und zwei zweiten Plätzen verließ, stand vor dem Auftakt ins Jahr 2021 in Oberhof nur eine Frage im Raum: Kann die Norwegerin ihre gute Form auch nach der Weihnachtspause aufrechterhalten?

In ihrer bisherigen Karriere zeigt sich Eckhoff als unglaublich entschlossene und lebhafte Athletin. Hinter ihrer manchmal etwas kecken Art verbirgt sich aber auch eine Frau, die ihrem Sport sehr eng verbunden ist und die nach so manchem sportlichen Misserfolg viele bittere Tränen vergossen hat. Vor zwei Jahren erlebte Tiril Eckhoff in der Sommervorbereitung gewissermaßen Glück im Unglück: Nach einer Hüftverletzung hatte sie plötzlich alle Zeit der Welt, um unter den wachsamen Augen vom damals neuen Trainer Patrick Oberegger ihre Schießtechnik zu verbessern. Gleichzeitig legte sie an mentaler Stärke zu. In der Vorsaison feierte sie im Dezember und in der ersten Januarhälfte herausragende Ergebnisse. Doch letztlich gelang es ihr damals nicht, die famose Form bis zum letzten Saisonrennen aufrechtzuerhalten. Mit Ausnahme des Saisonauftakts in Kontiolahti scheint Eckhoff im Winter 2020/21 endlich alle guten wie weniger guten Facetten, die ihr der Biathlon zu bieten hat, angenommen zu haben. Sie hat zudem gelernt, positiven Schwung voll auszunutzen und die unvermeidlichen Rückschläge so gering wie möglich zu halten.

Tiril Eckhoff jagt Tora Bergers Rekord

In den ersten 13 Wettkämpfen der Saison stand die Norwegerin gleich sechs Mal ganz oben auf dem Treppchen. Laut Reglement fließen von den 26 möglichen Ergebnissen 22 in die Saisonabrechnung ein. Daher können die beiden schlechtesten Ergebnisse der ersten Saisonhälfte (die Plätze 43 und 67 beim Saisonauftakt in Kontiolahti, für die es keine Weltcup-Punkte gab) für Eckhoff getrost als Streichergebnis herhalten. Aktuell steht sie bei 560 Zählern, was für ihre elf gewerteten Rennen einem Schnitt von 50,9 Punkten pro Wettkampf entspricht. Dieser Wert ist herausragend und wird nur von Tora Berger getoppt, die 2012/13 sagenhafte 51,4 Punkte pro Wettkampf verzeichnete und sich am Ende jener Saison auch den Titel im Gesamtweltcup sicherte. Bei noch 13 ausstehenden Wettkämpfen ist es nicht ausgeschlossen, dass Tiril Eckhoff dank ihrer großartigen Form und mentalen Stärke noch besser als seinerzeit Tora Berger abschneiden könnte.

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Etwas dagegen dürften indes Marte Olsbu Roeiseland, aktuelle Trägerin des Gelben Trikots, und die Schwedin Hanna Oeberg haben. Zieht man bei Olsbu Roeiseland die beiden schlechtesten Ergebnisse aus der ersten Saisonhälfte ab (Rang 24 und ein achter Platz), steht sie aktuell bei 528 Zählern, was einem Durchschnitt von 48 Punkten pro Wettkampf entspricht. Oeberg (deren niedrigste Platzierungen bisher die Plätze 29 und 14 waren) weist 511 Punkte und durchschnittlich 46,45 Zähler pro Wettkampf auf. Während Oeberg vor allem auf die Wettbewerbe mit vier Schießeinlagen schaut, konzentriert sich Olsbu Roeiseland auf die kürzeren Strecken, um Tiril Eckhoff im Zaum zu halten. Olsbu Roeiseland hat dabei natürlich sehr gute Erinnerungen an Antholz, wo sie bei den letztjährigen IBU-Weltmeisterschaften in allen sieben Rennen eine Medaille holte. Wir dürfen also ohne jeden Zweifel hochspannende Wettkämpfe erwarten.

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  • JT Boe kontrolliert den Sprint, nicht aber Sturla Holm Laegreid

JT Boe kam stark wie angekündigt aus der Weihnachtspause zurück: Auf den Ski zeigt er weiterhin seine (überwältigende) Dominanz und als bester Athlet im Sprint weiß er, dass er auch mit einem Schießfehler noch gewinnen kann. Der Norweger holte in Oberhof seinen 50. Weltcupsieg und kündigte an, dass alle weiteren Erfolge fortan auf das Konto seines Sohns Gustav gehen würden.

Am Schießstand hingegen zeigte sich der Norweger weniger überzeugend: In den beiden Wettkämpfen mit vier Schießeinlagen leistete er sich insgesamt elf Fehler, landete am Ende aber trotzdem noch auf den Plätzen sieben und acht. Sturla Holm Laegreid gewann in Oberhof einmal, wurde je einmal Zweiter und Dritter und hat zudem einen zwölften Platz zu Buche stehen. Dabei konnte er seine Laufleistung von -3 % auf -4 % verbessern und seine Trefferquote auf 95 % steigern (ohne Staffelrennen). Zieht man bei JT Boe die beiden schlechtesten Ergebnisse der ersten Saisonhälfte ab (die Plätze sieben und acht), liegt er bei 548 Punkten, was 49,8 Zählern pro Wettkampf entspricht. Sturla Holm Laegreid kommt ohne seine niedrigsten Platzierungen (18. und 22.) auf 522 Zähler und durchschnittlich 47,45 Punkte pro Wettkampf. Laegreid wird seine Trefferquote bei 94 % halten müssen, um JT Boe auf den Fersen zu bleiben. Der aktuell Führende wird seine eigene Schießleistung von 86 % wiederum verbessern wollen, um genau das zu verhindern. Auch JT Boe liebt Antholz. Dort stand er sechs Mal ganz oben auf dem Treppchen, holte zwei Mal Silber und einmal Bronze. Sturla Holm Laegreid feiert indes seine Premiere in Südtirol.

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Hinter JT und Laegreid kämpfen Tarjei Boe und Johannes Dale um Rang drei in der Gesamtwertung. Mit etwas Glück bietet sich ihnen vielleicht noch eine Außenseiterchance, um ganz oben anzugreifen. Ohne die beiden schlechtesten Ergebnisse aus der ersten Saisonhälfte (Platz 15 und 13) liegt Tarjei bei 458 Weltcup-Punkten und 41,6 Zählern pro Wettkampf. Dale (23. und 16. als aktuelle Streichergebnisse) weist 456 Punkte oder 41,45 Zähler pro Wettkampf auf.

Ein Blick auf den Rest: Lukas Hofer (Italien) feierte in Oberhof vier Top-Ten-Platzierungen und machte vor allem mit seiner tollen Laufleistung auf sich aufmerksam. Die französischen Skijäger können den Norwegern in dieser Saison bis dato nicht das Wasser reichen. Die Schweden hatten nicht die besten Ski und bei den deutschen Biathleten wechselten sich Licht und Schatten in den beiden Oberhof-Wochen ab, was wohl ebenfalls auf die Ski-Präparierung zurückzuführen ist. Auch in dieser Hinsicht sind die Norweger der Konkurrenz aktuell weit voraus.

Foto: IBU/Christian Manzoni

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