Trainer im Fokus: Franck Badiou

 Trainer im Fokus: Franck Badiou

Die meisten Schießtrainer im Weltcup sind am Schießstand Experten und können fast jedes Gewehrproblem beheben. Franck Badiou, der Schießtrainer der französischen Frauen, geht noch einen ganzen Schritt weiter. Mit akribischer Detailgenauigkeit baut er die Gewehrschäfte für die gesamte französische Mannschaft, von den Junioren- und IBU-Cup-Mannschaften bis hin zum Weltcupteam.

 Trainer im Fokus: Franck Badiou

Über 1000 Schäfte 
In seiner kleinen Werkstatt im Nordischen Trainingszentrum in Premanon denkt Badiou zurück: „Ich habe sogar schon recht früh in meiner sportlichen Karriere meine ersten Schäfte gebaut, vor 34 Jahren, als ich achtzehn war. Statt eines Führerscheins bekam ich meine erste kleine Drehbank. Ich habe mir gedacht, das ist wichtiger.“ Der Franzose, der 1992 im Luftgewehrschießen eine olympische Silbermedaille gewann, erzählt weiter: „Am Anfang war das nur für mich, und dann haben mich auch andere darum gebeten. Ich habe in meiner Laufbahn weit über 1000 Schäfte gebaut, die meisten davon für Biathlon.“

 Trainer im Fokus: Franck Badiou

Zurück im Weltcup
Als Schießtrainer der französischen Männer stand er am Glas, als Martin Fourcade in Pyeongchang seine vielen Goldmedaillen gewann. Dann verabschiedete er sich aus der Weltcup-Mannschaft (inzwischen ist Patrick Favre der Schießtrainer der Männer), auch wegen der vielen Reisen, um sich auf die Waffenherstellung zu konzentrieren und seine Fähigkeiten an die nächste Generation von Junioren und Trainern zu helfen. Im Frühjahr dieses Jahres wurde er dann zurück in die Weltcupmannschaft der Frauen gerufen. „Stephane Bouthiaux hat mich gefragt. Ich habe gesagt, ‚Wenn du meinst, dass das wichtiger ist als die nächste Generation.‘ Er hat gesagt, die (Weltcup-) Frauen seien unser Aushängeschild... Ich glaube, ich kann mit ihnen in den drei Jahren bis zu den Winterspielen einiges verbessern.“

 Trainer im Fokus: Franck Badiou
 Trainer im Fokus: Franck Badiou

„Die Waffe beherrschen“

„Die Frauen scheinen in den letzten zwei Jahren im Liegendanschlag ein wenig die Konstanz eingebüßt zu haben. Wir sind nicht zur Grundlagenarbeit zurückgekehrt, aber ich konzentriere mich jetzt auf den Anschlag, weil damit alles beginnt. Man muss lernen, wie man den Anschlag so aufbaut, dass die Waffe jedes Mal an genau derselben Stelle sitzt. Das ist gar nicht so einfach. Ich verändere nicht ihren Stil. Julia Simon schießt schnell, wie auch einige andere, aber sie sollen gar nicht alle gleich werden...Wir wissen und wollen, dass das Schießen automatisch geschieht, aber ich will, dass die Athletin einige Dinge (bewusst) kontrolliert, wie den Anschlag, die Abzugskraft oder das Zielen. Ich will, dass sie die Waffe unter Kontrolle haben, dass sie sie beherrschen.“

 Trainer im Fokus: Franck Badiou

60 Stunden für einen neuen Gewehrschaft
Um diesen optimalen Anschlag im Liegen oder Stehen zu erreichen, braucht man zunächst einen nach Maß gefertigten Gewehrschaft. Die kommen nicht vom Fließband, sondern werden von Badiou in seiner Werkstatt entworfen und gebaut. „Vom Stück Holz bis zum wettkampfbereiten Gewehrschaft brauche ich etwa 60 Stunden.“ Badiou arbeitet einen ganzen Morgen lang mit einer Handfräse und einer Mini-Bandschleifmaschine an einem Gewehr für Junior Sebastien Mahon. Nachdem er die Maße noch ein letztes Mal überprüft hat, ist Badiou zufrieden. „Da stecken jetzt etwa 50 Stunden Arbeit drin, jetzt kann er das ein paar Tage lang testen. Dann kommt er wieder zu mir und wir machen den Feinschliff. Das sind noch einmal etwa zehn Stunden, und dann ist es fertig.“ Mit dem neuen Schaft in der Hand, dem erste seit fünf Jahren, strahlt sein junger Schützling: „Ich bin sehr zufrieden damit.“

 Trainer im Fokus: Franck Badiou

Walnuss, Ahorn und Bambus
Dieses neue Gewehr hat mit den Biathlongewehren von vor 20 Jahren nur noch wenig gemeinsam. Auch wenn System und Lauf beim Anschütz Fortner noch die gleichen sind, hat sich alles andere geändert. „Die Position der Magazine, die Anordnung von Griff und Schloss, die Form des Schafts und die Materialien haben sich (grundlegend) verändert, alles um die Athleten effizienter zu machen. Wir haben viele Jahre damit verbracht, die perfekte Basis zu finden: synthetische Materialien, Kohlenstofffasern und natürlich das perfekte Holz. Momentan verwenden wir Walnuss, das am weitesten verbreitete Material, wenn auch nicht das beste, außerdem Ahorn.“ Mit Blick auf Mahons Gewehr sagt er: „Dieses ist aus Bambus, ein Furnier. Wir finden das ideal, weil es wie eine Geige stark, aber weich ist und die Vibration vom Schuss absorbiert.“

 Trainer im Fokus: Franck Badiou

In einen Schaft hineinwachsen
Diese neuen Schäfte sollen, wie die meisten, die Badiou baut, mehrere Jahre halten. „Die ehemalige sowjetische Mannschaft verwendete einen Schaft für einen gesamten Olympiazyklus. Das war simpel, aber es hat funktioniert. Man wächst (im Laufe der Zeit) in einen Schaft hinein.“ Von diesem Langzeit-Ansatz wollten die ehemaligen französischen Stars Raphael Poirée und Sandrine Bailly aber nichts hören. „Raphael und Sandrine haben fast jedes Jahr gewechselt. Raphael war ein sehr guter Schütze, aber der Schafttausch war seine Art, mal etwas Neues auszuprobieren. Am Ende blieb er dann doch immer beim alten Schaft und hatte bestätigt, dass das Original wirklich gut war.“

 Trainer im Fokus: Franck Badiou

Elf Schäfte fertig
In diesem Frühjahr hat Badiou 11 neue Gewehrschäfte gebaut: Drei für die Weltcup-Mannschaft, drei für die IBU-Cup-Mannschaft und fünf für Junioren. „Bei den Junioren ist es mehr Arbeit, weil sie die Erfahrung nicht haben und Beratung brachen. In solchen Fällen muss ich manchmal zum Trainer werden, weil sie Hilfe brauchen.“ Natürlich hat er auch nach Abschluss der 11 Projekte in seiner Werkstatt immer etwas zu tun: Reparaturen, Anpassungen oder eben noch einen neuen Schaft. „Dieser ist für Julia Simon. Wir hoffen, dass wir in der nächsten Saison schon verwenden können, aber er ist noch nicht fertig. Ich hoffe, dass ich ihn bis zum Blink Festival Ende Juli fertigbekomme.“

 Trainer im Fokus: Franck Badiou
 Trainer im Fokus: Franck Badiou

Alles richtig gut machen

Auch während er seine hochpräzisen technischen Kunstwerke schafft, ist Badiou im Kopf immer noch Trainer und Lehrer. Dank langer Jahre als erfolgreicher Athlet und Trainer hat er einen besonders tiefen Einblick gewinnen können. Er bestätigt, dass die größte Schwierigkeit für einen aufstrebenden Biathleten darin besteht, „das Gleichgewicht zu finden“ (zwischen den Anstrengungen auf der Strecke und dem Schießstand). Gleichzeitig erkennt er das besondere Talent in Champions wie seinem Schützling Fourcade.  „Sie wollen alle Scheiben treffen und denken an das Resultat, aber zu dem automatisch ablaufenden Prozess kommen auch noch die technischen Fähigkeiten. Sie denken sich ‚Ich will das gute Resultat, aber jetzt mache ich erstmal mit meinem Gewehr alles richtig gut, um dieses Resultat zu produzieren, einen Schuss nach dem anderen.‘ Das unterscheidet die Besten vom Rest.“

 Trainer im Fokus: Franck Badiou

Nicht Arbeit oder Beruf, sondern eine Leidenschaft
Mit Blick auf seine vielseitige Tätigkeit erinnere ich mich immer: „Wenn man Athlet ist, weiß man nicht genau, warum man seine Disziplin liebt, aber man nutzt das, um ein Champion zu werden. Wenn man Trainer wird, versucht man, alles weiterzugeben, was man gelernt hat. Aber vor allem denke ich, dass es ... kein Beruf ist. Es ist keine Arbeit. Natürlich muss man arbeiten und hart trainieren, um besser zu werden, aber man muss auch die einfachen Dinge immer noch lieben, schätzen und leidenschaftlich dafür brennen. Alles das, um ein kleines Stück Blei genau in der Mitte einer 50 Meter entfernten Zielscheibe zu versenken.“

Photos: IBU/Jerry Kokesh, Nordic Focus, Alexis Boeuf, Rossignol Nordic

Top