Training in Corona-Zeiten: Flexibilität und geänderte Pläne

Training in Corona-Zeiten: Flexibilität und geänderte Pläne

Der Ausbruch der Corona-Pandemie sorgte zunächst für ungewohnte Bilder in den letzten Wochen der BMW IBU Weltcupsaison, dann sogar für ein vorzeitiges Saison-Ende. Seither hat sich die Welt mit Quarantänemaßnahmen, Ausgangsbeschränkungen und Grenzschließungen drastisch verändert. Wenn nun für die Athletinnen und Athleten die Vorbereitung für die BMW IBU Weltcupsaison 2020/2021 beginnt, wird das Training anders aussehen als in den Vorjahren: Mehr Abstand, viele Videokonferenzen, Gesundheits-Checks, weniger Reisen und kleinere Trainingsgruppen gehören jetzt zum Alltag.

Zwei Mannschaften, die US-Frauenmannschaft und die schwedische Mannschaft, haben flexibel auf diese neue Situation reagiert und ihre Pläne an die neuen Umstände angepasst. Jede Mannschaft befindet sich in einer außergewöhnlichen Situation. Der Trainer der US-Frauenmannschaft Armin Auchentaller ist zuhause in Antholz, seine Athletinnen sind in ihren jeweiligen amerikanischen Heimatstädten, „manche mit guten Trainingsmöglichkeiten, andere nicht so, weil die Regeln in jedem Staat anders sind.“ Auch der schwedische Cheftrainer Johannes Lukas sitzt zuhause in München, während seine gesamte schwedische Mannschaft allerdings in Östersund lebt und trainiert.

Training in Corona-Zeiten: Flexibilität und geänderte Pläne

Kommunikation
In diesem Frühling sind Videokonferenzen für Trainer und Athleten plötzlich Alltag geworden. Lukas sagt: „Wir haben jede Menge Online-Meetings gehabt, in den letzten Wochen fast den ganzen Tag lang. Das ist eigentlich ganz gut gelaufen, aber es kostet mehr Zeit. Wir haben online die Trainer-Nachbesprechung der Saison abgehalten, die neue Saison geplant, dann die Nachbesprechung mit den Athletinnen und Athleten gemacht und die Änderungen für das nächste Jahr besprochen. Das waren viele Besprechungen, aber ich glaube, wir haben es ganz gut hinbekommen.“

Auchentaller berichtet, dass er in engem virtuellem Kontakt mit den USA steht. „Wir machen Videokonferenzen, Präsentationen auf Zoom, Einzelgespräche mit den Athletinnen und Athleten und werden in ein paar Tagen für das gesamte Team eine Einführung in die neue Saison veranstalten. Wir haben großes Glück, dass die Technologie inzwischen so weit ist, dass diese Dinge möglich sind.“

Training in Corona-Zeiten: Flexibilität und geänderte Pläne

Umgang mit einer „noch nie dagewesenen Situation“
Beide Trainer erklären, dass das Corona-Virus ihre sorgfältig ausgearbeiteten Pläne über den Haufen geworfen hat, aber dass sie die Pläne nun angepasst haben und das auch weiterhin tun werden, wenn sich die Umstände ändern. Der US-Trainer dazu: „Wir haben einen Plan erstellt, der uns ideal auf die Saison vorbereiten würde, wenn alles normal wäre. Diesen idealen Plan werden wir natürlich anpassen müssen, weil in den USA die Situation im Osten ganz anders ist als im Westen. Das Olympia-Trainingszentrum in Lake Placid (der Stützpunkt der Mannschaft) ist noch nicht wieder geöffnet, wird aber unter entsprechenden Vorkehrungen öffnen, sobald das möglich ist. Die Anpassung der Pläne wird in dieser ersten Trainingsphase einen Großteil der Arbeit ausmachen: Im Mai, Juni und Juli werden wir manche Aspekte täglich oder wöchentlich bewerten müssen und schauen, wie wir für Training und Entwicklung das Beste herausholen können.“ Weiter sagte er: „Ich bin dieses Trainieren auf Distanz gewöhnt, aber diesmal ist es doch anders, weil ich in der Vergangenheit in die Trainingslager fahren konnte. Jetzt kann ich das nicht. Das Frühjahrs-Ski-Camp in Bend in Oregon haben wir abgesagt. Wie wollen im Juni ein Trainingslager veranstalten, aber das ist noch in der Schwebe, weil dies eine weltweit noch nie dagewesene Situation ist. Wir werden schauen, wie sich die Dinge in den nächsten Wochen entwickeln und wenn nötig auch kurzfristig Entscheidungen treffen. Wir müssen flexibel bleiben und einen Plan B oder C in der Hinterhand haben... Kreativität und Improvisationstalent sind zwei Fähigkeiten, die man in diesen Zeiten unbedingt braucht.“

Eigeninitiative und Motivation

Auchentaller sieht diese Zeit auch als eine Gelegenheit für seine Athletinnen, beim unabhängigen Training zuhause selbst die Verantwortung für ihre Entwicklung zu übernehmen. „Diese Zeit steckt voller Herausforderungen. Sie bietet jedem die Gelegenheit, noch konzentrierter zu arbeiten. Man muss mehr miteinander sprechen, aufmerksamer sein. Die Athletinnen brauchen mehr Eigeninitiative und Disziplin, um sich zu verbessern. Sie können mehr über sich selbst lernen, auch wenn kein Trainer vor Ort ist.“

Training in Corona-Zeiten: Flexibilität und geänderte Pläne

Auch wenn Lukas in München und nicht bei der Mannschaft ist, hat er den Vorteil, dass das gesamte Team zusammen in Östersund ist und dort auch vier Trainer leben. Und doch hat das Coronavirus seine Trainingspläne durcheinandergewirbelt. „Für uns war das eine große Umstellung, weil wir als Mannschaft für unsere Trainingslager sonst viel reisen. Wir reisen zusammen und trainieren zusammen. Wir bauen unsere Saison auf Trainingslagern mit unterschiedlichen Schwerpunkten auf. Im Trainingslager auf Kreta Anfang Mai fahren wir viel Rennrad. Dann machen wir viel Höhentraining in den Alpen und fahren danach nach Ruhpolding und vielleicht im Juli nach Frankreich. Das stand alles schon in meinem Saisonplan. Den mussten wir jetzt natürlich ändern, und auch insgesamt die Trainingsorganisation. Der Mai bringt in Schweden ungewöhnliches Wetter. In Mitteleuropa ist es warm und man kann lange Rennradtouren einplanen. In Östersund liegen die Temperaturen um den Gefrierpunkt und es gibt noch Schnee. Da ist es nicht einfach, lange Ausdauer-Einheiten unterzubringen. Deswegen sind wir um diese Zeit gerne auf Kreta und an wärmeren Orten. Wir mussten das Training anpassen, und ich glaube, das ist uns gut gelungen. Ich bin zuversichtlich, was unseren neuen Plan angeht.“

Zuhause bleiben hat Vor- und Nachteile
Unabhängig davon, wie gut die Lebens- und Trainingssituation in Östersund sich entwickelt, erwartet Lukas, dass diese Saison alle auf die Probe stellen wird. „Dass alle in Östersund sind, hat sich für uns sehr gut ergeben, das funktioniert sehr gut. Wir können ein Fitnessstudio nutzen, was derzeit in Deutschland zum Beispiel nicht erlaubt ist. Natürlich wird es spannend zu sehen, ob im Juli vielleicht irgendwann Langeweile aufkommt: Immer die gleichen Leute beim Training, immer die gleiche Gegend, die gleichen Skiroller-Strecken. Wir wollen die Gruppen aufteilen und ein paar Trainingslager zuhause abhalten, kleine Veränderungen einbauen, um die Motivation hoch zu halten. Ein großer Vorteil ist natürlich, dass die Athletinnen und Athleten weniger unterwegs sind, mehr Zeit bei ihren Familien verbringen können und sich besser erholen.“

Training in Corona-Zeiten: Flexibilität und geänderte Pläne

Jede Mannschaft und jeder Verband wird besondere Vorkehrungen treffen, um die Sicherheit und Gesundheit aller unter diesen neuen Trainingsbedingungen zu gewährleisten. Sowohl die amerikanische als auch die schwedische Mannschaft haben Pläne für ihre jeweilige Situation ausgearbeitet.

Detaillierte Richtlinien
Auch wenn es noch eine Weile dauern wird, bis Auchentaller und seine Mannschaft sich in einem Trainingslager wiedersehen, werden alle Vorbereitungen getroffen, damit alle sicher und gesund trainieren können. Der Geschäftsführer des US-Biathlon Max Cobb dazu: „Das amerikanische Olympische und Paralympische Komitee hat detaillierte Richtlinien für die Durchführung von Trainingslagern mit entsprechenden Vorkehrungen herausgegeben. Dazu gehören unter anderem Tests, Tests während der Trainingslager, Fiebermessen, Hygienemaßnahmen und Selbstkontrolle. Natürlich gehört einiges davon ohnehin schon zu unserem Standard. Die Gesundheit und das Wohlergehen unserer Athletinnen gehört zu unseren obersten Prioritäten, und auch die Athletinnen selbst geben gut auf sich acht.“

Training in Corona-Zeiten: Flexibilität und geänderte Pläne

Keine Risiken in Schweden
Unter diesen neuen Trainingsbedingungen lassen Athleten und Trainer natürlich besondere Vorsicht walten, um gesund zu bleiben. Die schwedische Mannschaft lebt in einer Art Blase und hat den Kontakt zur Außenwelt auf das Nötigste zurückgefahren. „Als Verband versuchen wir, die Risiken so weit wie möglich zu minimieren. Wir nutzen keine öffentlichen Fitnessstudios. Wir haben uns jetzt ein eigenes Fitnessstudio eingerichtet, beschränken da aber auch die Zahl der Athleten auf fünf, auch wenn der Raum sehr groß ist. Die Kickoff-Veranstaltung für die A- und B-Mannschaften, bei der wir sonst etwas zusammen unternehmen, haben wir abgesagt. Das Risiko konnten wir einfach nicht eingehen. Wir versuchen, die Mannschaft so weit wie möglich zu isolieren. Trotzdem trägt natürlich jede Athletin und jeder Athlet auch eine persönliche Verantwortung. Sie müssen zum Teil allein trainieren, in Gruppen nur mit der Mannschaft und auch darüber nachdenken, wohin sie gehen und mit wem sie sich treffen. Ich muss sagen, dass alle sehr gut mit der Situation umgehen.“

Das ist ein Beispiel dafür, wie zwei Mannschaften mit dem Wiedereinstieg ins Training während der Corona-Pandemie umgehen. Jede Mannschaft wird Vorkehrungen treffen, um sicherzustellen, dass ihre Athletinnen und Athleten sicher und gesund in die neue Trainingssaison starten können.

Photos: IBU/ Jerry Kokesh, Christian Manzoni

Top